Kaum schaltet man abends den Fernseher ein, liegt irgendwo bereits eine Leiche. Mal im Hamburger Hafen, mal im Schwarzwald, mal in einem bayerischen Dorf. Das deutsche Fernsehen hat sich über Jahre in eine monothematische Krimilandschaft verwandelt.
Öffentlich-rechtliche wie private Sender produzieren ununterbrochen Ermittlungen, Spurensicherungen und Verhöre – oft nach identischem Bauplan, nur mit wechselnden Landschaftsaufnahmen.
Besonders deutlich zeigt sich diese Erschöpfung an Tatort. Einst war die Reihe ein Experimentierfeld für gesellschaftliche Themen und regionale Eigenheiten. Heute wirken viele Folgen wie ein Ritual, das sich selbst verwaltet.
Vor allem die Ermittlerfiguren nehmen inzwischen oft zu viel Raum ein. Statt den Kriminalfall voranzutreiben, dominieren lange Gespräche zwischen den beiden Kommissaren: Befindlichkeitsdialoge im Auto, private Probleme am Kaffeeautomaten und bedeutungsschwere Wortwechsel, die Handlung durch Psychologisierung ersetzen sollen. Der eigentliche Fall gerät dabei häufig zur Nebensache.

06.04.2017, Nordrhein-Westfalen, Köln: Die Tatort Kommissare Max Ballauf (r, Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (l, Dietmar Bär) stehen in Köln vor Dreharbeiten an der Wurstbraterei vor dem Dom. Foto: picture alliance / Oliver Berg/dpa
Hinzu kommt ein grundlegendes Strukturproblem: Krimis sind für Sender bequem. Ein Mord liefert automatisch Dramaturgie, Spannung und vertraute Abläufe. Das garantiert stabile Quoten und minimiert Risiken. Die Folge ist jedoch kulturelle Einseitigkeit. Während andere Länder Science-Fiction, politische Satire oder anspruchsvolle Gesellschaftsdramen fördern, kreist das deutsche Fernsehen obsessiv um melancholische Kommissare mit Eheproblemen.
Vielleicht wäre das Publikum längst bereit für mehr Vielfalt. Die Erfolge internationaler Serien zeigen jedenfalls, dass Zuschauer kreative Stoffe und neue Erzählweisen durchaus annehmen. Das Problem scheint weniger beim Publikum zu liegen als bei einem Fernsehbetrieb, der sich an den Krimi als sichere Lebensversicherung geklammert hat.
So bleibt der deutsche Fernsehabend oft das, was er seit Jahren ist: ein weiterer Mordfall, ein weiterer erschöpfter Ermittler und ein weiterer „Tatort“, bei dem man nach zwanzig Minuten das Gefühl hat, bereits alles gesehen zu haben. (eb)