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Misstrauen, Angst und Feindseligkeiten nehmen zu: Was lehrt uns der Fall Zypern?

Bankkunden an einem Automaten. Die Banken öffnen erst am Donnerstag. Foto: dpa

Zypern ist vorerst gerettet, doch der Unsicherheitsfaktor bleibt, nicht nur für Zypern selbst? Kann sich der „Fall Zypern“ in einem anderen Euroland wiederholen? Können bei uns die Bankkunden wirklich sicher sein, dass nicht über Nacht ein Teil ihrer Spareinlagen einfach konfisziert wird? Und verstärkt die Zypern-Krise nicht die „Europa-Verdrossenheit“? Feindseligkeiten insbesondere gegenüber Deutschland sind jedenfalls unverkennbar.

Am Montagabend war Zypern Thema der Diskussionssendung „Hart aber fair“ in der ARD. Bei allen Teilnehmern überwog die Skepsis, und zwar sowohl was das Vertrauen in den Staat und das europäische Finanz- und Bankensystem betrifft als auch die Weiterentwicklung der Europäischen Union. Dies spiegelt sich auch in den Kommentaren der internationalen Presse wider.

„Die Rettung Zyperns ist auch mit etlichen schwer überschaubaren Risiken verbunden“, schreibt am Donnerstag die niederländische Zeitung „De Volkskrant“: „Die Enttäuschung für reiche Sparer kann andere reiche Sparer kopfscheu machen. Wer viel Geld in verletzlichen Euroländern wie Slowenien oder Spanien geparkt hat, dürfte dies bei Anzeichen von Unruhe schneller abziehen. So ein Run auf die Banken kann das Finanzsystem instabil machen.“

Zypern sollte eine Warnung sein

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„Die Dramatik dieser Wirtschaftskrise und die politischen Reaktionen darauf schüren die Ängste der Bürger Europas, die durch schlechte Nachrichten schon völlig erschöpft sind“, meint die französische Zeitung „Libération“: „Durch die Krise geraten Regierungen in Sackgassen, nehmen Protestbewegungen zu und es werden soziale Ängste geschürt. Die kleine Insel Zypern hat es geschafft, diese giftige Maschinerie wieder in Gang zu setzen. Das sollte uns eine Warnung sein.“

Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ schreibt ihrerseits: „Zyperns Notlage bietet seinen Kritikern jetzt die günstige Gelegenheit, eine dreiste Steuerpolitik zu beenden. Kann man sich darüber freuen? Nein, denn die Enteignungen vermitteln den Eindruck eines vor nichts zurückschreckenden Euro-Regimes.“

Die EU habe einen Fehler gemacht, schreibt die belgische Finanzzeitung „L’Echo“: „Beim ersten Rettungspaket hat sie erlaubt, auch Spareinlagen unter 100.000 Euro zu belasten. Dadurch hat Europa die Büchse der Pandora geöffnet: Die Verunsicherung ist da.“

Neben reichen Ausländern dürften auch viele zyprische Unternehmen einen erheblichen Teil ihrer Einlagen verlieren – das werde der Wirtschaft des Landes erheblichen Schaden zufügen, meint die „Berliner Morgenpost“: „Außerdem ist die Radikalkur für die beiden Großbanken auch für die übrigen Institute Zyperns ein Schock. Es steht zu befürchten, dass dort ebenfalls viele Kunden vorsichtshalber die Konten plündern werden. Der Zypern-Kompromiss bedeutet deshalb ein großes Experiment. Von seinem Ausgang wird abhängen, wie Europa künftige Schieflagen von Banken angeht. Und ob sich der Steuerzahler tatsächlich aus der Zwangslage befreien kann, immer wieder für Not leidende Geldhäuser geradestehen zu müssen.“

Da läuft etwas ganz Grubdsätzliches schief

Ein Mann zeigt Euro-Scheine und Zypern-Pfund (bis zum 31. Dezember 2007 die Währung auf Zypern). Foto: dpa

Ein Mann zeigt Euro-Scheine und Zypern-Pfund (bis zum 31. Dezember 2007 die Währung auf Zypern). Foto: dpa

