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Belgiens Rückkehr zur Atomenergie: Staat plant die Übernahme der AKW-Aktivitäten des Engie-Konzerns

Illustration: Shutterstock

Die geplante Transaktion nimmt konkrete Formen an: Die föderale Regierung und der französische Energiekonzern Engie haben am Donnerstag in einer gemeinsamen Mitteilung die Unterzeichnung einer Absichtserklärung bekannt gegeben. Diese legt den Rahmen für exklusive Verhandlungen über eine mögliche Übernahme sämtlicher nuklearer Aktivitäten von Engie durch den belgischen Staat fest.

Die Transaktion selbst ist umfassend angelegt. Sie würde sämtliche nuklearen Aktivitäten umfassen, die Engie derzeit in Belgien hält und betreibt – darunter der gesamte Kraftwerkspark mit sieben Reaktoren an den Standorten Doel und Tihange, das betroffene Personal, alle nuklearen Tochtergesellschaften sowie sämtliche Vermögenswerte und Verbindlichkeiten.

Dazu zählen ausdrücklich auch die langfristigen Verpflichtungen für Rückbau und Stilllegung der Anlagen. Bis auf Weiteres wurden zudem alle laufenden Stilllegungs- und Demontagearbeiten umgehend ausgesetzt.

Der belgische Premierminister Bart De Wever (N-VA). Foto: Ansgar Haase/dpa

Vor diesem Hintergrund steht Belgien vor einer grundlegenden energiepolitischen Neuausrichtung. Anders als es zunächst erscheinen mag, handelt es sich dabei nicht um einen Einstieg in die Atomenergie, sondern vielmehr um eine Rückkehr zu einer Technologie, die das Land seit Jahrzehnten prägt.

Belgien nutzt Kernenergie bereits seit den 1970er Jahren und betreibt mehrere Reaktoren, insbesondere an den Standorten Doel und Tihange. Im Jahr 2003 wurde jedoch ein schrittweiser Atomausstieg beschlossen, der die Abschaltung aller Reaktoren vorsah. Angesichts steigender Energiepreise, geopolitischer Unsicherheiten und einer wachsenden Abhängigkeit von Stromimporten ist dieser Kurs in den vergangenen Jahren zunehmend ins Wanken geraten.

Die nun angestrebte Übernahme würde dem Staat eine direkte Kontrolle über zentrale Teile der Energieinfrastruktur verschaffen. Damit ginge Belgien einen ungewöhnlich weitreichenden Schritt: Statt sich auf regulatorische Eingriffe zu beschränken, würde der Staat selbst zum Betreiber von Atomkraftwerken werden.

Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist auch die strategische Neuausrichtung von Engie. Der Konzern richtet seinen Fokus verstärkt auf erneuerbare Energien und signalisiert einen schrittweisen Rückzug aus der Kernenergie. Diese unterschiedlichen Interessenlagen haben den Weg für die aktuellen Verhandlungen geebnet.

23.04.2019, Belgien, Tihange: Das Atomkraftwerk Tihange am Ufer der Maas. Foto: Eric Lalmand/BELGA/dpa

Gleichzeitig bleibt das Vorhaben mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Insbesondere die Finanzierung der Übernahme sowie die langfristigen Haftungsfragen – etwa im Zusammenhang mit dem Rückbau der Anlagen und der Endlagerung radioaktiver Abfälle – müssen noch geklärt werden.
Sollte das Projekt umgesetzt werden, würde Belgien einen bemerkenswerten Kurswechsel vollziehen: weg von einem geplanten Atomausstieg hin zu einer aktiven, staatlich getragenen Nutzung der Kernenergie. Es wäre weniger ein Neubeginn als vielmehr eine bewusste Rückkehr – allerdings unter veränderten politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Insgesamt steht die geplante Übernahme exemplarisch für eine breitere Entwicklung in Europa. Angesichts unsicherer Energiemärkte und wachsender Anforderungen an Versorgungssicherheit und Klimaschutz überdenken viele Staaten ihre bisherigen Strategien. Belgien geht dabei einen besonders weitreichenden Weg, indem es die Kontrolle über einen zentralen Teil seiner Energieversorgung direkt in staatliche Hände legen will. (cre)

Zum Thema siehe auch folgenden Artikel auf OD:

4 Antworten auf “Belgiens Rückkehr zur Atomenergie: Staat plant die Übernahme der AKW-Aktivitäten des Engie-Konzerns”

  1. Der wichtigste Satz ist dieser:
    ….
    Bis auf Weiteres wurden zudem alle laufenden Stilllegungs- und Demontagearbeiten umgehend ausgesetzt.
    ….
    Damit sind die Weichen gestellt weitere KKW zurück ans Netz zu bringen. Die Regierung BdW ist das Beste was Belgien passieren konnte. Die „Stopp Tihange“ Aktivisten in Aachen bekommen jetzt wohl Schnappatmung….

  2. Piersoul Rudi

    Hätte nie abgeschafft werden dürfen.
    Jetzt sieht man das die Grüne Träume nicht zu verwirklichen sind weil die Grüne Energie nicht genug liefert.
    Sieht man mal was im GE, heute, steht geschrieben, das in Raeren statt 5 nur 3 Windräder genehmigt sind weil…
    Immer das gleiche…wir brauchen die Grüne Energie aber bloß nicht in meinen Garten.
    Weiterhin haben wir doch Wälder genug, wo man einige Windräder installieren könnte, es sei denn das hüpft ein Frosch oder fliegt irgendein Kehlchen die nicht gestört werden darf…
    Gründe zuhauf.
    Man muss auch wissen, was man will.

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