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30 Jahre Dutroux-Affäre: Belgien im Schockzustand – Wie der Sommer 1996 das ganze Land veränderte

Bild links - Ein früheres Fahndungsfoto des Kinderschänders Marc Dutroux. Bild rechts - Die Mütter von Mélissa Russo und Julie Lejeune 1996 mit den Fotos ihrer Kinder im Juni 2015. Fotos: Belga

Vor 30 Jahren erschütterte die Dutroux-Affäre Belgien wie kein anderer Kriminalfall zuvor. Was im August 1996 ans Licht kam, löste eine beispiellose Schockwelle aus, führte zu Massenprotesten und tiefgreifenden Reformen von Polizei und Justiz – und beschäftigt das Land bis heute.

Vor 30 Jahren erlebte Belgien einen Sommer, den diejenigen, die ihn erlebt haben, so schnell nicht vergessen werden. Am 13. August 1996 wurden Marc Dutroux, seine damalige Frau Michelle Martin und sein Komplize Michel Lelièvre festgenommen. Was danach bekannt wurde, machte ganz Belgien fassungslos.

Am 15. August wurden die beiden Mädchen Sabine Dardenne und Laetitia Delhez lebend aus einem Verlies im Keller eines Hauses von Dutroux in Marcinelle bei Charleroi befreit.

22.05.2000, Belgien, Neufchâteau: Marc Dutroux (M, in Handschellen) wird von Polizeibeamten nach einer Anhörung aus dem Justizpalast geführt. Foto: David Martin/dpa

Zwei Tage später, am 17. August, fanden die Ermittler die Leichen der beiden achtjährigen Mädchen Julie Lejeune und Mélissa Russo in einem Haus Dutroux‘ in Sars-la-Buissière. Julie und Mélissa waren am 24. Juni 1995 in Grâce-Hollogne bei Lüttich verschwunden. Erst mehr als ein Jahr später wurde bekannt, dass sie entführt und von Dutroux und seinen Komplizen gefangen gehalten worden waren.

Besonders erschütternd war, dass die beiden Mädchen noch lebten, als Dutroux im Dezember 1995 wegen eines anderen Delikts festgenommen wurde. Während seiner Haft überließ er Julie und Mélissa ihrem Schicksal. Michelle Martin, die von den Mädchen wusste, kümmerte sich nicht um sie. Beide starben im Kellerverlies an Hunger und Durst. Die Leichen wurden später im Garten des Hauses in Sars-la-Buissière vergraben.

Am 22. August 1996 fand unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Lüttich die Trauerfeier für Julie und Mélissa statt. Die Zeremonie in der Basilika St. Martin wurde landesweit übertragen. Vor der Kirche verfolgten Tausende Menschen die Feier auf Videoleinwänden.

Am 3. September wurden schließlich die Leichen von An Marchal und Eefje Lambrecks gefunden. Die beiden jungen Frauen waren im August 1995 in Ostende verschwunden. Damit war das ganze Ausmaß der Verbrechen von Dutroux und seinen Komplizen offenbar geworden.

Die belgische Öffentlichkeit wurde in jenen Tagen, Wochen und Monaten von einer Schockwelle erfasst. Im Oktober 1996 gingen in Brüssel mehr als 300.000 Menschen beim sogenannten „Weißen Marsch“ auf die Straße. Sie protestierten gegen die Ermittlungs- und Justizpannen und forderten einen besseren Schutz von Kindern.

17.06.2004, Belgien, Arlon: Marc Dutroux sitzt vor der Urteilsverlesung der Geschworenen im Gericht. Foto: Michel Krakowski/Belga Pool/epa/dpa

In der Folge wurden Polizei und Justiz grundlegend reformiert. Eine parlamentarische Untersuchungskommission beschäftigte sich mit den schweren Versäumnissen der Ermittler und der Justiz. Außerdem wurde Child Focus gegründet, die belgische Stiftung für vermisste und sexuell ausgebeutete Kinder.