Unabhängig davon, dass sich mehr denn je die Frage stellt, wie sicher Bankspareinlagen heute noch sind, wird in zunehmendem Maße eine Verstärkung der „Europa-Verdrossenheit“ befürchtet. So schreiben zum Beispiel die „Nürnberger Nachrichten“: „Da läuft auch etwas ganz Grundsätzliches schief. Die Betroffenen in allen Krisenländern wie jetzt wieder in Zypern fragen sich zu Recht: Was sind das für Rettungskonzepte, die verbrannte Erde hinterlassen und die Menschen erst in die Arbeitslosigkeit und dann in die Armut treiben? Für wen retten wir eigentlich Euroland, wenn nicht für die, die darin leben? Gut, wenigstens sind diesmal die Steuerzahler vorerst außen vor. Aber mit den Zyprern dürfte ein weiteres Volk auf der Liste derer stehen, die mit der Vision eines vereinigten Europas nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun haben wollen. Operation gelungen, Patient tot.“

Die Feindseligkeiten gegenüber Deutschland und deren Kanzlerin Angela Merkel haben in Zypern jedenfalls deutlich zugenommen – und offenbar nicht nur dort. „Ob sich Deutschland auch bei einem größeren Land trauen würde, hart zu bleiben?“, fragt der Bonner „General-Anzeiger“ und stellt fest: „Schon jetzt sind die Ressentiments in der EU gegen die Deutschen so groß wie selten.“ (dpa/cre)

16 Antworten auf “Misstrauen, Angst und Feindseligkeiten nehmen zu: Was lehrt uns der Fall Zypern?”

  1. Edwin Kreitz

    Die Antwort auf die Frage im Titel „Was lehrt uns der Fall Zypern?“
    ist klar: Sie lautet „NICHTS“

    Die verantwortlichen Politiker machen weiter wie bisher
    genau wie 1867 und 1929 als die Wirtschaft und die Gesellschaft am Geld- und Zinssystem gescheitert und zerbrochen ist.

    Die wahre Ursache für die Krise wird weiter ignoriert.
    Wenn alle arbeitslos, arm und kaputtgespart sind, wird es Krieg geben.
    Kein Krieg zwischen Schwarzen und Weißen oder zwischen Moslems und Christen, sondern zwischen denen die noch was zu Essen haben und denen die nichts mehr haben.

    Genau wie bereits 2x in den letzten Jahrhunderten geschehen.
    Das hat man alles vergessen!

    Ein System mit Zinsen kann nur ca. 60- 80 Jahre überleben, dann muß
    alles zerstört und ausgerottet werden damit man wieder bei null starten kann. Um dann wieder 80 Jahre Geld mit Geld verdienen zu können!

  2. Merkel ist noch nie hart geblieben. Sie hat immer kurz vor Schluss nachgegeben. Die deutschen sind die einzigsten die in der Lage sind zu helfen.
    Wehe Deutschland kommt in Schwierigkeiten, dann ist Ende mit EU!

    • Joseph Meyer

      @Kelemes
      Sie schreiben fast panikartig: „…dann ist Ende mit EU.“ Ich frage Sie ernsthaft: „Wäre das so schlimm? Wäre es schlimm, wenn die EU wieder zur EWG, also zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zurück kehrt, und wenn dann die politischen Entscheidungen in den wichtigen Bereichen Wirtschaft, Finanzen, Handel und Soziales wieder in den Parlamenten der Mitgliedsländer getroffen werden – und also wieder demokratisch von den gewählten Vertretern der Bevölkerung getroffen würden?! Sind Sie denn der Meinung, dass wir mit der „Troika“ und dem „ESM“ noch in einer demokratischen Rechtsordnung leben?
      Frieden, Freiheit und Brüderlichkeit in und unter den EU-Mitgliedsländern werden doch von dieser EU der Banken- und Industriekonzerne geradezu fahrlässig mit der Wettbewerbskeule zerstört! Und mit dem Schuldgeld „Euro“ als alleiniger legaler Währung in der Eurozone gibt es nur einige wenige Gewinner, unter 10%, und mindestens 80% Verlierer…!

      • Herr Meyer, Sie ernten ja oftmals Unverständnis für Ihre Ansichten., ja manchmal sogar Häme, gelten als der „Don Quichote, der gegen die Windmühlen“ kämpft. Zumindest was Europa angeht, bin ich aber voll bei Ihnen.Ich habe schon in anderen posts meine Meinung, u.a. zu der EU-Kommission, die ich mehrmals als Europäische UNFUG-Kommission betitelt habe, geäußert. Wenn die Regulierungswut der EU-Institutionen
        so weiterschreitet,“ schafft Europa sich ab“ Nicht nur die „gemeinen“ Bürger, sondern viele namhafte Politologen, Wirtschaftswissenschaftler usw,.stehen diesem Europa-bürokratismus inzwischen ablehnend gegenüber.

