Leute von heute

SERIE – Teil 3: Grenz-Echo brauchte mehr Marketing – Der Coup mit „Kaiser“ Franz Beckenbauer

Franz Beckenbauer am 15. September 2005 mit der aktuellen Ausgabe des Grenz-Echo in der Hand. Foto: Gerard Cremer

„Ostbelgien Direkt“ veröffentlicht Teil 3 der Serie zum 90-jährigen Bestehen des Grenz-Echo in diesem Jahr. Autor dieses Rückblicks der etwas anderen Art ist Gerard Cremer, von 1993 bis 1999 Grenz-Echo-Redakteur, von 2005 bis 2012 Chefredakteur und seit 2012 Herausgeber von „Ostbelgien Direkt“.

In den letzten 20-25 Jahren hat es im Grenz-Echo in einigen Bereichen gewaltige Fortschritte gegeben, andere Bereiche hingegen hinken der Zeit noch hinterher.

Große Fortschritte gab es u.a. im Bereich Zeitungsmarketing, in der Berichterstattung über Deutschland, die jahrelang völlig vernachlässigt wurde, weil man als einst belgophile Zeitung lange Zeit kein unkomplexiertes Verhältnis zum Nachbarland hatte, oder auch bei der Toleranz gegenüber kritischen Leserbriefen.

Zudem wurde die Redaktion in der Zeit nach 2010 deutlich verjüngt. Darüber hinaus ist der Journalismus heute für Frauen viel attraktiver geworden. Vor 20 Jahren war er noch eine reine Männerdomäne. Da gab es in der Grenz-Echo-Redaktion nur ein bis zwei Frauen.

Der technologische Fortschritt, der kürzere, zumindest geregeltere Arbeitszeiten zur Folge hatte, machte mit der Zeit den Journalismusberuf zunehmend auch für Frauen interessant, zumal sich manches inzwischen auch von zuhause erledigen lässt.

Dies alles hat das Leben im Verlagshaus am Eupener Marktplatz im Laufe eines Vierteljahrhunderts völlig auf den Kopf gestellt.

Mit einigen dieser Veränderungen werden wir uns in dieser Serie näher befassen. Beginnen wir mit dem Zeitungsmarketing.

Vieles grau in grau

Man muss unterscheiden zwischen dem klassischen Marketing, wie man es aus der Werbebranche kennt. Dieses gab es auch immer schon beim Grenz-Echo, wenn zum Beispiel alle 5 Jahre Jubiläum gefeiert wurde, oder bei einem neuen Seitenlayout („Alles neu macht der Mai“). Da wurde geklotzt und gekleckert.

Der Schriftzug „Grenz-Echo“ auf der Außenfassade des Verlagsgebäudes auf dem Eupener Marktplatz. Foto: OD

Uns interessiert an dieser Stelle aber eher das Zeitungsmarketing oder Redaktionsmarketing, das für ein Medium viel wichtiger und nachhaltiger ist als das übliche Klotzen und Kleckern, wie es zuletzt auch beim Neustart von Radio Contact gemacht wurde.

Beim Redaktionsmarketing geht es darum, dass die Redaktion ihre Beiträge aufwertet und nach außen wirksam darstellt, damit diese auch von den Lesern wahrgenommen werden.

In der ersten Hälfte der 1990er Jahre tat sich die einzige Tageszeitung Ostbelgiens noch sehr schwer mit dem eigenen Marketing. Selbst gute Artikel oder gute Intiativen wurden oft unter Wert „verkauft“. Es war alles ein bisschen grau in grau.

Selbstdarstellung und Eigenwerbung waren vor 25 Jahren in der Grenz-Echo-Redaktion als Ausdruck von Eitelkeit und Selbstbeweihräucherung verpönt.

Heute ist es selbstverständlich, dass Redakteure ihre Artikel mit ihrem Namen kennzeichnen, beim Leitartikel das Konterfei des jeweiligen Grenz-Echo-Journalisten abgedruckt wird oder bei einem Exklusiv-Interview mit einer wichtigen Persönlichkeit auch der Grenz-Echo-Redakteur im Bild zu sehen ist. Die Zeitung hat dadurch viele Gesichter.

Ohne echte Konkurrenz

Dass solche Dinge am Marktplatz früher vernachlässigt wurden, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass sich das Grenz-Echo in jener Zeit auf dem Höhepunkt seiner Monopolstellung befand und fast ohne echte Konkurrenz war.

Die Schaukästen am Gebäude am Marktplatz sind etwas veraltet, sie müssten längst durch modernere Schautafeln ersetzt werden. Foto: OD

Allenfalls der BRF konnte die Alleinherrschaft der Alten Dame ein wenig infrage stellen. Die Ostbelgien-Ausgabe der „Aachener Volkszeitung“ war 1989 definitiv eingestellt worden, und das Internet, das heute dem Grenz-Echo Konkurrenz macht, spielte damals noch keine Rolle.

