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8,5 Jahre Haft für Karnevalist Jacques Tilly – „Russische Justiz macht sich selbst zum Narren“

16.02.2026, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Jacques Tilly, Wagenbauer, steht vor dem Mottowagen, auf dem eine Skulptur des russischen Präsidenten Wladimir Putin die Düsseldorfer Karnevalsfigur Hoppeditz aufspießt. Foto: Federico Gambarini/dpa

Die russische Justiz macht dem Düsseldorfer Karnevalisten Jacques Tilly in Abwesenheit den Prozess. Der Richter fällt ein hartes Urteil. Die Reaktionen nicht nur des Verurteilten sind scharf.

Ein Gericht in Moskau hat den deutschen Bildhauer Jacques Tilly in Abwesenheit zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.

Tilly habe sich der Verletzung religiöser Gefühle und der Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte schuldig gemacht, urteilte Richter Konstantin Otschirow in dem umstrittenen Strafverfahren. Außerdem soll Tilly eine Geldstrafe von umgerechnet rund 2.000 Euro zahlen und erhielt ein vierjähriges Arbeitsverbot. Hintergrund sind die von Tilly gebauten Karnevalswagen, die Kremlchef Wladimir Putin und den von ihm befohlenen Krieg in der Ukraine kritisieren.

12.02.2024, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Der Mottowagen, der Russlands Präsidenten Putin zeigt, der im Military-Outfit auf dem Boden kniet und die Hände auf den Kopf des russischen Patriarchen legt, der sich an Putin schmiegt, unter dem Motto „From Russia With Love“, fährt im Rosenmontagszug durch die Menschenmenge feiernder Karnevalisten. Foto: Federico Gambarini/dpa

Die Staatsanwältin hatte unter anderem neun Jahre Haft beantragt. Die Pflichtverteidigerin forderte dagegen einen Freispruch aus Mangel an Beweisen. Die Verteidigung habe versucht, Kontakt zum Angeklagten aufzunehmen, sei aber gescheitert – die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Moskau konnte den Kontakt nicht vermitteln. „Aufgrund dessen war es nicht möglich, die Ziele und Motive zu beurteilen“, sagte sie.

In dem seit Monaten laufenden Prozess war immer wieder die Rede auch von einer Beleidigung des russischen Präsidenten Putin. Dieser Vorwurf fiel am Tag des Urteils nicht mehr konkret. Der Straftatbestand, nach dem Tilly verurteilt wurde, verbietet eine Verunglimpfung der russischen Staatsorgane, dazu gehört neben den Streitkräften aber auch Kremlchef Putin.

– Tilly reagiert mit Spot auf das Moskauer Urteil: Der Karnevalswagenbauer reagierte mit bissigem Spott auf seine Verurteilung. „Es ist jetzt für jeden zu sehen, dass das russische Regime Angst vor Pappfiguren hat“, sagte der Düsseldorfer der Deutschen Presse-Agentur. „Die machen sich selbst zum Narren mit diesem Urteil und sehen gar nicht, wie peinlich das eigentlich ist – wie viel Angst sie vor satirischer Kritik haben.» Tilly sprach in einer ersten Reaktion von einem absurden, aber auch schlimmen Urteil. «Ich habe kein Staatsverbrechen begangen“, sagte der 62-Jährige.

03.03.2022, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Jacques Tilly, Karneval Wagenbauer, steht neben seiner kreierten Figur, die Putin zeigt, wie er an der Ukraine erstickt. Foto: David Young/dpa

Besonders um eine Arbeit Tillys geht es in dem Moskauer Prozess. Beschrieben wurde in der Verhandlung mehrfach in aller Ausführlichkeit sein Karnevalswagen aus dem Jahr 2024 mit Figuren von Putin in Uniform und Patriarch Kirill beim homosexuellen Oralverkehr.

„Dass ich Kritik an Machthabern übe, das gehört sich so in freien Gesellschaften. Das ist eine Selbstverständlichkeit und kein Verbrechen“, sagte Tilly. Der Sinn des Prozesses sei Einschüchterung, aber er werde nicht klein beigeben, versicherte er.

– Künstler muss keine Auslieferung befürchten: Tilly hatte mehrfach erklärt, dass er nicht von der russischen Justiz über das Verfahren informiert worden sei. Allerdings beobachteten Diplomaten der deutschen Botschaft in Moskau den Prozess mit seiner Kenntnis.

Nach solchen Anschuldigungen wegen angeblicher Verunglimpfung der Armee sind in Russland schon viele Kriegsgegner der von Putin befohlenen Invasion in die Ukraine verurteilt worden. Die Entscheidungen stehen international als Unrechtsurteile der russischen Willkürjustiz in der Kritik.

