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Henry Kissinger wird 100: Der berühmteste Diplomat in der Geschichte der Vereinigten Staaten geistig noch topfit

02.11.2015, China, Peking: Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger (l) und der chinesicher Präsident Xi Jinping unterhalten sich. Foto: Jason Lee/epa/dpa

Henry Kissinger blickt auf ein langes Leben zurück – gespickt mit vielen außenpolitischen Erfolgen. Doch der ehemalige US-Außenpolitiker wird nicht nur bewundert. Einige verachten ihn – denn sein Name wird auch mit schmutzigen Machenschaften verbunden.

Henry Kissinger ist vielleicht der berühmteste Diplomat in der Geschichte der USA. Lange, nachdem sich der Deutschamerikaner aus der Politik zurückgezogen hat, suchten Spitzenpolitiker noch seinen Rat. Und noch heute teilt Kissinger, der am Samstag (27. Mai) 100 Jahre alt wird, gern seine Meinung zu unterschiedlichen internationalen Themen mit der Welt.

Doch der ehemalige US-Außenminister ist eine kontroverse Figur. Loben ihnen die einen als brillanten Realpolitiker mit Verhandlungsgeschick, sehen ihn andere als skrupellosen Machtmenschen – ja gar als Kriegsverbrecher.

17.06.2014, USA, New York: Der ehemalige Außenminister der USA, Henry Kissinger feiert am 27. Mai seinen 100. Geburtstag. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Kissinger ist mittlerweile schwerhörig und auf einem Auge blind. Er hat mehrere Herzoperationen hinter sich. Doch geistig ist er immer noch topfit – auch wenn er seine Gedanken langsam und manchmal schwer verständlich formuliert. „Ich denke, dass wir bis Ende des Jahres über Verhandlungsprozesse und sogar tatsächliche Verhandlungen sprechen werden“, sagte er jüngst in einem Interview im US-Fernsehen über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Auch an Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht. Er antwortete auf die Frage, ob Chinas Präsident Xi Jinping den Hörer abheben würde, sollte Kissinger anrufen: „Die Chancen stehen gut, dass er meinen Anruf annimmt.“ Das gelte auch für Kremlchef Wladimir Putin.

Geboren wurde Kissinger am 27. Mai 1923 als Heinz Alfred Kissinger in Fürth, Sohn eines deutsch-jüdischen Ehepaares. 1938 floh die Familie vor den Nazis in die USA. Kissinger wuchs dann in New York auf. Es heißt, als Jugendlicher sei er so schüchtern gewesen, dass er kaum sprach. Das könnte erklären, warum Kissinger bis heute einen starken deutschen Akzent hat. Er wurde nach der US-Einbürgerung 1943 zum Militärdienst eingezogen, kämpfte in den Ardennen und arbeitete dann in Deutschland für die US-Spionageabwehr.

27.01.1973, Frankreich, Paris: Die beiden damaligen Chefunterhändler Henry Kissinger (USA, r) und Le Duc Tho (Nordvietnam) bei den Friedensverhandlungen Anfang 1973 in Paris. Am 27.1.1973 wurde im Pariser Hotel Majestic das Waffenstillstandsabkommen zwischen den USA und Nordvietnam unterzeichnet. Foto: UPI/dpa

Nach der Rückkehr studierte er mit Hilfe von Stipendien an der Elite-Universität Harvard Politikwissenschaften und promovierte 1954. In den Folgejahren lehrte er an der Uni und machte sich als Spezialist für internationale Politik einen Namen. 1969 holte ihn der republikanische Präsident Richard Nixon als Sicherheitsberater ins Weiße Haus. Später wurde er gleichzeitig Außenminister – und blieb zumindest letzteres auch unter Nixons Nachfolger Gerald Ford. Kissinger prägte die sogenannte Pendeldiplomatie – reiste zwischen Hauptstädten hin und her und verhandelte zwischen Konfliktparteien. Als Außenminister war er eine Art Berühmtheit, bekannt für sein Machtbewusstsein und seine Frauengeschichten.

Kissinger hat viele Erfolge vorzuweisen. Er suchte Entspannung mit China und der Sowjetunion, stiftete Frieden in Nahost, bemühte sich um Abrüstung. So fädelte er in Geheimgesprächen in der damaligen UdSSR das erste Abkommen zur strategischen Rüstungsbegrenzung (SALT I) ein. Außerdem verhandelte er 1973/74 das Ende des Jom-Kippur-Krieges aus. Es sind beeindruckende Errungenschaften. Für viele gilt Kissinger bis heute als außenpolitisches Genie.

29.03.1974, USA, Washington: Der damalige israelische Verteidigungsminister Moshe Dajan (l) und US-Außenminister Henry Kissinger (r) lachen vor Beginn der Nahost-Vermittlungsgespräche im Außenministerium miteinander. Foto: –/UPI/dpa

Das ist die eine Seite der Geschichte. Kritiker sehen in ihm allerdings einen Machtpolitiker ohne Moral, der auch Diktaturen unterstützte – solange es nur seinen Interessen nützte. Dabei, so der Vorwurf, habe der Zweck die Mittel geheiligt. Er galt damals als zunehmend selbstherrlich und verschlossen. In einem Interview aus dem Jahr 1972 verglich er sich mit einem Cowboy, der allein voran reitet und die Kolonne anführt. Später bereute er diese Worte.

