Politik

„Drogen-Terror“ in Belgien: Justizminister im Visier der Verbrecher – Antwerpen das „Medellin von Europa“?

26.09.2022, Belgien, Kortrijk: Ein Fahrzeug der Polizei steht in der Nähe des Hauses von Vincent Van Quickenborne in Kortrijk. Der belgische Justizminister steht seit diesem Wochenende unter verstärktem Polizeischutz. Foto: Kurt Desplenter/BELGA/dpa

Die Drogenmafia eskaliert den Konflikt mit dem belgischen Staat: Gerade erst vereitelten Ermittler die Entführung des Justizministers. Die Behörden bekommen den Drogenhandel über das kleine Land nicht in den Griff. Und in den Straßen Antwerpens herrscht ein „Drogenkrieg“.

Es ist wie einem Kinofilm: Der Justizminister soll von der Drogenmafia gekidnappt werden. In der Nähe seines Wohnhauses wird ein Auto mit Kalaschnikows und anderen Waffen entdeckt. Ermittler können die Entführung noch verhindern, doch der Schock sitzt tief.

So ist es gerade in Belgien geschehen. Dort hatten Kriminelle aus dem Drogenmilieu den Frontalangriff auf den Staat geplant. Die Behörden sprechen von einer „ernsten Bedrohung“ des Justizministers Vincent Van Quickenborne (Open VLD), der der wuchernden Drogenkriminalität zuletzt den Kampf angesagt hatte.

22.11.2021, Belgien, Brüssel: Vincent Van Quickenborne, belgischer Justizminister, trifft zu einem Treffen über die Sicherheit zwischen Belgien und Frankreich im Egmont-Palast ein. Foto: Olivier Matthys/AP/dpa

Belgien mit seinen gerade mal 11,5 Millionen Einwohnern ist zu einem der wichtigsten Umschlagplätze für Drogen in Europa geworden. Diese kommen am Hafen von Antwerpen an und werden von dort aus über den Kontinent, nach Asien, in den Nahen Osten oder auch nach Australien verteilt. Der zweitgrößte Einfuhrhafen für Kokain ist Rotterdam. Die Häfen sind für die internationale Drogenbanden sehr attraktiv.

Der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht zufolge lag der Verkaufswert des Kokains in der EU 2020 bei mindestens 10,5 Milliarden Euro. Seit 2017 seien in jedem Jahr Rekordmengen in Europa konfisziert worden. Allein im Frühjahr 2021 stellte der belgische Zoll innerhalb von sechs Wochen 27,64 Tonnen Kokain im Hafen von Antwerpen sicher. Dieser Erfolg war vor allem auf die Entschlüsselung des Messengerdienstes Sky ECC zurückzuführen. Mehr als 1.200 Verdächtige wurden dadurch in Belgien festgenommen.

Solche Funde sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs – ärgerlich für die Drogenbanden, aber ohne große Auswirkungen auf den Markt. Möglich macht all das auch Korruption in großem Stil, wie die EU-Beobachtungsstelle schreibt. Hafenarbeiter, private Wirtschaft, Regierungsangestellte – alle hängen zum Teil mit drin.

Hinzu kommt: Die Banden werden immer gewalttätiger – und handeln längst nicht mehr im Verborgenen. Belgische Medien schreiben von einem „Drogenkrieg“ auf den Straßen der Stadt Antwerpen, die vor wenigen Tagen im französischen Fernsehen als das „Medellin von Europa“ bezeichnet wurde.

26.09.2022, Belgien, Kortrijk: Ein Polizist geht in der Nähe des Hauses von Vincent Van Quickenborne in Kortrijk. Belgiens Justizminister steht seit diesem Wochenende unter verstärktem Polizeischutz. Foto: Kurt Desplenter/BELGA/dpa

In den 1980er Jahren galt die zweitgrößte Stadt Kolumbiens wegen des berüchtigten Medellin-Kartells als Drogenhochburg. Die Kriminalität florierte und machte Medellin 1991 zur „Murder Capital of the World“ („Hauptstadt des Mordes“).

Immer wieder kommt es in der Schelde-Metropole zu Schießereien. Sprengsätze explodieren. Oft kommen die Täter aus den Niederlanden, die direkt an Antwerpen grenzen. Junge Männer, die im Auftrag einer organisierten Bande handeln.

Auch die vier Hauptverdächtigen für die vereitelte Entführung des Justizministers sind Niederländer. Sie wurden in der Region Den Haag festgenommen und sollen ausgeliefert werden.

