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Wenn die Zeitung nicht mehr kommt: Wie der Streik bei der Post den Abschied vom Papier beschleunigt

Er mit einer gedruckten Zeitung und sie mit einer Onlineausgabe. Foto: Shutterstock

Der anhaltende Poststreik in Belgien bringt für viele Zeitungsabonnenten ganz praktische Probleme mit sich: Die Zeitung kommt zu spät oder gar nicht. Doch hinter dieser scheinbar banalen Störung verbirgt sich eine viel grundlegendere Frage: Braucht man die gedruckte Zeitung heute überhaupt noch – oder ist der Umstieg auf digitale Angebote längst überfällig?

Der Poststreik wirkt auf den ersten Blick wie ein rein logistisches Problem. Tatsächlich kann eine solche Situation jedoch weit über die reine Zustellung hinausgehen und zu einem Katalysator für einen bereits seit Jahren laufenden Strukturwandel werden – nämlich dem Übergang von der gedruckten Zeitung hin zu digitalen Angeboten.

Gerade Leser, die ihre Zeitung – etwa das Grenz-Echo – täglich per Post beziehen, erleben plötzlich ganz konkret, wie abhängig Print von funktionierenden Lieferketten ist. Fallen diese weg, wird eine Alternative plötzlich nicht nur denkbar, sondern notwendig.

Eine Rollenoffsetdruckmaschine in einer Großdruckerei zur Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften. Foto: Shutterstock

In diesem Moment zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen Print und Online: Während die gedruckte Zeitung produziert, transportiert und zugestellt werden muss, ist die digitale Ausgabe jederzeit und unabhängig von äußeren Umständen verfügbar. Für viele Abonnenten kann das ein entscheidender Faktor sein.

Wer einmal erlebt hat, dass er seine Zeitung morgens problemlos online lesen kann, ohne auf den Briefträger angewiesen zu sein, beginnt sich unweigerlich zu fragen, ob die gedruckte Ausgabe noch notwendig ist.

Der Medienökonom Robert G. Picard hat diesen Mechanismus treffend beschrieben: „Krisen oder Störungen in bestehenden Systemen beschleunigen oft Entwicklungen, die ohnehin bereits im Gange sind. Wenn Nutzer gezwungen sind, Alternativen auszuprobieren, bleiben viele von ihnen anschließend dabei, wenn diese Alternativen bequemer oder effizienter sind.“

Dennoch wäre es zu einfach, daraus zu schließen, dass Print damit ausgedient hat. Die gedruckte Zeitung besitzt weiterhin Qualitäten, die digitale Angebote nur schwer ersetzen können.

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Gemütlich und in aller Ruhe Zeitung lesen: Mediennutzung ist stark von Gewohnheiten geprägt, und viele Menschen bleiben bei vertrauten Routinen. Foto: Shutterstock

Viele Leser empfinden das Lesen auf Papier als konzentrierter und angenehmer. Es gibt keine Ablenkung durch Benachrichtigungen oder parallele Inhalte, keine überbordende Informationsflut. Zudem bietet die klassische Zeitung eine klare Struktur: Themen werden gewichtet, eingeordnet und in einen Zusammenhang gebracht.

Der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl formuliert es so: „Die Zeitung strukturiert die Welt für ihre Leser. Sie bietet nicht nur Informationen, sondern auch eine Gewichtung und Einordnung, die im digitalen Raum oft fragmentiert ist.“

Hinzu kommt der Faktor Gewohnheit. Für viele Menschen ist die Zeitung Teil eines täglichen Rituals – sie gehört zum Frühstück ebenso wie der Kaffee. Dieses Ritual schafft Bindung und Vertrauen, und gerade gedruckte Medien genießen oft noch immer eine höhere Glaubwürdigkeit als digitale Inhalte, die schneller produziert und verbreitet werden.

Auf der anderen Seite stehen jedoch gewichtige Argumente für die Onlineausgabe. Der offensichtlichste Vorteil ist die Aktualität: Digitale Nachrichten sind jederzeit verfügbar und werden laufend aktualisiert, während eine gedruckte Zeitung zwangsläufig den Stand vom Vortag widerspiegelt. Auch die Unabhängigkeit von physischen Zustellprozessen ist ein entscheidender Faktor – nicht nur bei Streiks, sondern auch im Alltag. Hinzu kommen neue Möglichkeiten der Nutzung: Artikel können gezielt gesucht, gespeichert oder geteilt werden, Inhalte lassen sich personalisieren.

