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Nach Venezuela und dem Iran droht Trump Kuba

22.05.2026, Kuba, Havanna: Mitglieder der Revolutionären Streitkräfte tragen Porträts des ehemaligen Präsidenten Raul Castro während einer Kundgebung zur Unterstützung von Castro vor der US-Botschaft in Havanna, nachdem der Ex-Staatschef in den Vereinigten Staaten angeklagt wurde. Foto: Ramon Espinosa/AP/dpa

Die Anklage der US-Justiz gegen den ehemaligen kubanischen Staatschef Raúl Castro markiert eine neue Eskalationsstufe in der Kuba-Politik von Präsident Donald Trump.

Washington wirft dem heute 94-jährigen Castro vor, 1996 als damaliger Verteidigungsminister den Abschuss zweier ziviler Flugzeuge der Exilorganisation „Brothers to the Rescue“ angeordnet beziehungsweise mitgetragen zu haben. Bei dem Vorfall starben vier Menschen, darunter US-Bürger. Die Anklage umfasst Mord, Verschwörung zur Tötung amerikanischer Staatsangehöriger sowie die Zerstörung ziviler Luftfahrzeuge.

Juristisch ist der Fall außergewöhnlich, weil die Vereinigten Staaten nur selten strafrechtlich gegen ehemalige ausländische Staatschefs vorgehen. Politisch ist er jedoch noch bedeutsamer: Die Trump-Regierung verbindet die historische Aufarbeitung des Vorfalls offen mit ihrer Strategie eines Regimewechsels in Havanna. Reuters berichtet ausdrücklich, dass Washington den Druck auf Kuba massiv erhöht und Trump inzwischen von einer „Befreiung“ Kubas spricht.

01.05.2025, Kuba, Havanna: Raúl Castro schwenkt eine kubanische Nationalflagge während der Parade zum 1. Mai auf dem Platz der Revolution in Havanna. Foto: Ramon Espinosa/AP/dpa

Die kubanische Regierung reagierte scharf. Präsident Miguel Díaz-Canel bezeichnete die Vorwürfe als „politisches Manöver ohne rechtliche Grundlage“ und warnte davor, die Anklage als Vorwand für eine militärische Intervention zu benutzen. In Havanna demonstrierten Tausende Anhänger des Regimes vor der US-Botschaft gegen die amerikanische Politik.

Hinter der Anklage steht jedoch mehr als nur ein alter Konfliktfall. Die Trump-Administration verfolgt offenbar eine umfassende Strategie zur Neuordnung Lateinamerikas. Nach der spektakulären Festnahme des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro Anfang des Jahres sieht Washington Kuba zunehmend als letzten großen Verbündeten antiamerikanischer Kräfte in der Region. Die Regierung betrachtet Havanna als politisches und geheimdienstliches Zentrum des linken Machtblocks in Lateinamerika. Außenminister Marco Rubio – Sohn kubanischer Exilanten – gilt dabei als treibende Kraft.

Die Vereinigten Staaten setzen Kuba wirtschaftlich bereits massiv unter Druck. Verschärfte Sanktionen gegen Öl-Lieferanten haben die Energiekrise auf der Insel dramatisch verschlimmert; Stromausfälle und Versorgungsengpässe gehören inzwischen zum Alltag. Parallel dazu versucht Washington, über milliardenschwere Entschädigungsprozesse wegen enteigneter US-Besitztümer zusätzlichen Druck aufzubauen. Selbst der Oberste Gerichtshof der USA stärkte jüngst Klagen amerikanischer Firmen gegen Kuba wegen enteigneter Hafenanlagen.

19.03.2026, Kuba, Havanna: Eine Frau fährt auf einem Elektroroller an einer Fabrik vorbei, die ein Bild des verstorbenen kubanischen Anführers Fidel Castro mit der Aufschrift „Sozialismus oder Tod“ zeigt. Foto: Ramon Espinosa/AP/dpa

In konservativen US-Medien wird die Kampagne gegen Kuba bereits offen als Versuch beschrieben, das „kubanisch-venezolanische Netzwerk“ zu zerschlagen. Die Anklage gegen Castro erscheint dort als Teil eines größeren Vorgehens gegen Politiker, Geschäftsleute und internationale Unterstützer autoritärer linker Regime in der westlichen Hemisphäre.

Gleichzeitig hat die innenpolitische Dimension erhebliches Gewicht. Nach den Spannungen rund um den Iran-Krieg und wachsender Kritik an Trumps außenpolitischem Kurs braucht das Weiße Haus sichtbare außenpolitische Erfolge. Kuba eignet sich dafür besonders: In Florida besitzt die harte Linie gegen Havanna große Unterstützung unter kubanischstämmigen Wählern. Zudem kann Trump hier Stärke demonstrieren, ohne unmittelbar ein großes militärisches Risiko wie im Nahen Osten einzugehen.

Allerdings bleibt fraglich, wie weit Washington tatsächlich gehen wird. Eine Auslieferung Castros gilt praktisch als ausgeschlossen. Dennoch erzeugt die Anklage einen erheblichen symbolischen Effekt: Erstmals wird ein Mitglied der Castro-Familie in den USA wie ein gewöhnlicher internationaler Straftäter behandelt. Das beschädigt die historische Aura der kubanischen Revolution und signalisiert zugleich, dass die Trump-Regierung bereit ist, ihre Machtpolitik in Lateinamerika aggressiver durchzusetzen als frühere Regierungen.

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