Eine Auslieferung von Deutschland nach Russland muss Tilly zwar nicht befürchten. Probleme kann er aber bei Reisen in Länder bekommen, die von Moskau gesuchte Straftäter an Russland ausliefern. Moskau könnte ihn etwa nun zur Fahndung bei Interpol ausschreiben.

23.08.2024, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Der Künstler Jacques Tilly (l) sitzt vor der Überreichung des Landesverdienstordens an ihn neben Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU). Foto: Oliver Berg/dpa

Die Bundesregierung kritisierte den Richterspruch als „absurdes Schauspiel“. „Die Verurteilung von Jacques Tilly zeigt, dass Kriminalisierung und Verfolgung freier Meinungsäußerung durch die russische Regierung unvermindert weitergehen – aber jetzt auch verstärkt im Ausland“, sagte der deutsche Botschafter, Alexander Graf Lambsdorff, der Deutschen Presse-Agentur in Moskau. Deutschland aber bekenne sich zur Freiheit der Kunst.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst kritisierte das Urteil ebenfalls und zeigte sich solidarisch mit dem Künstler. Tilly stehe seit über 30 Jahren für Meinungsstärke, Mut und beißende Satire; er scheue keine Institution, Staatsmacht oder Autorität, sagte der CDU-Politiker.

– Verletzung religiöser Gefühle? Verlesen wurden während des mehrmonatigen Verfahrens im Tenor gleichlautende Aussagen von drei Zeuginnen, die sich als gläubige Christinnen nach eigener Darstellung in ihren religiösen Gefühlen verletzt sahen. Auf die Verletzung religiöser Gefühle stehen in Russland hohe Strafen. Darauf berief sich auch die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer.

02.04.2026, Russland, Moskau: Im Gerichtssaal sitzt rechts die Staatsanwältin vor Start der fortgesetzten Verhandlung des Prozesses gegen den deutschen Bildhauer und Karnevalisten Tilly wegen angeblicher Verbreitung von Falschmeldungen über die russischen Streitkräfte und Verletzung religiöser Gefühle. Foto: Ulf Mauder/dpa

Die Frauen beklagten, dass Tilly bei seiner Kritik am russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit der Beleidigung des Oberhaupts der russisch-orthodoxen Kirche und von Präsident Putin zu weit gegangen sei.

Einer der vielen Vorwürfe lautete außerdem auf Propaganda von Homosexualität – das ist in Russland verboten –, dargestellt ausgerechnet mit Figuren des Kremlchefs und des Kirchenoberhaupts. Die Frauen gaben an, sie hätten von dem Strafverfahren gegen Tilly gehört und sich dann freiwillig als Zeuginnen gemeldet, nachdem sie sich die Darstellung des Sexualverkehrs zwischen den Figuren Putin und Kirill im Internet angesehen hätten.

– Putin immer wieder Motiv bei Tilly: Tilly ist für seine bissig-satirischen Mottowagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug bekannt. Seine Motive erscheinen in den Tagen nach Karneval regelmäßig auf Titelseiten der deutschen und internationalen Presse. Bereits mehrfach hat er seine Mottowagen Putin gewidmet. Eine Arbeit zeigt den Kremlchef in einer ukrainischen Wanne – in Blut badend.

In diesem Jahr gab es einen Wagen mit Blick auf den Prozess in Moskau – eine Skulptur von Putin in Uniform spießt da die Düsseldorfer Karnevalsfigur Hoppeditz mit einem Schwert auf.

Eine Staatsanwältin trug an einem Verhandlungstag aus den Ermittlungsakten zudem Interviewaussagen Tillys zu seiner Kritik an Putins Krieg gegen die Ukraine vor. Dabei ging es immer wieder um Vorwürfe gegen die russischen Streitkräfte wegen der Tötung ukrainischer Zivilisten. Den Ermittlungsakten zufolge wird Tilly nicht zuletzt Hass auf Russen vorgeworfen. (dpa)

17 Antworten auf “8,5 Jahre Haft für Karnevalist Jacques Tilly – „Russische Justiz macht sich selbst zum Narren“”

  1. Hugo Egon Bernhard von Sinnen

    Ganz unabhängig von dieser Geschichte, stellt sich die Frage《 wie viele Jahre Haft gibt es für jemanden, der einen Angriffskrieg organisiert, bei dem Soldaten ums Leben kommen? 》

    • Alfons van Compernolle

      Warten wir es ab !!! Ob Putin etc jemals vor dem ISGH stehen wird , mehr als sehr fraglich.
      Aus den Nachrichten war zu entnehmen ( schon etwes her ) , dass die russ.Justiz auch vermeindliche Straftaeter im Ausland verfolgen will, unabhaengig von dem was die jeweilige Regierungen dazu sagen.
      Das sagt doch alles.

