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Studie: Deutsche und Belgier häufiger psychisch krank als die meisten Bürger der EU

Psychische Erkrankungen sind in unserer Gesellschaft gesellschaftlich und auch volkswirtschaftlich ein großes Problem. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Deutsche und Belgier leiden einer EU-Studie zufolge relativ häufig an psychischen Krankheiten. Mit einem Anteil von 18 Prozent bzw. 17,9 Prozent Betroffenen lagen Deutschland und Belgien 2016 über dem EU-Durchschnitt von 17,3 Prozent.

Das geht aus der am Donnerstag veröffentlichten Untersuchung der EU-Kommission und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor.

Den größten Anteil davon machen Angststörungen aus, dicht gefolgt von Depressionen. Insgesamt litten EU-weit fast 84 Millionen Menschen an psychischen Erkrankungen.

Am häufigsten kommen diese der Untersuchung zufolge in Finnland, den Niederlanden und Frankreich vor, am seltensten in Rumänien, Bulgarien und Polen.

Die Ergebnisse der EU-Vergleichsstudie über psychische Erkrankungen auf einen Blick. (Zum Vergrößern Grafik anglicken). Grafik: Health at a Glance, Europe 2018

Die Verfasser weisen jedoch darauf hin, dass international sehr unterschiedlich mit psychischen Problemen umgegangen werde. Dort, wo solche Krankheiten eher als Tabu-Thema gelten, könne die Dunkelziffer höher sein.

Neben der persönlichen Belastung bringen psychische Erkrankungen auch hohe Kosten mit sich – einerseits für Behandlung und Medikamente, andererseits für den Ausfall oder die beeinträchtigte Arbeitskraft von Beschäftigten. In Deutschland lagen diese Kosten laut der Studie im Jahr 2015 bei 4,81 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), das sind mehr als 146,5 Milliarden Euro. In Belgien machten die Kosten 5,05 Prozent des BIP aus, 20,7 Milliarden Euro. Im EU-Durchschnitt waren es 4,1 Prozent – und damit rund 607 Milliarden Euro.

„Oft hängt das psychische Wohlbefinden und die Gesundheit mit dem sozialen und wirtschaftlichen Status von Menschen zusammen“, sagte der für Gesundheit zuständige EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis am Donnerstag in Brüssel.

Menschen mit niedriger Bildung und geringem Einkommen sind nach Angaben des Berichts häufiger von chronischen Depressionen betroffen und haben insgesamt eine geringere Lebenserwartung. Andriukaitis rief die EU-Staaten dazu auf, weiter an besseren Versorgungs- und Präventionsmaßnahmen zu arbeiten. (dpa)

12 Antworten auf “Studie: Deutsche und Belgier häufiger psychisch krank als die meisten Bürger der EU”

  1. Zumindest sind zwischen Ostbelgiern und deutschen eh keine Unterschiede auszumachen, leider dann halt auch nicht bei diesem Thema. Ich hätte zumindest die Wallonen als lebensfroher eingeschätzt.

  2. Menschen mit niedriger Bildung und geringem Einkommen sind häufiger betroffen? Ich stelle in Ostbelgien fest, dass Depressionen noch ein sehr großes Tabuthema sind. Ich weiß von einigen intelligenten und gut verdienenden Menschen, dass sie depressiv sind, aber die reden nicht darüber aus Scham. Und das ist doch das Schlimme daran! Dass sich alle damit verstecken. So fühlt sich jeder allein. Ich bin selbst betroffen. Die professionelle Hilfe in Ostbelgien ist noch sehr ausbaufähig. Und ich nehme an, dass diese Zahlen dadurch zustande gekommen sind, dass wenig gebildete und verdienende Menschen über soziale Dienste bekannt sind, während die anderen die Dunkelziffer bilden, weil sie ihre Erkrankung geheim halten. Hier kennt ja auch jeder jeden. Und man wird u.U. beruflich diskriminiert. Ich jedenfalls rede darüber: http://www.daretobemad.com

    • Unsere Gesellschaft macht krank

      Bitte bedenken Sie, daß Depressionen eine künstliche, zivilisatorische Krankheit sind, wenn auch inzwischen sehr verbreitet. Die gab es zBsp bei Naturvölkern nicht. PTS/D, das häufig und immer mehr Militärs, die gekämpft haben, belastet, ist zum Beispiel in Russland oder in Asien nicht oder nur ganz minimal bekannt.
      Unsere Gesellschaft macht krank, ja.

      • Sie haben keine Ahnung von Depressionen und PTBS. Genau solche Aussagen zementieren das Tabu und die Stigmatisierung. Traumafolgestörungen haben nicht nur Soldaten. Und nur weil etwas noch nicht bekannt war / ist, heißt das nicht, dass es das nicht gab / gibt. Es wird vielleicht auch einfach nur totgeschwiegen, eben weil es ein Tabu ist und nicht sein darf.

    • Walter Keutgen

      Das ist auch ein Problem solcher auf Statistik basierender Vergleichsstudien. Wie kommt man an die Zahlen? Sind sie in allen Ländern gleich erhoben? Ich habe da Zweifel. Gutverdienende d.h. dafür Zahlende, wenn auch nur teilweise, suchen dafür ihren Arzt, einen Psychologen oder Psychiater auf, die alle am Berufsgeheimnis gehalten sind und möglichst wenig unbezahlte Statistikarbeit machen wollen. Menschen mit niedrigem Einkommen haben Anspruch auf öffentliche Dienste, die allein wegen der Daseinsberechtigung Statistiken abliefern müssen.

  3. Ich habe eine Zeit lang im psychiatrischen Bereich gearbeitet und kann Ihnen nur Recht geben. Depression ist ein Tabuthema. Ich möchte allerdings hinzufügen, dass die Menschen, die von dieser Krankheit betroffen sind, nicht nur wenig über mögliche Hilfestellungen Bescheid wissen, sondern die Hemmschwelle, bei diesen Diensten Hilfe zu beantragen, einfach zu gross ist. Aus Depression wird dann schnell ein Teufelskreis, da man sich schämt. Dann kommt noch mal hinzu, dass in ländlichen Gegenden, wie beispielsweise die DG, jeder jeden kennt und man schnell über andere redet (sieht man ja auch gut hier bei OD). Die Scham, Hilfe in Anspruch zu nehmen und die Angst vor Stigmatisierung der Mitmenschen blockieren Menschen mit Depression oft, aus ihrer Krankheit einen Weg heraus zu finden.
    Sie haben den Nagel sehr gut auf dem Kopf getroffen!

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