Die Ökonomin Julia Cagé beschreibt diesen Wandel so: „Die digitale Distribution ist nicht nur effizienter, sie ermöglicht auch neue Formen der Beziehung zwischen Medien und Publikum. Leser werden zu direkten Unterstützern journalistischer Inhalte, nicht nur zu Käufern eines physischen Produkts.“

Auch immer mehr ältere Menschen wissen die Vorteile von Onlinemedien zu schätzen. Foto: Shutterstock

Ein Blick auf die Branche zeigt zudem, dass der Abschied vom täglichen Printprodukt längst begonnen hat. So hat die Berliner Tageszeitung (taz) ihre werktägliche gedruckte Ausgabe eingestellt und erscheint unter der Woche ausschließlich digital; gedruckt wird nur noch eine Wochenendausgabe. Der Schritt ist Ausdruck einer Entwicklung, bei der steigende Produktionskosten und veränderte Lesegewohnheiten zusammenwirken.

Die Entscheidung verdeutlicht, dass der Wechsel ins Digitale nicht nur eine theoretische Option ist, sondern für einige Medien bereits zur praktischen Notwendigkeit geworden ist. Vor diesem Hintergrund wirkt ein externer Auslöser wie ein Poststreik weniger wie eine Ausnahme – sondern eher wie ein zusätzlicher Impuls in eine Richtung, die viele Verlage ohnehin eingeschlagen haben.

Ein weiterer, zunehmend wichtiger Faktor ist die technologische Entwicklung. Systeme wie ChatGPT und andere Formen Künstlicher Intelligenz verändern bereits heute die Produktion und Nutzung von Nachrichten. Inhalte können schneller erstellt, analysiert und auf individuelle Interessen zugeschnitten werden – Möglichkeiten, die im Printbereich naturgemäß begrenzt sind. Gleichzeitig wächst dadurch aber auch das Bedürfnis nach verlässlicher, geprüfter Information, was wiederum klassischen Medienmarken zugutekommen kann.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob ein Poststreik tatsächlich zu einem dauerhaften Wechselverhalten führt. Die Antwort lautet: nicht zwangsläufig, aber durchaus häufig. Mediennutzung ist stark von Gewohnheiten geprägt, und viele Menschen bleiben bei vertrauten Routinen. Wird diese Routine jedoch unterbrochen – etwa durch ausbleibende Zeitungen –, steigt die Bereitschaft, Alternativen auszuprobieren.

Junge Leute erreicht man heute nicht mehr über die gute, alte Tageszeitung, sondern nur noch übers Internet. Foto: Shutterstock

Ein Teil der Leser wird nach Ende des Streiks vermutlich zur gedruckten Ausgabe zurückkehren. Ein anderer Teil jedoch könnte dauerhaft bei der digitalen Version bleiben, weil sie sich im Alltag als praktischer erwiesen hat.

Am Ende zeigt der Poststreik in verdichteter Form, was den Medienwandel insgesamt kennzeichnet: Print ist physisch, langsamer und anfälliger für Störungen, während digitale Angebote flexibel, jederzeit verfügbar und technologisch weiterentwickelbar sind. Dennoch wird die gedruckte Zeitung nicht sofort verschwinden. Sie erfüllt weiterhin Bedürfnisse nach Übersicht, Konzentration und Ritual, die viele Leser schätzen.

Doch Ereignisse wie ein Poststreik können den Wandel beschleunigen. Sie zwingen dazu, Alternativen nicht nur theoretisch zu erwägen, sondern praktisch zu erproben. Und genau in diesem Moment wird für viele deutlich: Die Zeitung funktioniert auch ohne Papier – und für manche vielleicht sogar besser. (cre)

Zum Thema siehe auch folgenden Artikel auf OD:

18 Antworten auf “Wenn die Zeitung nicht mehr kommt: Wie der Streik bei der Post den Abschied vom Papier beschleunigt”

  1. Das ist nicht mehr aufzuhalten, erst diese Woche bekam ich folgende e-mail:
    /////
    Sehr geehrte Kundinnen, sehr geehrte Kunden,

    wir möchten Sie darüber informieren, dass wir Ihnen ab sofort Mitteilungen über geplante Unterbrechungen per E-Mail oder SMS zusenden, um Sie besser auf dem Laufenden zu halten.

    In folgenden Fällen erhalten Sie eine E-Mail oder SMS:

    zur Ankündigung einer geplanten Unterbrechung;
    wenn sich die vorhergesehenen Daten oder Uhrzeiten ändern;
    wenn die Unterbrechung abgesagt wird.
    Melden Sie sich ganz einfach über itsme an. Halten Sie Ihren EAN-Code bereit – dieser wird benötigt, um auf Ihren Kundenbereich zuzugreifen.

    Bei Bedarf stehen Ihnen unsere Teams über den Chat im Kundenbereich oder über unser Kontaktformular zur Verfügung.

