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Belgien braucht immer mehr Strom aus dem Ausland – größtenteils aus Frankreich und den Niederlanden

Foto: Shutterstock

Belgien hat im April 2026 eine historische Schwelle überschritten – und das wirft unbequeme Fragen auf. So stark wie noch nie war das Land auf Strom aus dem Ausland angewiesen.

Daten der Plattform Energy-Charts, basierend auf Angaben des Netzbetreibers Elia Group, zeigen eine Entwicklung, die Experten seit Jahren kommen sahen – die nun aber mit voller Wucht Realität wird.

Was lange als Übergangsphase galt, entwickelt sich zunehmend zu einem strukturellen Zustand: Belgien hängt am Stromnetz seiner Nachbarn.

Wie die flämische Tageszeitung „De Standaard“ berichtet, deckte das Land im April einen so großen Teil seines Strombedarfs durch Importe wie nie zuvor. Besonders Lieferungen aus Frankreich und den Niederlanden hielten die Lichter an. Ohne sie wäre die Versorgungslage deutlich angespannter gewesen.

– Ein Land verliert seine Energie-Basis: Die Gründe für diese Entwicklung liegen tief – und sind größtenteils hausgemacht. Über Jahre hinweg hat Belgien seine Kernkraftkapazitäten zurückgefahren. Von einst sieben Reaktoren sind heute nur noch zwei in Betrieb: Doel 4 bei Antwerpen und Tihange 3 bei Lüttich. Sie gelten als letzte stabile Pfeiler der heimischen Stromproduktion und sollen nach aktuellem Stand noch bis 2035 weiterlaufen.

23.04.2019, Belgien, Tihange: Das Atomkraftwerk Tihange steht am Ufer der Maas. Über Jahre hinweg hat Belgien seine Kernkraftkapazitäten zurückgefahren. Von einst sieben Reaktoren sind heute nur noch zwei in Betrieb: Doel 4 bei Antwerpen und Tihange 3 bei Lüttich. Foto: Eric Lalmand/belga/dpa

Der Rest ist bereits Geschichte: Mehrere Reaktoren wurden in den vergangenen Jahren abgeschaltet. Damit ist ein großer Teil der verlässlichen Grundlast verschwunden. Was bleibt, ist ein Energiesystem im Umbau – aber noch ohne stabiles Fundament.

Gleichzeitig wächst der Anteil erneuerbarer Energien. Windräder und Solaranlagen liefern immer mehr Strom – aber nicht immer dann, wenn er gebraucht wird. Bleibt der Wind aus oder versteckt sich die Sonne, entsteht eine Lücke. Eine Lücke, die Belgien zunehmend im Ausland füllen muss.

– Abhängigkeit mit Risiko: Diese Entwicklung ist mehr als eine statistische Randnotiz. Sie verändert die Rolle Belgiens im europäischen Energiesystem grundlegend. Denn wer auf Importe angewiesen ist, macht sich verletzlich. Steigen die Preise im Ausland oder geraten Nachbarländer selbst unter Druck, kann sich die Lage schnell zuspitzen. Die Kontrolle über die eigene Energieversorgung schwindet – Schritt für Schritt.

Zugleich wächst der Wettbewerb um Strom in Europa. Immer mehr Länder setzen auf erneuerbare Energien und flexible Märkte. In Zeiten hoher Nachfrage kann das bedeuten: Wer zu spät kommt, zahlt mehr – oder bekommt weniger.

– Warnsignal für die Zukunft: Der Rekordmonat April ist deshalb kein Ausreißer. Er ist ein Warnsignal. Belgien steht an einem Wendepunkt: Soll das Land weiterhin stark auf Importe setzen – oder wieder mehr eigene Kapazitäten aufbauen? Die Antwort darauf wird nicht nur die Strompreise beeinflussen, sondern auch die Versorgungssicherheit der kommenden Jahre. Eines zeigt der April bereits jetzt deutlich: Die Zeiten energiepolitischer Bequemlichkeit sind vorbei. (cre)

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