Sport

Die Rollerbulls: Seit nunmehr 20 Jahren eine Erfolgsstory

Die Mannschaft der Rollerbulls (Saison 2012-2013).

Die Rollerbulls sind eines der Aushängeschilder des St.Vither Sports. Viele Ostbelgier haben die Rollstuhlbasketballer in ihr Herz geschlossen. Deren Bundesligaspiele finden zumeist vor einer stolzen Kulisse von über 600 Zuschauern statt. „Wenn die Bulls spielen, geht hier die Post ab“, schwärmt ein Stammgast aus St.Vith.

Die Rollerbulls bestehen offiziell seit 1992. Der Klub wurde seinerzeit von einer Gruppe dynamischer Sportler mit eingeschränkter Mobilität aus der Region Lüttich gegründet. Diese Athleten betrieben den Rollstuhlbasketballsport bereits in anderen Vereinen benachbarter Provinzen, so dass der Wunsch nach Eigenständigkeit aufflammte. Eine Mannschaft sowie ein ehrgeiziges Komitee mit einem Team an Betreuern waren schnell gefunden.

Faszination Basketball und Mannschaftssport

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Eine packende Szene in einem Spiel der Rollerbulls.

In Anlehnung an den Rollstuhl sowie den namhaften Basketballklub der „Chicago Bulls“, die in den 1990er Jahren zweifelsohne die beste Basketballmannschaft der Welt waren, wählte man kurzerhand den Namen „Rollerbulls“ als Markenzeichen für erstklassigen Rollstuhlbasketball. Die Zielsetzung des neuen Klubs lag auf der Hand, wollte man doch jungen Menschen mit eingeschränkter Mobilität die Faszination des Basketballsportes und des Mannschaftssportes generell näher bringen und sie durch gezieltes Training und entsprechende Ausbildung somit in die Gesellschaft integrieren.

Aus diesem Grund arbeiten die Rollerbulls auch eng mit Krankenhäusern und Rehabilitationszentren zusammen, um Menschen mit körperlicher Behinderung für den Sport zu gewinnen. Die körperliche Leistung und der Wettkampf sollen diese Menschen dazu befähigen, über sich hinauszuwachsen und die Herausforderungen des alltäglichen Lebens besser zu meistern. „Wir konzentrieren uns auf den Wettkampf und nicht nur auf eine Freizeitaktivität, weil der Wettkampfgeist der Mannschaft automatisch dazu führt, dass die Menschen mit eingeschränkter Mobilität den Willen entwickeln, sich selbst zu übertreffen. Und dies nicht nur im Sport“, so die Maxime des Klubs.

Disziplin und Leistungsbereitschaft

Durch gezielte Förderung entwickelte sich aus den bescheidenen Anfängen der absolute belgische Spitzenklub, der seit einigen Jahren erfolgreich in den beiden oberen Bundesligen mitmischt. Wöchentliches Trainingspensum, Schulungen, Turniere, nationale und internationale Wettkämpfe und natürlich der harte Bundesligaalltag verlangen den Akteuren der Rollerbulls einiges an Disziplin, Leistungsbereitschaft und Entbehrungen ab. In der Anfangszeit trainierten die Rollerbulls vorwiegend im Lütticher Raum. Vor einigen Jahren nun fanden die Akteure keine geeignete Halle, sodass man kurzerhand ins Sport- und Freizeitzentrum St.Vith überwechselte, wo seitdem alle Spiele und eine wöchentliche Trainingseinheit stattfinden.

Zuschauerkulisse als „sechster Mann“

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Bei Heimspielen der Rollerbulls herrscht in St.Vith große Begeisterung.

Die Ostbelgier haben die Rollerbulls jedenfalls ins Herz geschlossen. So finden die Bundesligaspiele der Bulls vorwiegend vor einer stolzen Kulisse von über 600 Zuschauern statt. „Hier geht einfach die Post ab. Im Gegensatz zu anderen Sportarten bleibt ein Spiel von der ersten bis zur letzten Minuten offen und daher spannend. Auch die Kampfmoral, mit der unsere Jungs stets zu Werke gehen, ist beeindruckend“, gesteht ein Stammgast aus St.Vith.

Mit dieser Meinung steht dieser Herr wahrlich nicht alleine da, denn jeder, der sich ein Spiel der Bulls anschaut, läuft Gefahr, vom Rollstuhlbasketball-Virus befallen zu werden und somit zum Stammgast und Fan zu werden. Selbst Klubs aus namhaften deutschen Großstädten wie Hamburg, München oder Köln beneiden die St.Vither Rollstuhlbasketballer ob dieser unbeschreiblichen Zuschauerkulisse, die als „sechster Mann“ schon des Öfteren spielentscheidenden Charakter hatte.

Spielbetrieb in Belgien wurde langweilig

Die Rollerbulls gewannen bereits vier Mal den belgischen Meistertitel (1994-95, 1995–96, 1996-97und 2001-2002), waren zwei Mal belgischer Pokalsieger (1995-96 und 1999-2000) und belegten im Europapokal in der Saison 2002-2003 einen tollen dritten Platz. Im Laufe der Zeit wurde der Spielbetrieb für die Rollerbulls in Belgien jedoch langweilig, so dass aufgrund einer kleinen Serie die sportlichen Herausforderungen fehlten. Auch stellten die Bulls zwischenzeitlich die komplette Nationalmannschaft.