        • Im Parlament rührt ein Gewisser Nigel Farage aus England in der Scheisse. Zwar gleicht seine Partei eher einem UK-äquivalent der Vlaams Belang, im Parlament reibt er allen hauptsächlich nur die Fehlschläge der EU, Troika und sonst wem unter die Nase. Wenn man dann die Reaktionen diverser hochrangiger Politiker sieht, weiss man genug.

  3. Zappel Bosch

    Was war die Alternative? Zypern bankrott gehen zu lassen (da wäre es den Zyprioten, im Gefolge der Banken und Firmen, noch viel schlechter ergangen)? Alle Milliarden tuti complti schenken (und u.a. den vielen Russen in den A…. blasen)?
    Übrigens, selbst damit ist Zypern nicht gerettet. Da bleiben noch viele Gefahren! Vermute dann aber, dass die EZB mehr hilft als heute. Früher hieß das nämlich mal „Europäische GEMEINSCHAFT“…
    Ich sehe es übrigens ähnlich wie meine Vorgänger hier : Alle X Jahrzehnte muss es edinn Crash geben, zumindest für manche Staaten, und die müssen sich dann wieder hocharbeiten. Allerdings teile ich nicht Ansicht, dass man ein total anderes Geldsystem global einführen könnte.

  4. Andreas Meyer

    Ich muss bis auf Kelemes allen Kommentar-Schreibern hier Recht geben! Von Nigel Farage bin ich schon länger Fan, dessen Reden und Dispute im Europäischen Parlament sollte sich jeder mal ansehen! Und Zypern ist nur ein Anfangstest, der große Knall folgt in nicht allzu ferner Zukunft!
    Unruhen, wie wir sie bisher nur aus dem Fernseher (den kann man auch abschalten!) kennen, werden wir bald selbst erleben…
    „Krieg zwischen denen die noch was zu Essen haben und denen die nichts mehr haben.“ Sehr gut auf den Punkt gebracht.

  5. senfgeber

    Nicht nur der Fall Zypern lehrt uns, dass das Konstrukt EU seinen Gipfel erreicht hat es jetzt bergab geht. Ein Hilfspaket jagt das andere, wieviele sollen es denn noch werden anstatt an die Ursachen zu gehen? Die Menschen wollen nicht in einem identitätslosen europäischen Brei aufgehen, die EU ist zu einem Umverteilungsladen verkommen, in dem Misswirtschaft von erfolgreichen Staaten finanziert werden soll. Doch die Rechnung geht nicht auf, das nationale Hemd ist den lieben Europäern näher als ein bürokratischer europäischer Rock und noch sind nicht alle Bürger gleichgeschaltet. Der Euro eint Europa nicht, er spaltet Europa. Und ausgerechnet jenen in Brüssel mehr Macht zu verleihen, die dieses Schlamassel verursacht haben, wäre das allerschlechteste Zeichen.

  6. Edwin Kreitz

    Bei all diesen Problemen auf der Welt, die bis in die DG hineingreifen beschäftigen sich die Regierung und die Mehrheitsabgeordneten in der DG bspw. damit wie viele Parkplätze man für ein neues Parlament braucht.

    Dabei graben sie sich selbst eine Grube, in dem sie allen EU-Richtlinien im PDG im schnellen Verfahren dzustimmen. Das wird Ihnen über kurz oder lang alle Gesetzes-/Dekretautonomie nehmen.

    Dann richten sich die Dekrete in der DG nämlich nicht mehr nach dem Willen der Abgeordneten sondern nach den EU-Richtlinien.

    Wie sehr muss diese Machtgeilheit auf den eigenen Verstand drücken, um das nicht zu erkennnen.