Trotz ihrer Monopolstellung brauchte die Zeitung dennoch ein besseres Marketing. Das gab es dann auch im Laufe der Jahre, wobei manche Dinge bis heute nie wirklich verbessert wurden.

Dies gilt zum Beispiel für die uralten Schaukästen vorne auf dem Marktplatz, an denen Passanten einen Blick auf die aktuellen Seiten werfen können.

Manchmal hängen die ausgestellten Seiten schief, an einem längeren Wochenende mit viel Sonnenschein sind sie am Ende sogar vergilbt, bisweilen werden nicht einmal die interessantesten Seiten gezeigt.

Es gibt Zeitungshäuser, die ihr Produkt viel besser präsentieren. Vor allem in der digitalisierten Welt von heute müsste es doch möglich sein, die Inhalte, um die sich die Redaktion am Vortag mit viel Mühe gekümmert hat, lesefreundlicher auszustellen.

„Kommunisten-Kasten“

Ansonsten aber hat sich im Bereich der Außendarstellung viel getan. Die Grenz-Echo-Redaktion ist mit der Zeit selbstbewusster geworden.

Zu einem guten Zeitungsmarketing gehört beispielsweise, dass die Redakteure Farbe bekennen, indem sie ihre Artikel namentlich kennzeichnen, damit der Leser auch direkt einen Ansprechpartner hat. Heute ist so etwas selbstverständlich, in den 1990er Jahren jedoch war dies beim Grenz-Echo verpönt.

Wer damals Artikel mit seinem vollen Namen kennzeichnete oder es wagte, bei einem Exklusiv-Interview mit einer prominenten Person für ein Foto zu posieren, machte sich in der Redaktion unbeliebt, galt als eitel und selbstherrlich.

Bei einigen Beilagen oder bei Sonderseiten (z.B. am Tag nach einer Wahl) war es sogar so, dass die Artikel nicht einmal mit einem Kürzel versehen waren. Auf irgendeiner Seite stand in einem Rahmenartikel geschrieben, welche Redakteure an der Beilage beteiligt waren.

Ein Kollege, der sich über diese Form von falscher Bescheidenheit ärgerte, sprach mal in Bezug auf die nicht unterzeichneten Beiträge und den Rahmenartikel mit den Namen der Redakteure von einem „Kommunisten-Kasten“.

Interview der Grenz-Echo-Redakteure Heinz Gensterblum (rechts) und Gerard Cremer (Mitte) mit Belgiens Fußball-Nationaltrainer Georges Leekens (links) am Sitz des Fußball-Verbandes wenige Wochen vor Beginn der Fußball-WM 1998 in Frankreich. Dass die Grenz-Echo-Redakteure bei so einem Interview ebenfalls fotografiert wurden, war für damalige Verhältnisse noch gewöhnungsbedürftig. Heute ist so etwas selbstverständlich. Foto: GE

Erst einige Jahre später wurde es völlig normal, dass der Grenz-Echo-Redakteur, wenn er zum Beispiel den Premierminister oder den Trainer der Fußball-Nationalmannschaft exklusiv interviewen konnte, zusammen mit diesem beim Gespräch fotografiert wurde (siehe Foto anbei beim Gespräch mit Georges Leekens).

Wenn schon nicht der Grenz-Echo-Redakteur selbst im Bild neben dem prominenten Interviewpartner gezeigt werden soll, dann ist man gut beraten, den Prominenten beispielsweise mit dem Grenz-Echo in der Hand zu fotografieren. Auch dies macht sich als Marketingidee ganz gut, wenn man es nicht zu oft praktiziert.

Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich aber erst viel später als Chefredakteur erlebte. Sie hatte mit …Franz Beckenbauer zu tun.

In Sachen Zeitungsmarketing muss man sich als Redakteur gelegentlich etwas einfallen lassen, was nicht selbstverständlich ist. Der Leser sollte schon hin und wieder überrascht werden.

Anlässlich des 60. Geburtstags der Sport-Nachrichtenagentur Sport-Informations-Dienst (sid), für die ich seinerzeit fast täglich von Rom aus berichtet hatte, fand am 15. September 2005 in Neuss bei Düsseldorf eine größere Feier statt, zu der ich eingeladen wurde, zumal in der Zwischenzeit auch das Grenz-Echo den sid abonniert hatte.

Aus der Einladung ging hervor, dass bei der Feier „Kaiser“ Franz Beckenbauer eine Rede halten würde.

Es war weniger als ein Jahr vor der WM 2006, die Beckenbauer nach Deutschland geholt hatte (damals schien die Vergabe noch korrekt verlaufen zu sein). Der „Kaiser“ befand sich im September 2005 auf dem Höhepunkt seiner Popularität.