      • Hugo Egon Bernhard von Sinnen

        # Alfons van Compernolle/ Die russische Justiz, hätte dann aber auch erwähnen müssen, wer als Straftäter gilt und wer nicht.
        Wenn man sich den lächerlichen Buhei seitens der russische Justiz, im Falle von Tilly betrachtet, kommt man wohl zu dem Schluss, dass Russland noch viele Gefängnisse bauen muss.
        Vielleicht führt man aber auch einfach für alle europäischen Karnevalisten die Todesstrafe ein 🥴

        • Alfons van Compernolle

          Hugo Egon Bernhard von S. : Diese Nachricht kam vor einiger Zeit im Heute Journal des ZDF. Ein paar Tage spàter , war es auch im Auslandsjournal und Alice Weidel war der Meinung, dass nun doch wohl ein paar Leute mit ihrer Meinung vorsichtiger sein sollten.
          Das ist alles im Falle Russland nicht undenkbar, denke mal an die Menschen , welche man schlicht in London etc vergiftet hat.

      • Alfons van Compernolle, „vermeindliche Straftaeter im Ausland verfolgen will, unabhaengig von dem was die jeweilige Regierungen dazu sagen.“ Erst einmal haben die jeweiligen Regierungen nichts dazu zu sagen, es sei denn, um die Verfolgungsbehörden ins Land zu lassen. Es kommt keider immer häufiger vor, dass im Ausland getane Taten auch dann verfolgt werden, wenn der Täter Ausländer ist. Hier ist es, weil das Opfer Inländer ist und im Inland verweilt. Hatte nicht Verhofstadt ein Gesetz vorgelegt, dass Mord durch die belgische Justiz ohne jegliche Territoriumsbeschränkung verfolgen darf. Als dann Leute Anzeige gegen den US-amerikanischen Präsidenten erstattet hatten und folglich eine belgische Staatsanwaltschaft Untersuchungen einleiten musste, hat man schnell eine Ausnahme für Regierungschefs in das Gesetz eingebaut.

        • Hugo Egon Bernhard von Sinnen

          # WK / In diesem Falle würde man bestätigen, das Ausnahmen die Regeln einer Demokratie, von Leuten über Bord geworfen werden, die ständig von Demokratie reden. Und es stellt sich die Frage, weshalb man bei uns als Wähler, noch an einer Demokratie glauben soll ?

        • Der Alte

          Ja, Belgien hat sich in der Vergangenheit als moralische Kröte aufgepumpt und wollte es jedem ermöglichen vor belgischen Gerichten in Ausland lebenden Ausländern für im Ausland begangenen Straftaten verfolgen zu lassen. Schnapsidee von Anfang an.

  2. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Jedes System bestraft seine Kritiker auf seine Weise. In Russland kommen die ins Gefängnis oder werden umgebracht.

    Im Westen wird das etwas eleganter geregelt. Da werden Kriteker auf Schadensersatz verklagt, werden bedroht mit kostspieligen Prozessen, oder werden beruflich benachteiligt. etc

  3. Alfons van Compernolle, was Straftaten sind bestimmen immer die Juristen. Und wie ich geschrieben habe, reichen deren Augen und Arme gegebenenfalls auch bis ins Ausland. Jacquues Tilly muss jetzt aufpassen, wohin er reist.

    • Alfons van Compernolle

      WK.: ich sehe immer noch keine Straftat und in Russland bestimmten frùher einmal eine kurze Zeit die Juristen etc, was als Straftat angesehen und geahndet werden muss. Heute entscheidet das Putin alleine und die studierten handlangerischen Juristen in Russland, setzen es nur um.
      Aber ja, Jacquues T. muss jetzt in der Tat aufpassen , wohin er reisen moechte. Aber das kann ihn auch in Belgien oder Deutschland etc passieren, dass dort ploetzlich ein paar (un)nette russische Mitbùrger auftauchen ! Leider !!!

      • Alfons van Compernolle, auch in Belgien ist die Beleidigung eines ausländischen Staatschefs eine spezifische Übertretung. Ich kenne aber keinen Fall, wo sie verfolgt worden ist. Ja, vielleicht war es in Russland nötig, dass Putin Anzeige erstattet. Napoleon: „Der Richter ist dazu da, das Gesetz zu bellen“. Was neu ist, dass Russland das auch im Ausland verfolgt.

        Sie Unternehmer, in Belgien führt das Übersehen des Eintritts des Firmenchefs in den Raum, wo man sitzt, zur fristlosen Entlassung. Auch die Bemerkung: „Das hätten wir besser nicht einen Tag vorverlegt“ (weil alle Kunden gemotzt hatten).

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