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40 Jahre Tschernobyl: Reaktorkatastrophe hat sich tief ins kollektive Gedächtnis Europas eingebrannt

Die Natur hat sich Teile der verlassenen Zone zurückerobert, doch die unsichtbare Gefahr der Strahlung besteht fort. Foto: Shutterstock

Am 26. April jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zum 40. Mal – ein Ereignis, das sich tief in das kollektive Gedächtnis Europas und der Welt eingebrannt hat.

Am 26. April 1986 sollte die Sicherheit des Reaktors von Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl überprüft werden. Man wollte einen Stromausfall simulieren, um nachzuweisen, dass das Kernkraftwerk selbst genügend Strom produzieren könnte, um das Notkühlsystem weiter funktionstüchtig zu halten. Allerdings geriet der vorgesehene Test aufgrund von Bedienungsfehlern und Konstruktionsmängeln des Reaktors völlig außer Kontrolle.

14.02.2025, Ukraine, Tschernobyl: Ein Blick auf den Sicherheitsbehälter, der die Überreste des Reaktors Nummer vier im ehemaligen Atomkraftwerks Tschernobyl schützt und zur Eindämmung der Strahlung gebaut wurde. Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa

Insgesamt wurden 150.000 km² in Weißrussland, der Ukraine und Russland durch den Reaktorunfall in Tschernobyl radioaktiv verseucht. Ein Gebiet, in dem damals fünf Millionen Menschen lebten. Mehr als 330.000 Menschen, die in unmittelbarer Nähe des Reaktors gelebt hatten, mussten evakuiert werden. Wegen der Wetterbedingungen wurden weitere 45.000 km² in ganz Europa durch Radioaktivität belastet. Die Folgen der Katastrophe wirken zum Teil heute noch nach.

Feuerwehrleute und Kraftwerksmitarbeiter kämpften unter Einsatz ihres Lebens gegen die Flammen, oft ohne sich der tödlichen Strahlung bewusst zu sein. Viele von ihnen bezahlten ihren Einsatz mit schweren Erkrankungen oder dem Tod.

„Wir wussten nicht, dass wir gegen den Tod selbst kämpfen“, lautet ein häufig zitierter Satz eines beteiligten Feuerwehrmanns – ein eindringliches Zeugnis der damaligen Unwissenheit und Opferbereitschaft.

Luftbild der Ausschlusszone mit hoher Radioaktivität. Die verlassene Stadt Prypjat, einst Heimat von fast 50.000 Menschen, ist heute eine Geisterstadt. Foto: Shutterstock

Doch Tschernobyl war nicht nur eine regionale Tragödie. Radioaktive Wolken zogen über weite Teile Europas hinweg und machten die Katastrophe zu einem globalen Ereignis. Sie erschütterte das Vertrauen in die Sicherheit der Kernenergie und führte weltweit zu intensiven Debatten über Risiken, Transparenz und Verantwortung.

Der damalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow bezeichnete Tschernobyl rückblickend sogar als möglichen Wendepunkt der Geschichte: „Tschernobyl war vielleicht die eigentliche Ursache für den Zusammenbruch der Sowjetunion.“

Vier Jahrzehnte später bleibt Tschernobyl Mahnung und Erinnerungsort zugleich. Die belarussische Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch brachte die Dimension der Katastrophe in Worte, die bis heute nachhallen: „Tschernobyl ist nicht nur eine Katastrophe – es ist eine andere Welt.“

Die Natur hat sich Teile der verlassenen Zone zurückerobert, doch die unsichtbare Gefahr der Strahlung besteht fort. Die Katastrophe erinnert eindringlich daran, welche Konsequenzen menschliches Versagen im Umgang mit komplexen Technologien haben kann – und wie wichtig es ist, aus der Geschichte zu lernen, um zukünftige Risiken zu minimieren.

Reaktor 4 heute zwischen Ruine, Schutzbau und Sperrzone

Am Ort des zerstörten Reaktorblocks 4 der Tschernobyl-Katastrophe bietet sich heute ein zugleich gespenstisches und technisch beeindruckendes Bild. Die ursprüngliche Ruine des explodierten Reaktors ist nämlich nicht frei sichtbar – sie befindet sich im Inneren einer gewaltigen Schutzhülle, des sogenannten „New Safe Confinement“ (NSC).

Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl, wo es vor 40 Jahren zur Karastrophe kam. Foto: Shutterstock

Diese riesige Stahlbogenkonstruktion, die 2016 über den alten, brüchigen Sarkophag geschoben wurde, überspannt den zerstörten Reaktor vollständig. Sie ist über 100 Meter hoch und zählt zu den größten beweglichen Bauwerken der Welt. Ihre Aufgabe ist es, die noch immer vorhandene radioaktive Strahlung einzuschließen und gleichzeitig den kontrollierten Rückbau der alten Struktur zu ermöglichen.

Im Inneren dieser Hülle liegt weiterhin der ursprüngliche, hastig errichtete „Sarkophag“ aus Beton und Stahl, der kurz nach der Katastrophe gebaut wurde. Darunter befinden sich die Überreste des Reaktorkerns – eine Mischung aus geschmolzenem Brennstoff, Metall und Beton, oft als „Lava“ bezeichnet. Diese Materialien sind bis heute hochradioaktiv.

Die unmittelbare Umgebung gehört zur sogenannten Sperrzone. Die verlassene Stadt Prypjat, einst Heimat von fast 50.000 Menschen, ist heute eine Geisterstadt: überwucherte Gebäude, zerfallene Schulen und das berühmte, nie in Betrieb genommene Riesenrad sind stille Zeugen der Ereignisse von 1986. Gleichzeitig hat sich die Natur weite Teile des Gebiets zurückerobert – mit einer überraschend vielfältigen Tierwelt.

Zutritt zum Reaktor selbst ist streng reglementiert und nur für Fachpersonal möglich. Besucher können sich der Anlage im Rahmen geführter Touren nähern, allerdings nur bis zu festgelegten Sicherheitsabständen. Messgeräte zeigen dabei, dass die Strahlung stark schwankt: Während sie in vielen Bereichen inzwischen relativ gering ist, existieren weiterhin „Hotspots“ mit gefährlich hohen Werten.

Heute steht Reaktor 4 somit für einen paradoxen Zustand: Er ist zugleich ein Ort fortbestehender Gefahr und ein Symbol dafür, wie Technik eingesetzt wird, um die Folgen einer der schwersten Nuklearkatastrophen der Geschichte zumindest einzudämmen.

Der Super-GAU wird zum Fernsehereignis

Anlässlich des Jahrestages widmen sich auch zahlreiche Fernsehsender dem Thema: Mit Dokumentationen, Reportagen und Zeitzeugenberichten wird der sogenannte Super-GAU von Tschernobyl erneut aufgearbeitet und einer breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein gerufen.

03.04.2026, -: Eine Szene des Films „Tschernobyl 86 – Der Super-GAU“. Der Dokumentarfilm wird am 13.04.2026 um 23:05 Uhr in der ARD gezeigt und ist ab 13. April auch in der ARD-Mediathek. Foto: rbb/rbb/IMAGO/SNA/dpa

Der ARD-Film „Tschernobyl 86 – Der Super-GAU“ von Volker Heise („Gladbeck“) gibt dabei einen besonderen deutschen Blick auf das Ereignis in der Ukraine kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion (im Ersten linear am 13.4. um 23.05 Uhr; auch in der ARD-Mediathek ab 13.4.).

Das ZDF zeigt zum Jahrestag die vierteilige Miniserie „Tschernobyl – Die Katastrophe“ von 2023. Und bei Arte läuft ab 14. April (20.15 Uhr) und in der Mediathek der britische Dreiteiler „Tschernobyl – Der Insiderbericht“ in einer Erstausstrahlung, in dem Augenzeugen ihre Sicht schildern.

Auserzählt ist die Geschichte der Katastrophe aber auch damit nicht. Bis heute gibt es eine streng bewachte 30 Kilometer große Sperrzone um den Reaktor – die wegen Waldbränden und auch im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine immer wieder für Schlagzeilen sorgt.

Kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 brachten russische Truppen das AKW-Gelände zeitweilig unter ihre Kontrolle. 2025 wurde die als Jahrhundertschutz errichtete Hülle durch einen russischen Drohnenangriff beschädigt. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) beziffert die Kosten für die Reparatur mit einer halben Milliarde Euro. Ein Frieden, der auch die Gefahr für Tschernobyl und andere Kernkraftwerke in der Ukraine bannen könnte, ist nicht in Sicht. (cre/dpa)

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