Rollerbulls 2

Rollstuhlbasketball wurde 1946 von ehemaligen Basketballspielern in den USA erfunden, die nach Kriegsverletzungen trotzdem ihren Sport fortführen wollten. Rollstuhlbasketball ist seit den Paralympics in Rom 1960 paralympische Sportart.

Auf der Suche nach sportlicher Neuorientierung wurden die Bulls schließlich in der international renommierten deutschen Bundesliga fündig. Nach dem Vergauwen Cup im Jahre 2007 meldete sich die erste Mannschaft der Rollerbulls in der 2. Deutschen Rollstuhlbasket-Bundesliga an. „Das war sportlich sicherlich der richtige Weg, zumal uns die Zuschauer von Anfang an die Treue gehalten haben und uns stets unterstützten“, erinnert sich Stefan Veithen. Sportlich setzten die Bulls ihren Höhenflug fort und schafften auf Anhieb den Aufstieg in die Erstklassigkeit.

Natürlich war dieser Schritt mit enormen logistischen Schwierigkeiten verbunden, da vor allem die Ausfahrten die Mannschaft in alle Himmelsrichtungen Deutschlands führten. „Transport, Zeitaufwand und vor allem die anfallenden Kosten galten als Faktoren, die es vereinsintern zu meistern galt“, so die Vereinsverantwortlichen um Präsident Edgard Boemer.

Mit großem Einsatz und voller Begeisterung meistern die Spieler, der Trainer, die Betreuer und die vielen freiwilligen Helfer die unterschiedlichsten Aufgaben und tragen dazu bei, dass sich das reine Amateurteam der Rollerbulls auch gegen Profimannschaften wie Lahn-Dill, Zwickau, Köln, Frankfurt oder Trier behaupten kann. National liegt der Rollstuhlbasketball jedoch am Boden, so dass selbst die Nationalmannschaft nicht mehr einberufen wird.

Im Jahre 2010 erwiesen sich die Rollerbulls auch in Sachen Organisation als Top-Adresse des europäischen Rollstuhlbasketballs, als in St.Vith der „EuroCup“ mit Teams aus Frankreich, der Schweiz, der Türkei und Russland, die sich jeweils für den „André-Vergauwen-Cup“ sowie für den „Willi-Brinkman-Cup“ qualifizieren konnten, ausgetragen wurde.

Freiwillig in die Zweitklassigkeit

Im vergangenen Jahr beschlossen die Rollerbulls trotz des geschafften Klassenerhalts, freiwillig den Gang in die Zweitklassigkeit anzutreten. „Wir sind strukturell einfach zu klein, und das Einzugsgebiet in Sachen Spieler ist zu gering, um im Zirkus der ganz Großen mitzuhalten“, so die damalige Aussage.

Mit eigenen Kräften versuchten die Bulls somit einen Neuanfang, der auch prompt glückte und den direkten Wiederaufstieg in die Erstklassigkeit bescherte. „Es ist halt ein Dilemma, mit dem wir als Team leben müssen: Wir sind für die 2. Bundesliga zu stark und für die erste Klasse aufgrund der fehlenden Strukturen zu schwach. Daher steht der Kampf um den Klassenerhalt in dieser Saison als vorrangiges Ziel auf unserer Agenda“, analysierte Stefan Veithen.

Starke Konkurrenz aus deutschen Großstädten

rollerbulls aufstieg

Diese Mannschaft schaffte den Aufstieg in die 1. Bundesliga.

Veithen hat es wahrlich nicht einfach, sich gegen die starke Konkurrenz aus den Großstädten Deutschlands zu behaupten, wo schier unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten vorherrschen. Teure Transfers aus Kanada, den USA oder aber den skandinavischen Ländern machen den Bulls zu schaffen, während man mit eigenen Kräften auskommen muss. „Das Ungleichgewicht ist deutlich vorhanden, doch haben wir die Chance, uns dennoch in der Liga zu behaupten. Teams wie Oettingen, Lahn-Dill und Zwickau sind für uns zwar unerreichbar, aber Mannschaften wie Jena, Hamburg und München haben unsere Kragenweite“, bemerkte Stefan Veithen, der die sportliche Betreuung der Rollerbulls nach dem Weggang von Michel Cant übernommen hat.

An diesem Wochenende kassierten die Rollerbulls eine knappe Auswärtsniederlage. Beim direkten Konkurrenten um den Klassenerhalt in Jena verloren die St. Vither mit 50:51. Die Bulls bleiben somit punktgleich mit Hamburg auf dem letzten Platz. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. (od)

  1. Die Rollerbulls sollten vielleicht hin und wieder auch in anderen DG-Gemeinden ein Heimspiel austragen. Wäre tolle Werbung für den Rollstuhlbasketball. In Bütgenbach, Eupen oder Kelmis wären die Zuschauer mit Sicherheit begeistert.

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