Der Fall sollte Belgien noch viele Jahre beschäftigen. Vor allem eine Frage blieb: Hatte Dutroux tatsächlich allein mit einigen Komplizen gehandelt – oder steckte hinter den Verbrechen ein größeres Netzwerk?

– Der „Prozess des Jahrhunderts“ in Arlon: Acht Jahre nach dem Auffinden der Leichen begann am 1. März 2004 in Arlon der Prozess gegen Marc Dutroux, Michelle Martin, Michel Lelièvre und Michel Nihoul.

Für die kleine Stadt im Süden Belgiens war das ein Ausnahmezustand. Aus Arlon wurde für mehr als drei Monate das Zentrum der europäischen Medienöffentlichkeit. Der Prozess wurde in Belgien als „Prozess des Jahrhunderts“ bezeichnet. Journalisten aus zahlreichen europäischen Ländern reisten an, Fernsehsender berichteten täglich. Die internationale Presse verfolgte das Verfahren mit einer Aufmerksamkeit, wie sie ein belgischer Strafprozess bis dahin kaum erlebt hatte.

Das Gerichtsgebäude wurde zu einer Hochsicherheitszone. Die vier Angeklagten saßen hinter einer Panzerglasscheibe und wurden von bewaffneten Polizisten bewacht. Der Zugang zum eigentlichen Gerichtssaal war streng begrenzt. Lediglich 16 Journalisten durften sich gleichzeitig im Saal aufhalten; andere Medienvertreter mussten die Verhandlung in einem eigens eingerichteten Raum verfolgen. Rund um das Gerichtsgebäude warteten täglich Fernsehteams, Fotografen und Reporter auf Anwälte und Zeugen.

19.09.2023, Belgien, Marcinelle: Paul Magnette (hinten), Bürgermeister von Charleroi, hält eine Rede anlässlich der Einweihung eines Gedenkgartens auf dem Gelände des abgerissenen Hauses des verurteilten Kindesentführers und Mörders Dutroux in Marcinelle. Foto: Mathieu Colinet/Belga/dpa

Schon der Beginn des Prozesses zeigte, wie außergewöhnlich das Verfahren war. Bei der Auswahl der Geschworenen mussten mehrere Kandidaten von ihrem Amt entbunden werden, weil sie erklärten, angesichts der Verbrechen nicht unvoreingenommen sein zu können. Der Prozess begann schließlich mit zwölf Geschworenen und drei Berufsrichtern.

Die Dimension des Verfahrens war gewaltig. Die Ermittlungsakte umfasste rund 440.000 Seiten. Mehr als 300 Zeugen wurden erwartet. Die Verhandlung sollte mehr als drei Monate dauern.

Im Mittelpunkt standen die Entführung, Gefangenschaft und Vergewaltigung von sechs Mädchen und jungen Frauen: Julie Lejeune, Mélissa Russo, An Marchal, Eefje Lambrecks, Sabine Dardenne und Laetitia Delhez. Außerdem ging es um die Morde an Julie, Mélissa, An und Eefje sowie um den Mord an Dutroux‘ ehemaligem Komplizen Bernard Weinstein.

Besonders erschütternd waren die Aussagen der beiden Überlebenden Sabine Dardenne und Laetitia Delhez. Sabine war erst zwölf Jahre alt gewesen, als sie entführt wurde. Sie wurde 79 Tage lang in dem Kellerverlies gefangen gehalten. Im Gerichtssaal musste sie ihrem Entführer erneut gegenübertreten. Ihre Aussage gehörte zu den emotionalsten Momenten des gesamten Verfahrens.

Auch die Tatorte selbst wurden Teil des Prozesses. Ende April 2004 begaben sich Richter, Geschworene und Prozessbeteiligte nach Marcinelle, um das Haus und insbesondere den Keller zu besichtigen, in dem die Mädchen gefangen gehalten worden waren. Der Ort, der in den Jahren zuvor zum Symbol der Dutroux-Affäre geworden war, wurde damit unmittelbar zum Gegenstand der Gerichtsverhandlung.