    Mit freundlichen Grüßen

    ORES
    /////
    Die „Briefpost“ ist tot, nur die Gewerkschaften sitzen noch auf dem toten Pferd und wollen nicht absteigen…. 🤦‍♂️

  2. Hugo Egon Bernhard von Sinnen

    Wenn die Zeitung nicht mehr kommt, hört man Radio oder und liest ostbelgiendirekt.be.
    So einfach kann information sein.
    Gut manchmal lesen auch einige,
    andere Quellen 😉

  3. Jörg Kipper

    Alles hat einen Anfang und ein Ende ,nur Gott bestimmt.
    Die Zeitung ist tiefes Museum
    Pfarrbriefe sind ,,alter Macht erhalt ,,
    Unser Händy ist die neue Zeitschrift mit Schnittstelle im Kopf ,die Zukunft

    Seit GESEGNET
    LG,Jörg Kipper
    Gesandter

    • Willi Müller

      Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei.
      Eine Zeitung von gestern ist eine Scheibe Vergangenheit.
      Unser Handy ist eine Eintrittskarte zur Zivilisation.
      Waidmanns Heil
      Willi Müller
      Prophet

  4. Krisenmanagement

    Der Umstieg auf die digitale Version beschleunigt den Abschied vom Abovertrag. Gerade das Grenzecho müsste enorm investieren, um die Bedienbarkeit an die digitalen Geräte anzupassen. Bisher ist die digitale Zeitung nicht wirklich ein Hit. Die Qualität der Berichterstattung ist auch nicht in Ordnung. Es kommt mir eher vor, wie ein Regierungsorgan. Subventionierte Medien sollten sowieso von der Medienbühne verschwinden.

  5. Genauso wie viele, vor allem junge Leute nicht mehr in Läden einkaufen, lesen sie weitgehend keine Zeitungen mehr. Der Druck und das Ausliefern von Zeitungen in Papierform für eine immer kleinere Anzahl von Beziehern würde auf den Einzelpreis bezogen mit der Zeit leider immer teurer, irgendwann so sündhaft teuer werden, dass sich das kaum noch jemand leisten würde. Das ist beklagenswert, aber es sind schlichte Fakten.
    Zurzeit stecken viele Zeitungen, was ihre digitalen Ausgaben angeht, wie blutige Anfänger mit einer miserablen Präsentation am Markt. Andere haben den Bogen jetzt schon raus, und das Lesen ist (ab einer akzeptablen Tablet-Größe) in einer gut gemachten App sogar ziemlich komfortabel, in mancher Hinsicht hat das digitale Format eindeutig Vorteile. Wie auch immer, Papier wäre mir lieber, aber die wirtschaftlichen Zwänge werden die Papier-Zeitung absolut sicher untergehen lassen. Lamentieren ist also verschwendete Lebensenergie.

    • Wissen macht ah!

      Die Online-Ausgabe des Grenz-Echo ist hervorragend gemacht. Man blättert darin wie in Papierform. Man hat Zugriff auf alle Ausgaben bis zurück zum Jahr 1945. Gesuchte Artikel sind leicht mit der Suchmaske auffindbar. Eine wahre Fundgrube und ein Stück gelebte Geschichte Ostbelgiens. Und das alles zu einem Drittel Preis der Papierform.

      • Wissen macht ah! Die On-line-Ausgaben sind in der Regel mies. Auch auf meinem PC-Bildschirm. Vor allem nerven die mehr oder weniger beweglichen Inserate. Beim Grenzecho offensichtlich von deutschen Heizungsanbietern, also in Belgien nicht zu gebrauchen. Wozu das, ich habe doch bezahlt. Die Suche im Archiv ist auch nicht so einfach.

    • Willi Müller

      @ Chips
      Sie sagen, dass Papier Ihnen lieber wäre…Darf man daraus schließen, dass Sie eher nostalgisch- konservativ unterwegs sind, und vielleicht auch eher Anhänger einer Partei mit blauem Schriftbild und rotem Pfeil ?

        • @Herr Müller, mit der AfD bin ich nicht gut Freund. Ich halte diese Partei für gefährlich. Sie ist nicht nostalgisch-konservativ, das war sie vielleicht bei ihrer Gründung, wo sie von manchen Leuten als „Professoren-Partei“ bezeichnet wurde. Die Gründer haben lange Reißaus genommen und sich distanziert; die Partei ist eine rechtsradikale und antisemitische Höcke-Partei geworden, mit weitgehend fragwürdigem und vielfach zur Neonazi-Szene zählendem Personal.

          Ich finde übrigens Zeitungen in Papierform netter als in digitaler Form. Aber eine der von mir bevorzugten Zeitungen lese ich schon seit längerer Zeit digital in einer sehr gut gemachten App, die gegenüber der Papierversion einige Vorteile hat. Ist nun Ihre wilde Logik am Ende? Danach müsste ich ja wahrscheinlich zwei unterschiedliche politische Parteien gut finden, oder?

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