Meinung

Brüssel, Frankfurt, Kiew und Moskau sind heute vielen Ostbelgiern näher als Eupen und Namur [Zwischenruf]

Die Welt im Blick. Foto: Shutterstock

Im kommenden Jahr feiert die DG 50 Jahre Autonomie. Das Problem ist, dass sich für die DG derzeit kaum jemand interessiert. Der Blick vieler Menschen in Ostbelgien ist inzwischen mehr auf das nationale und internationale Geschehen gerichtet als auf das regionale.

In den letzten 20 Jahren interessierten sich die Menschen immer weniger für die nationale Politik und noch weniger für das internationale Geschehen. Mit dem Transfer von immer mehr Befugnissen vom Föderalstaat an die Regionen und Gemeinschaften rückten Namur und Eupen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und des Interesses, falls man angesichts der gewachsenen Politikverdrossenheit überhaupt von Interesse reden kann.

Der Klimawandel, die Corona-Krise sowie der Ukraine-Krieg und dessen Folgen (Energieversorgung, Inflation usw.) haben den Blick wieder auf Gesamtbelgien, Europa und die Welt gerichtet.

Das Plenum des Parlaments der DG. Foto: PDG/CK

Schon während der Corona-Krise verfolgten viele Bürger in Ostbelgien mit großem Interesse die Entwicklung auf Landesebene, in Deutschland (über die deutschen Medien) und in Europa, um Näheres zu Lockdown, Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen und Impfstoffe zu erfahren.

Zwar hatte auch die DG Teilbefugnisse im Zusammenhang mit Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus, aber im Mittelpunkt standen erst der Nationale Sicherheitsrat und später der Konzertierungs-Ausschuss sowie die Europäische Kommission und die Europäische Arzneimittel-Agentur in Amsterdam.

Nach der Hochwasser-Katastrophe vom 14. und 15. Juli 2021 geriet vorübergehend die Regierung in Namur in den Fokus wegen der Polemik um den für Infrastruktur zuständigen Regionalminister Philippe Henry (Ecolo), dem vorgeworfen wurde, seinen Aufsichtspflichten nicht nachgekommen zu sein, insbesondere was das Krisenmanagement im Zusammenhang mit der Eupener Wesertalsperre betraf.

Ein Zwischenruf.
Illustration: Pixabay

Mit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022 hat sich das Blickfeld noch mehr erweitert. Nachdem sich lange Zeit kaum noch jemand für das internationale Geschehen interessiert hatte, waren Kiew und Moskau plötzlich ganz nahe.

Vielen Menschen ist klar geworden, dass über ihre Zukunft zwar nach wie vor auch in Eupen und Namur entschieden wird. Im Zusammenhang mit der Energiekrise sind jedoch die nationale und internationale Politik wichtiger denn je. Die EU und die NATO in Brüssel sowie die EZB in Frankfurt haben auf den Alltag der Ostbelgier unter Umständen einen größeren Einfluss als das, was am Platz des Parlaments in Eupen beschlossen wird.

Noch bedrohlicher ist, was Aggressor Wladimir Putin im fernen Moskau gerade ausheckt.

Wir lernen daraus, dass das Interesse vieler Menschen wächst, je größer das Problem ist. Und über die wichtigsten Probleme wird im Augenblick nicht in Eupen entschieden. Noch ist die DG eine Insel der Glückseligkeit. Aber wie lange noch? (cre)

22 Antworten auf “Brüssel, Frankfurt, Kiew und Moskau sind heute vielen Ostbelgiern näher als Eupen und Namur [Zwischenruf]”

  1. Für die DG interessiere ich mich schon lange nicht mehr. Würde mal gerne wissen, wie viele Leute per Livestream eine Plenarsitzung des Parlaments in Eupen verfolgen, wenn sie nicht gerade beruflich dazu verpflichtet sind.

    • Vereidiger

      Das Nichtverfolgen der Sitzungen hat nichts mit „Desinteresse“ zu tun.
      Für „Interessierte“ reicht es, einen Blick ich die Zeitung zu werfen oder in den BRF reinzuhören. Man muss sich ja nicht gleich mit den Details befassen…

      • Jammervoll

        @Vereidiger , in den BRF reinzuhören das ist in der letzten Zeit mal so eine heikle Angelegenheit .
        Meinen verschiedene Ansagerinnen dieser Instanz wirklich , das es für den Zuhörer interessant ist die Nachrichten serviert zu bekommen mit jedem dritten Satz das Wort “ PARDON “ in den Ohren geflattert zu bekommen .

    • Walter Keutgen

      Blob, Vereidiger hat Recht. Alle (?) Parlamentssitzungen der Wallonie und einige der Föderalen Kammer werden auch übertragen. Ich sehe mir eine oder zwei an und dann weiß ich genug. Das Leben besteht ja nicht nur aus Politk.