– Die Frage nach dem Netzwerk: Über dem gesamten Prozess schwebte allerdings eine zweite, für viele Belgier mindestens ebenso wichtige Frage: Hatte Dutroux allein gehandelt?

04.02.2013, Brüssel: Demonstranten halten vor dem Justizministerium ein Transparent mit der Aufschrift „Dutroux soll im Loch bleiben“. Foto: Julien Warnand/EPA/dpa

Dutroux selbst behauptete, er sei nicht der Kopf der Affäre gewesen. Wiederholt beschuldigte er den Brüsseler Geschäftsmann Michel Nihoul, hinter den Entführungen habe ein größeres Netzwerk gestanden. Auch seine Verteidigung griff diese Darstellung auf.

Diese These war in Belgien weit verbreitet. Nach den Ermittlungs- und Justizpannen der Jahre 1995 und 1996 misstrauten viele Menschen den staatlichen Institutionen. Die Vorstellung, dass Dutroux möglicherweise von mächtigen Personen geschützt worden sein könnte, hatte sich tief in das öffentliche Bewusstsein eingegraben.

Noch vor Beginn des Prozesses glaubten laut einer Umfrage mehr als zwei Drittel der Belgier an die Existenz eines solchen Netzwerks. Die jahrelangen Ermittlungen hatten allerdings keinen gerichtsfesten Beweis für ein großes pädokriminelles Netzwerk erbracht.

Auch während des Prozesses blieb die Frage umstritten. Die Aussagen Dutroux‘ sorgten immer wieder für Schlagzeilen. Er versuchte, die Verantwortung teilweise auf andere abzuwälzen und behauptete unter anderem, mächtige Hintermänner hätten die Fäden gezogen. Das Gericht musste jedoch nicht darüber entscheiden, was sich viele Menschen seit Jahren erzählten, sondern darüber, was sich beweisen ließ.

Nach mehr als drei Monaten Verhandlung zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Sie mussten insgesamt 243 Fragen beantworten. Nach mehreren Tagen fiel am 17. Juni 2004 das Schuldurteil. Marc Dutroux wurde wegen der Entführung, Gefangenschaft und Vergewaltigung der sechs Mädchen und jungen Frauen schuldig gesprochen. Außerdem wurde er wegen der Morde an Julie, Mélissa und An und Eefje sowie wegen des Mordes an Bernard Weinstein verurteilt.

Die Vorstellung eines großen pädokriminellen Netzwerks wurde durch das Urteil dagegen nicht bestätigt. Michel Nihoul wurde von den schwersten gegen ihn erhobenen Vorwürfen freigesprochen. Damit blieb eine der Fragen, die Belgien seit 1996 beschäftigt hatten, auch nach dem spektakulären Prozess ohne die von vielen erwartete Antwort.

So sah Michelle Martin aus, als ihr 2004 in Arlon der Prozess gemacht wurde. Foto: Belga

Am 22. Juni 2004 wurde schließlich das Strafmaß verkündet. Marc Dutroux erhielt lebenslange Haft. Michelle Martin wurde zu 30 Jahren, Michel Lelièvre zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Michel Nihoul erhielt wegen anderer Delikte fünf Jahre. Der Prozess, der die belgische Öffentlichkeit 15 Wochen lang in Atem gehalten hatte, war damit beendet.

Für die Familien der Opfer und die beiden Überlebenden brachte das Urteil zumindest eine strafrechtliche Antwort. Eine vollständige Erklärung für alle Vorgänge rund um die Affäre brachte es jedoch nicht.

– 30 Jahre später: Drei Jahrzehnte nach dem Sommer 1996 ist die Affäre Dutroux noch immer nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.