  7. Es reicht!

    Da ja in Belgien die Sparguthaben pro Kopf am höchsten sind wird die Regierung sich schon etwas einfallen lassen die Finanzlöcher in Brüssel mit dem Geld des fleissigen treuen patriotischen Steuerzahler zu stopfen.
    Also wird in Belgien anscheinend Fleiss und Sparsamkeit abgestraft? SOZIALISMUS und KAPITALISMUS scheinen sich nun Mal nicht zu vertragen? Nur die Unternehmer haben die Möglichkeit ihren Firmensitz nach Luxemburg zu verlegen. Dem kleinen fleissigen und sparsamen Angestellten Arbeiter und Angestellten ist dieses Glück leider nicht beschieden? Zumal liegt die Inflation über dem der Sparzinsen mit der Folge dass das Geld auf unseren Sparbüchern ähnlich dahin schmelzt wie das Eis der Polarkappen.

    • „Es reicht“, Sie schreiben:
      „Nur die Unternehmer haben die Möglichkeit ihren Firmensitz nach Luxemburg zu verlegen. Dem kleinen fleissigen und sparsamen Angestellten Arbeiter und Angestellten ist dieses Glück leider nicht beschieden“
      Ist Luxemburg als Nächstes dran? so der Titel eines Beitrages im G-E von heute.In diesem Bericht kommt der ebenfalls in LU „aufgeblähte“ Finanzsektor zur Sprache.Fachleute schließen nicht aus, dass es auch in unserem Nachbarland zu ähnlichen Verhältnissen wie in Zypern kommen KÖNNTE. Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, da ich kein Finanz-Fachmann bin, und mir somit kein Urteil erlauben kann. Trotzdem stelle mir einige Fragen diesbezüglich.

  8. Es reicht!

    Zu den Banken! Ohne Bankenaufsicht können die doch mit dem Geld der Sparer zocken bis zum abwinken in der Gewissheit dass der Staat (der Steuerzahler) die Banken wieder retten wird. So haben in der Bankenkrise viele Banken Unterstützung vom Staat erhalten und was haben diese mit dem Geld gemacht. Sie haben wieder griechische Anleihen gekauft.
    Die Bankenvorstände in Belgien sitzen bildlich vorgestellt im Casino in Spa am Rouletttisch und verzocken das Spargeld des kleinen Mannes und der Staat schaut nur zu und unterstützt diese moralisch höchst verwerfliche Verhalten.

  9. Backes Manfred

    Wenn die Presse schreibt, dass etwas gerettet wurde, bedeutet das eigentlich das eine Zwangsenteignung stattfindet. Die deutsche Polit-Elite ist übrigens Weltmeister im Manipulieren und sie benutzt dafür ihr stäkste Waffe,

    „die Sprache“.

  10. borderside - Die EUROPÄER in der Gründungsphase

    BLA, BLA, BLA … Meyer und Konsorten …
    DIE EUROPÄER halten die Euro – Währung als unabdingbar. Da die Gründer der Partei berufsbedingt viele europäische Länder kennen, dort niedergelassen sind und auch leben, haben wir einen realen Blick weit über den Tellerrand hinaus aus praktischer Erfahrung. Ca. 500 Mio. Menschen in den 27 Staaten der EU sind einfach da und Bestandteil Kultureuropas mit der großartigen Chance noch mehr zu werden. Der Euro wird überleben und auch dazu beitragen, dass Europa in der Welt wahrgenommen wird. Jedes europäische Land, außer Russland, kann nur per Lupe auf der Weltkarte gefunden werden und die kleinkarierten Schwadroneure in den Kommentaren werden schon unsicher, wenn sie sich zu weit vom Heimatort entfernen. Europa hat eine große Zukunft! Dazu muss der Moloch der Kommission in Brüssel entsorgt werden, ein demokratisches Europa entstehen mit einer national – europäischen Identität. Nur das demokratische Europa mit einer europäischen Regierung wird die Akzeptanz bei den Bürgern finden. Die nach Brüssel als Kommissare entsorgten Politiker wie Oettinger, Ashton und Co. sind der Tod der EU. Ein neues Europa nach der Zeit der Kommissionen wird Spielregeln entwickeln, welche die Auswüchse z.B. der Banken nicht mehr zulassen und die Nationalstaaten demokratisch die Maastricht – Kriterien umsetzen lassen. Nationaleuropa hat genug Potential um auf die Immigranten ausserhalb Kultureuropas, insbesondere der muslimischen Welt, verzichten zu können. Wer den Euro in Frage stellt, stellt Europa in Frage und auch den innereuropäischen Frieden. Ein Kultureuropa der Regionen und Nationalstaaten steht dazu nicht im Widerspruch – ganz im Gegenteil.
    Und wie stets: Freiheit für die DG in einem föderalen Belgien!

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