Etwas mehr als eine Woche nach den tödlichen Polizeischüssen auf dem Eupener Scheiblerplatz hat die Staatsanwaltschaft weitere Einzelheiten zum Ablauf des Einsatzes bekannt gegeben.
Der Vorfall hatte am Sonntag, dem 30. August, offenbar mit einem Streit zwischen Kindern seinen Anfang genommen. Diese hatten auf dem Sportplatz gespielt, bevor es zu einer Auseinandersetzung kam.
Der getötete Mann und seine Familie waren türkische Staatsangehörige. Die andere beteiligte Familie ist ukrainischer Herkunft. Was den Konflikt ausgelöst hat, ist bislang nicht geklärt. Die Kinder konnten noch nicht befragt werden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sollen für ihre Vernehmung speziell geschulte Beamte eingesetzt werden.
In der Folge gerieten der später getötete Mann und der Vater eines der beteiligten Kinder zunächst verbal und anschließend körperlich aneinander. Derzeit ist noch nicht abschließend geklärt, welche Rolle weitere Personen spielten, die sich während der Auseinandersetzung um die beiden Männer befanden.

Der Scheiblerplatz am Montag. Man sollte nicht meinen, dass es hier am Vorabend einen Großeinsatz der Polizei gab, bei dem ein 42-Jähriger ums Leben kam. Foto: OD
Nach dem Streit wurde die Polizei verständigt. Vier Beamte rückten zum Scheiblerplatz aus. Nach Angaben von Andrea Tilgenkamp, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Eupen, hatte sich der später Getötete in der Zeit zwischen der Auseinandersetzung und dem Eintreffen der Polizei ein Messer besorgt. Dabei handelte es sich um ein Küchenmesser mit einer rund 20 Zentimeter langen Klinge, das der Mann in der Nachbarschaft geholt haben soll.
Als die Polizeibeamten am Ort des Geschehens eintrafen, kam es zunächst zu einem Gespräch mit dem Mann. Nach dem derzeitigen Ermittlungsstand zeigte dieser auf den Vater, mit dem er zuvor in Streit geraten war. Kurz darauf zog er ein Messer und bewegte sich auf den Mann zu. Ein weiterer Mann versuchte offenbar, sich dazwischenzustellen. Dabei wurde er durch Messerstiche verletzt.
Die vier Polizeibeamten forderten den Bewaffneten mehrfach auf, anzuhalten und das Messer fallen zu lassen. Außerdem kam Pfefferspray zum Einsatz. Dieses blieb nach Angaben der Staatsanwaltschaft jedoch wirkungslos. Der Mann setzte seine Bewegung in Richtung des anderen Familienvaters fort. In dieser Situation gab einer der Polizeibeamten zwei Schüsse ab. Der bewaffnete Mann wurde getroffen und erlag später seinen Verletzungen.
Laut Staatsanwaltschaft gilt der Beamte, der die Schüsse abgab, als erfahren und besonnen. Die weiteren Ermittlungen sollen unter anderem klären, wie sich die Situation in den entscheidenden Sekunden vor der Schussabgabe genau darstellte.
Den Ermittlern liegen Videoaufnahmen vor, die Teile des Geschehens dokumentieren. Wie Andrea Tilgenkamp erklärte, zeigen diese Aufnahmen jedoch nicht die gesamte Abfolge der Ereignisse. Darauf sei unter anderem zu sehen, wie die Polizei zunächst mit dem Mann spricht, dieser anschließend das Messer zieht und sich in Richtung einer Personengruppe bewegt. Die beiden Schüsse selbst sind auf dem bislang bekannten Videomaterial nicht zu sehen.Auch die Frage, ob und in welchem Umfang die Bodycams der eingesetzten Polizeibeamten während des Einsatzes verwendet wurden, ist noch nicht abschließend geklärt. Die Familie des Getöteten konnte bislang ebenfalls noch nicht vernommen werden. Sie hält sich derzeit wegen der Beerdigung des Mannes in der Türkei auf. Mit dem Fall befassen sich Untersuchungsrichter und das sogenannte „Komitee P“.
Das Komitee P ist in Belgien ein externes und unabhängiges Kontrollorgan für die Polizeidienste. Der offiziell als Ständiger Kontrollausschuss für die Polizeidienste bezeichnete Ausschuss überwacht die Arbeitsweise der Polizei und die Ausübung polizeilicher Befugnisse. Er ist dem föderalen Parlament zugeordnet und weder Teil der Polizei noch der Staatsanwaltschaft unterstellt.
Im Fall des tödlichen Polizeieinsatzes auf dem Eupener Scheiblerplatz befasst sich das Komitee P somit mit dem polizeilichen Handeln. Neben den strafrechtlichen Ermittlungen unter Leitung der Justiz wird damit auch unabhängig untersucht, wie die Polizeibeamten im Zusammenhang mit dem Einsatz gehandelt haben.
Die Staatsanwaltschaft wies am Dienstag auf zahlreiche Spekulationen und Falschinformationen hin, die seit dem Vorfall in sozialen Netzwerken verbreitet worden seien. Auch Hasskommentare und Beleidigungen würden registriert. Polizei und Staatsanwaltschaft würden strafrechtlich relevante Äußerungen nicht dulden, hieß es abschließend (hk/cre)
