Um den Titel dieses Leserbriefes zu verstehen zunächst ein wenig Geschichtsunterricht.
Stichwort: „Suezkrise“
Im Oktober 1956 überfielen Großbritannien, Frankreich und Israel den arabischen Staat Ägypten ohne vorher die USA zu informieren. Grund war die Verstaatlichung des Suezkanals.
Militärisch waren die drei Staaten durchaus erfolgreich. Die Leistung der ägyptischen Armee war sehr schwach. Nur politisch kam es anders als gedacht. Die USA zwangen im Verbund mit der UdSSR die drei Staaten zum Rückzug. Damit war klar bewiesen, wer Herr im Westen war. Dies beschleunigte den Niedergang der alten kolonialen Staaten Großbritannien und Frankreich.Die USA wurden zum wichtigsten Unterstützer Israels.
Genaueres bitte folgendem Link entnehmen :
https://de.wikipedia.org/wiki/Suezkrise
Nun spanne ich den Bogen in die heutige Zeit. Vor über einem Monat griffen Israel und die USA den Iran an, ohne die wichtigsten Verbündeten in Europa oder am persischen Golf zu informieren. Die USA und Israel haben gehandelt wie Großbritannien und Frankreich 1956 während der Suezkrise.Darum der Titel „Suez 2.0“.
Obwohl ich eigentlich pro-amerikanisch als auch pro-israelisch eingestellt bin, missbillige ich diesen Angriff. Mir scheint keine klare Zielsetzung dahinter zu stecken. Was ist das Ziel, frage ich mich. Öl alleine bestimmt nicht.
Der Iran war keine große Gefahr für Israel oder die USA. Die angebliche nukleare Bedrohung Israels ist doch ein Hirngespinst. Israel ist ein kleines Land, lang und schmal. Ein Atombombenabwurf auf Tel Aviv würde unweigerlich auch Auswirkungen auf Jerusalem und den Gazastreifen haben. Beide sind ca 70 km entfernt. Und die israelischen Siedlungen im Westjordanland sind besonders sicher. Diese befinden sich inmitten von palästinensischen Dörfern und dienen quasi als menschliche Schutzschilde.
Israel und die USA haben viele Luftangriffe geflogen und so manchen iranischen Regierungensvertreter getötet. Schlimm ist das nicht, nur ziemlich nutzlos. Kriege kann man nicht alleine mit Luftangriffen entscheiden. Das war schon so im zweiten Weltkrieg. Und das iranische politische System ist ausgerichtet auf Krisen. Es gibt zahlreiche Stellvertreter für jede Funktion, die sofort die Nachfolge antreten können.Dazu kommt noch die schiitische Denkweise. Gläubige Schiiten sind überzeugt, ins Paradies zu kommen, wenn sie das Martyrium erleiden während einer bewaffneten Auseinandersetzung. Man hat Chamenei & Co also höchstens einen Gefallen getan und anderen Karrierechancen eröffnet nach deren Tod.
Die Konsequenzen dieses Angriffs sieht jeder an der Tankstelle. Dabei sind die westlichen Staaten noch gut dran.Gemessen am Einkommen geben wir weniger aus für Erdölprodukte als Menschen in den Entwicklungsländern. Dort wird nun sogar gehungert.
Extremsituationen wie die jetzige verändern oft Denk- und Handlungsweisen.
Nun werden viele Länder den USA noch mehr misstrauen, insbesondere die engsten Verbündeten in Europa, im nahen und mittleren Osten, in Asien und sich nach zusätzlichen Partnern umsehen. Die Golfstaaten tun dies bereits, wo ukrainische Experten bei der Luftverteidigung helfen.
Ein Gebilde wie Taiwan muss besonders aufpassen und sich die Frage stellen nach dem militärischen Wert der USA. Wären die USA jetzt in der Lage diese Insel zu verteidigen, wo die USA jetzt schon Probleme haben wie Munitionsmangel ?
Und Europa sollte die reduzierten Beziehungen zu Russland überprüfen und sich fragen, ob die Sanktionen noch gerechtfertigt sind.Nicht nur moralische Aspekte dürfen eine Rolle spielen sondern auch wirtschaftliche. Mit Russland Geschäfte tätigen, bedeutet nicht automatisch, die Ukraine zu vergessen. Putin und Trump sind aus dem gleichen Holz geschnitzt. Deshalb kann man auch mit beiden Handel treiben.
Die Golfstaaten und Israel werden wahrscheinlich noch enger zusammen arbeiten als zuvor zum Beispiel im Bereich des Tourismus unter Kriegsbedingungen.
Der schon vorhandene schleichende Machtverlust der USA wird noch mehr beschleunigt jetzt. Das Vertrauen in die USA nimmt noch mehr ab und damit auch deren Kreditwürdigkeit und der Einfluss des US Dollar. Mittlerweile gibt es Alternativen zum US-Dollar wie Euro oder Kryptowährungen. Nur eine Frage der Zeit bis der Dollar als Weltleitwährung abgelöst wird durch etwas anderes. Das Pfund Sterling war auch mal Weltwährung und ist heute nur eine von vielen.
06.04.2026 Marcel Scholzen, Eimerscheid