Neben den außenpolitischen Erfolgen gibt es eine ganze Liste an Kriegen und Krisen, in denen Kissinger eine mindestens zweifelhafte Rolle spielte. Da ist zum einen der Vietnamkrieg: Kissinger soll 1968 einen nahen Friedensschluss verhindert haben, um Nixon zum Wahlsieg zu verhelfen. 1973 mündeten seine jahrelangen Geheimverhandlungen mit dem nordvietnamesischen Unterhändler Le Duc Tho schließlich in einen Friedensvertrag. Beiden wurde der Friedensnobelpreis zugesprochen – obwohl der Krieg noch bis 1975 weiterging. Kissinger nahm den Preis an, Le Duc Tho nicht.

Umstritten ist, welche Rolle Kissinger konkret bei der geheimen Bombardierung Kambodschas während des Vietnamkriegs spielte. Kritiker werfen ihm vor, dass die Folgen seines Vorgehens der Roten Khmer in dem Land in Südostasien zur Macht verholfen haben.

28.05.1987, Aachen: Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger (l) während der Verleihung des Karlspreises der Stadt Aachen durch den damaligen Aachener Oberbürgermeister Kurt Malangré (r). Foto: Alfred Hennig/dpa

Auch die Unterstützung der blutigen Invasion Indonesiens in Osttimor 1975 ist ein dunkler Fleck in Kissingers außenpolitischer Karriere. Zusammen mit dem US-Geheimdienst CIA soll Kissinger 1973 außerdem in den blutigen Putsch von General Augusto Pinochet gegen Chiles gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende verstrickt gewesen sein.

Kissinger erhielt Vorladungen von Gerichten in verschiedenen Ländern, erschien aber nie. Von den Vorwürfen gegen ihn will er bis heute nichts wissen. Auf die Kritik – und speziell Kambodscha – angesprochen, reagierte er in einem Interview für das US-Fernsehen ungehalten. Das Thema der Sendung sei doch, dass er 100 Jahre alt werde, schimpfte er. Und nun komme man mit einer 60 Jahre alten Sache um die Ecke. Die jüngere Generation, die ihn verurteilt, stellte er als ignorant dar.

Nach Nixons Rücktritt blieb Kissinger Außenminister – die politische Bühne verließ er dann nach dem Amtsantritt des demokratischen Präsidenten Jimmy Carter 1977. Doch der Rückzug aus der aktiven Politik bedeutete für Kissinger nicht, sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Er gründete eine Beraterfirma, schrieb mehrere Bücher und ist trotz seines hohen Alters bis heute ein gefragter Redner, wenn es um außenpolitische Einschätzungen geht. (dpa)

5 Antworten auf “Henry Kissinger wird 100: Der berühmteste Diplomat in der Geschichte der Vereinigten Staaten geistig noch topfit”

  1. volkshochschule

    Jedenfalls findet man heute noch Spuren von den hochgiftigen Entlaubungsmitteln im Dschungel von Vietnam. Kissinger gehörte zum Kreis derjenigen die diese Lieferungen genehmigt und befürwortet haben. Ansonsten hat er auch Gutes bewirkt, da waren Bush Junior und Blair schlimmer und vor allem strohdumm.

  2. Volkshochschule
    Eine riesige Blutspur zieht sich durch sein Leben.
    H.Kissinger: „Soldaten sind stumpfe, blöde, Tiere, gerade gut genug um als Spielfiguren (Bauern) in der Aussenpolitik benutzt zu werden.“

  3. Erleuchtung Jean

    Henry Kissinger:
    „Meine Einschätzung war damals, dass die Ukraine am besten neutral geblieben wäre“

    Befragt wurde der frühere US-Außenminister Henry Kissinger von der „Zeit“ auch zum Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Er sehe nicht nur den russischen Präsidenten Putin in der Verantwortung für den Krieg in der Ukraine, so der Ex-Politiker. „Der Krieg selbst und die Kriegsführung sind höchst rücksichtslos, der Angriff muss zurückgeschlagen werden, und ich befürworte den Widerstand der Ukrainer und des Westens.“

    Aber er habe schon 2014 „ernste Zweifel an dem Vorhaben geäußert, die Ukraine einzuladen, der Nato beizutreten. Damit begann eine Reihe von Ereignissen, die in dem Krieg kulminiert sind. Das rechtfertigt den Krieg nicht, aber ich war damals der Auffassung, und bin es heute noch, dass es nicht weise war, die Aufnahme aller Länder des ehemaligen Ostblocks in die Nato mit der Einladung an die Ukraine zu verbinden, ebenfalls der Nato beizutreten“. Kissinger fügte dann noch hinzu: „Meine Einschätzung war damals, dass die Ukraine am besten neutral geblieben wäre, mit einem Status ähnlich wie seinerzeit Finnland.“👍👍

    Auch meine Auffassung.
    Diese, ist die Vorstellung von weisen Leuten.

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