  2. Wir sind ein Land, leider sehen „unsere“ feinen Politiker das nicht mehr so… es müsste nur eine Regierung geben und keine Regionen, dann wäre Belgien wieder wie es mal war, nämlich eine Nation. Was kostet die DG dem Staat ? Würde ich gerne mal wissen. Es ist kein Zufall das wir wie Zitronen gepresst werden um dies (und viele Andere Sachen) zu bezahlen.

    • Frankenbernd

      Glaube, Belgien war nie eine Nation, der Bruch ging immer entlang der wall/flaem. Sprachengrenze schon bevor wir belgisch wurden. Belgien war vielleicht einmal eine frankophone Nation, zwangsweise war Franzoesisch die einzige akzeptierte Verwaltungs- und Gerichtssprache, auch in Flandern. Die Staatsreformen um Flamen (und uns ‚Deutsche‘) zu gleichberechtigten Belgiern zu machen haben leider dazu gefuehrt, dass die Landesteile gar nichts mehr mit einander zu tun haben, siehe Parteien etc.

  3. Gastleser

    Na ja, ob eine Zentralregierung in Brüssel irgendwas für unser Dorf machen würde?
    Dann kommen alle Postchen von hier nach dort um lokale Interessen zu vertreten und um mit den DGlern überhaupt zu kommunizieren.
    Noch mehr EU bringt auch nichts.

  4. Ja, wir sind die best geschützte Minderheit der Welt, aber leider sind die Belgier auch das Volk, das die meisten Steuern zahlt und am wenigsten dafür bekommt. Aber egal, wir bekommen alle Dokumente auf Deutsch!
    Ach ja, ich vergaß. All die Kollegen in der Gospertstraße und am Kehrweg bekommen auch alles auf Deutsch und ein tolles Taschengeld dazu.
    Dass der Polizei Leute fehlen, den Gerichten Platz fehlt, den Pflegekräften die Leute davon laufen, die Straßen teils in desolaten Zustand sind ist egal. Hauptsach man bekommt alles in seiner Muttersprache. Ein echter Mehrgewinn (für manche zumindest)!

  5. Gastleser

    Klar ist die DG ein Gewinn!
    Meine lokale Behörden erreichbar, Essen gut, Landschaft schön, schneller im Krankenhaus als in jeder Großstadt, Hausarzt sofort erreichbar, lecker Wild, Fisch und Pilze direkt vor der Haustüre, ein paar große Seen, etc.
    Die Politiker können sich hier nicht verstecken weil es so klein ist.
    Paasch und KH kriegt man ans Telefon wenn was ist – Merkel wohl ehr nicht.

  6. Joseph Meyer

    @OstbelgienDirekt
    Was Putin im fernen Moskau aushäckt, können wir nur raten, aber was die US-„Elite“ seit vielen Jahren intensiv vorbereitet, nämlich einen handfesten Krieg der NATO gegen Russland auf europäischem Territorium, das wissen wir von den öffentlichen Aussagen dieser „honorigen“ Herrschaften … Zu diesem Zweck wurde die Ukraine seit 2014 massiv aufgerüstet und die ukrainische Armee wurde von US-Ausbildern gedrillt. Zu diesem Zweck wird der Ukraine kein Ende der Kämpfe „erlaubt“: „Wir verteidigen die Ukraine bis zum letzten Ukrainer“, toll … Die US-Führung spielt auf, und unsere politischen Marionetten tanzen, exakt im gleichen Takt! Wir, die Menschen, das Volk, der Souverän!, zählen nicht … toll …
    Was mir persönlich die allergrößte Sorge macht ist die Gefahr einer „false-flag“ Operation durch die USA-gesteuerte ukrainische Armee mittels chemischen Waffen oder sogar einer Mini-Nuke-Bombe im Osten der Ukraine um dieses Kriegsverbrechen dann den Russen anzuhängen und dann der USA-NATO zu ermöglichen direkt in den Konflikt eingreifen zu können!

  7. Ostbelgier

    Die DG ist sowieso viel zu gross geworden. Was brauchen wir hier 4 Ministerposten? Die ganze Welt lacht uns aus. Die Gemeinden sind uns näher wie Eupen und Co. Die Regierenden nehmen sich darüber hinaus viel zu viele und teure Freiheiten. Unrentable dazu. Überhaupt wäre ein Teil Paragraphen und Gesetze auszulöschen, damit einiges viel flotter ans Laufen käme! Angefangen bei der Prüfung und Durchsicht aller Posten welche sich diese Leute erlauben?! Alles bezahlt durch die vielen Steuern die uns Bürgern aufgelegt werden. Stoppt den Unsinn. Hier wird Grenzenlos übertrieben.

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