Marc Dutroux sitzt weiterhin im Gefängnis. Mehrfach hat er versucht, eine vorzeitige Entlassung zu erreichen. Seine psychiatrischen und forensischen Beurteilungen haben seine Chancen darauf bislang nicht verbessert. Er befindet sich weiterhin unter besonders strengen Haftbedingungen. Auch in den vergangenen Jahren wurden seine Kontakte zur Außenwelt stark eingeschränkt.

Seit 2024 gibt es zudem ein neues Ermittlungsverfahren gegen ihn. Bei einer Durchsuchung seiner Zelle im Gefängnis von Nivelles wurden mehrere Umschläge mit Bildern gefunden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft befanden sich darunter auch Aufnahmen, auf denen Minderjährige zu sehen sein sollen. Ursprünglich war nach einem verbotenen Mobiltelefon gesucht worden; ein solches Gerät wurde bei der Durchsuchung nicht gefunden.

Die Staatsanwaltschaft beantragte 2025, Dutroux deswegen vor das Strafgericht zu stellen. Die Verteidigung beantragte weitere Untersuchungen. Anfang 2026 waren die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen. Dutroux behauptet, die Bilder seien ihm untergeschoben worden. Ob diese Darstellung stimmt, muss die Justiz noch klären.

15.03.2023, Belgien, Sars-la-Buissière: Ein Bagger reißt das Wohnhaus des Kindermörders Marc Dutroux ab. Foto: Benoit Doppagne/Belga/dpa

Eine weitere spektakuläre Entwicklung gab es bei den anderen Verurteilten. Michel Lelièvre wurde 2019 nach 23 Jahren Haft unter Auflagen freigelassen. Michelle Martin, die bereits 2012 aus dem Gefängnis gekommen war, steht inzwischen ebenfalls nicht mehr unter den früheren gerichtlichen Auflagen.
Damit sind zwei der drei wichtigsten Verurteilten heute wieder frei. Dutroux selbst sitzt dagegen weiterhin hinter Gittern.

– Die Tatorte verschwinden: Die Orte, die über Jahrzehnte untrennbar mit der Affäre verbunden waren, gibt es inzwischen teilweise nicht mehr. Die berüchtigte „Maison de l’horreur“ in Marcinelle wurde 2022 abgerissen. In diesem Haus hatte Dutroux das Kellerverlies eingerichtet, in dem Julie, Mélissa, Sabine und Laetitia gefangen gehalten worden waren. An seiner Stelle entstand ein Erinnerungsort. Teile des Kellers wurden auf Wunsch der Angehörigen erhalten. Auch das Haus in Sars-la-Buissière, in dessen Garten die Leichen von Julie und Mélissa gefunden worden waren, wurde inzwischen abgerissen.

Damit verschwinden die sichtbaren Schauplätze der Verbrechen langsam aus dem belgischen Alltag. Die Erinnerung an sie bleibt jedoch bestehen. Das zeigte sich auch 2025, als der belgische Regisseur Fabrice Du Welz mit dem Spielfilm „Le Dossier Maldoror“ die Affäre erneut aufgriff. Die Handlung ist fiktionalisiert und die Namen der Beteiligten wurden verändert. Dennoch ist unverkennbar, dass der Film von den Ermittlungen rund um Dutroux und insbesondere vom Trauma der damaligen Zeit handelt.

30 Jahre nach dem Sommer 1996 sind die Täter verurteilt, zwei der Hauptverurteilten wieder frei und die berüchtigten Tatorte weitgehend verschwunden. Polizei und Justiz wurden nach der Affäre tiefgreifend reformiert. Mit Child Focus entstand eine Institution, die bis heute vermisste und sexuell ausgebeutete Kinder unterstützt.

Seit dem Sommer 1996 hat sich Belgien verändert. Die Gesetze wurden geändert, Polizei und Justiz reformiert, Institutionen geschaffen. Und die Erinnerung an Julie, Mélissa, An, Eefje, Sabine und Laetitia ist geblieben – auch nach 30 Jahren. (cre)

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