„Entschuldigung, Herr Beckenbauer…“

Bevor ich an jenem Tag morgens von Eupen aus nach Neuss fuhr, dachte ich, dass es vielleicht nicht schaden könne, eine aktuelle Grenz-Echo-Ausgabe vom 15. September 2005 mitzunehmen. Wer weiß, vielleicht würde ich ja per Zufall auf den Ehrengast Franz Beckenbauer stoßen und ihn mit dem Grenz-Echo in der Hand fotografieren können, dachte ich und nahm die Zeitung vom Tage mit.

Beckenbauer war in der Tat anwesend und hielt auch eine Rede. Es waren aber so viele Leute anwesend, dass ich mir keine Illusionen machte, was das geplante Foto mit dem „Kaiser“ und dem Grenz-Echo betraf.

Nach den Reden gab es einen Empfang. Natürlich wurde Beckenbauer von allen Seiten bedrängt. Ich nahm mir deshalb vor, den Ellenbogen auszufahren, um zum Ehrengast vordringen zu können. Einen Versuch war es ja wert. Mit dem Grenz-Echo in der Hand bahnte ich mir einen Weg zum „Kaiser“.

Ich schaffte es tatsächlich, wenn auch mit Mühe. Plötzlich stand ich neben Beckenbauer. Er schaute mich an, so als wollte er fragen, wer denn dieser Mann mit der ihm unbekannten Zeitung in der Hand sei.

„Beckenbauer warf Blick ins GE“: Ausschnitt aus Seite 1 des Grenz-Echo vom 16. September 2005.

Ich fasste mir ein Herz und sagte: „Herr Beckenbauer, ich bin Journalist und komme aus dem deutschsprachigen Teil Belgiens. Ich bin von der einzigen deutschsprachigen Tageszeitung in Belgien. Dürfte ich Ihnen einige Fragen zum belgischen Fußball stellen?“

„Fragen Sie nur“, sagte Beckenbauer. Ich stellte im Gedränge meine Fragen, er faselte irgendwas über Anderlecht, den FC Brügge und die Roten Teufel, von denen man zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, dass sie sich nicht für die WM in Deutschland qualifizieren würden.

Beckenbauer bedauerte, dass mit Belgien, Österreich und Dänemark gleich drei Nachbarländer des Gastgeberlandes wahrscheinlich bei der WM nicht dabei sein würden.

Man merkte aber, dass sich Beckenbauer mit dem belgischen Fußball schon lange nicht mehr befasst hatte, zumal die belgische Nationalmannschaft damals nicht den Stellenwert von heute hatte.

Dann fragte ich: „Entschuldigung, Herr Beckenbauer, ich will Sie nicht länger aufhalten, aber wäre es vielleicht möglich, ein Foto von Ihnen mit der einzigen deutschsprachigen Tageszeitung Belgiens in der Hand zu machen?“

Ich gab Beckenbauer das Grenz-Echo-Exemplar und betete, dass mir das Foto auch gelingen würde. Ich dachte: „Verflixt, hättest du doch den Helmut Thönnissen mitgenommen, dann hättest du einen Fotografen gehabt, der ein scharfes Bild machen konnte.“

Der Schnappschuss mit Beckenbauer gelang mir trotzdem. Ich bedankte mich bei meinem illustren Gesprächspartner und fuhr total happy nach Eupen zurück.

Am darauffolgenden Tag, dem 16. September 2005, erschien das Foto von Franz Beckenbauer mit dem Grenz-Echo in der Hand auf Seite 1 (siehe Auszug anbei). So einen kleinen Marketing-Coup braucht eine Zeitung hin und wieder, auch wenn sie (noch) ein Monopol hat…

GERARD CREMER

Die SERIE zum 90-jährigen Bestehen des Grenz-Echo wird in Kürze fortgesetzt. Bereits erschienen:

SERIE – Teil 1: Die Faszination der „Alten Dame“ vom Eupener Marktplatz

SERIE – Teil 2: Vor 20 Jahren war GE-Redaktion unabhängiger als heute

  1. Pressekonfekt

    Da hatten Sie aber wirklich ein Glück, Herr Cremer. Heute würde man sich ganz bestimmt nicht mehr so um ein Foto mit dem Herrn reissen!? Selbst das Grenz Echo wäre nicht mehr die grosse Nummer.
    Tja, dass waren noch Zeiten.
    Und zu früheren Zeiten, was wartete man damals auf diese Zeitung. Wenn man dann auch die Inhaltsvielfalt mit heute vergleicht.
    Alles konnte man damals so richtig anfassen. Heute eher Missachtung und Interessenlosigkeit!
    Da steht dann morgen früh etwas drin, was man gerade im Augenblick schon bis ins kleinste Detail per „Konkurrenzmedien gesehen bzw gehört und gelesen“ hat!
    Wenn dann auch noch die Ideen, die Auflagen, das Drumherum inexistent sind, ja dann ist es eine Selbstverständlichkeit das die Zeitungsmedien immer mehr von der Bildfläche verschwinden.
    Gerade noch die „ganz Alten Leser/innen“ hängen noch dran.

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