Die kriminellen Netzwerke von Belgien und den Niederlanden seien eng miteinander verzahnt, sagte der niederländische Kriminologe Professor Cyrille Fijnhout der Tageszeitung „De Volkskrant“. „Niederländische Kriminelle gehen nach Belgien und umgekehrt, sie missbrauchen die Grenze, um der eigenen Polizei und Justiz zu entgehen.“ Fijnhout sieht mafiaähnliche Strukturen in beiden Ländern. „Wir sehen, dass die Grundzüge der Mafia übernommen werden bis zur höchsten Ebene, wie Gewalt gegen den Staat.“

In Amsterdam wurde Mitte 2021 der Kriminalreporter Peter R. de Vries auf offener Straße erschossen. Die Ermittler gehen davon aus, dass eine berüchtigte Drogenbande für den Mord verantwortlich ist.

05.01.2021, Belgien, Antwerpen: Ein Zollmitarbeiter steht am Grenzkontrollpunkt Linkeroever in der Nähe eines Lastwagens (gestellte Szene). Der Hafen von Antwerpen ist ein wichtiger Umschlagplatz der internationalen Drogenmafia. Foto: Dirk Waem/BELGA/dpa

Der oberste Generalstaatsanwalt Belgiens, Ignacio de la Serna, schlug im Februar Alarm. Er beklagte in einem Interview, dass die Behörden dramatisch unterbesetzt seien. „Die Mafia nimmt das Land in Besitz.»

Auch der Generalstaatsanwalt von Brüssel, Johan Delmulle, sieht die Gefahr, dass Belgien ein «Narco-Staat» wird. Er sagte kürzlich, dass die organisierte Kriminalität eine immer größere Rolle im Kokainhandel spiele. Dies führe zu einem „immer gewalttätigeren Wettbewerb zwischen diesen Clans und zu schweren Konflikten mit hauptsächlich niederländischen kriminellen Organisationen“. Dadurch nehme die drogenbezogene Gewalt zu. Delmulle sprach von Angriffen mit Granaten, Einschüchterung und Morden. Zudem lege der Kokainhandel den Keim für andere Formen der Kriminalität wie Geldwäsche, Korruption und Immobilienbetrug.

Justizminister Van Quickenborne versuchte, den Kampf mit der organisierten Kriminalität aufzunehmen. Er stattete etwa die Behörden mit mehr Personal aus, schuf eine neue Ermittlungsbehörde für den Hafen und schloss einen Auslieferungsvertrag mit den Vereinigten Arabischen Emiraten ab. Dafür sollte er nun offenbar büßen.

Die Bundesstaatsanwaltschaft erklärte nach den ersten Ermittlungen zur vereitelten Entführung, dass «diese Bedrohung ernst genommen werden musste». Zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern steht Van Quickenborne nun an einem unbekannten Ort unter Polizeischutz.

Öffentliche Termine musste der liberale Politiker erstmal absagen. In einem Interview mit belgischen Medien vom Dienstag gibt er sich jedoch kämpferisch. «In unserem Rechtsstaat werden wir uns niemals der Gewalt beugen, niemals», sagte er aus seinem Versteck heraus. Zugleich machte er deutlich, dass er den Staat in einer neuen Phase sieht: der des Drogen-Terrorismus. (dpa)

14 Antworten auf “„Drogen-Terror“ in Belgien: Justizminister im Visier der Verbrecher – Antwerpen das „Medellin von Europa“?”

  1. Fehlt noch ein Blackout und wer dann die Strassen beherrscht kann man sich ja vorstellen – es wird nicht die Belgische Polizei sein. Unsere „Bunte“ Gesellschaft wird sich dann schnell rot färben, Blutrot…. Aber der „green deal“ ist ja das Wichtigste womit sich unsere Politiker und ihre Schreiberling beschäftigen.

    • Blackout-Joe

      Bei dir herrscht auch schon seit geraumer Zeit ein immer drastischer werdender Blackout. Dein Fanatismus wird immer extremer, für Gegenargumente bist du eh nicht erreichbar, da alle Andersdenkenden dümmer sind als du. Ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendwer außer deiner 3 Kumpels es auf Dauer mit dir aushalten kann; es sei denn, du bist einer dieser Pantoffelhelden, die im Internet einen auf dicke Hose machen und nach dem Wegtreten von der Tastatur den Mund nicht aufbekommen…

  2. Großes Lob für Van Quickenborne!

    Wenn er jetzt noch auf die Idee kommt exemplarische Strafen für solche Typen im Gesetz fest zu schreiben, dann könnte sich was ändern. Ein gemütlicher warmer Platz im Gefängnis – besonders in den Wintermonaten – schreckt natürlich Niemanden ab. Wer aber früher einmal mit der Belgischen Armee in einem Wintermanöver war, der weiß, dass das sehr unangenehm werden konnte. So etwas sollte man für diese Verbrecher mit dem „richtigen“ Personal andenken, dann würde die Rückfallquote stark sinken.

  3. volkshochschule

    Gebt doch einfach alle Drogen frei, die Zahl der Konsumenten wird sich dadurch nicht wesentlich erhöhen. So lässt sich der illegale Markt, von heute auf morgen austrocknen. Das war immer die Auffassung des Top Ökonomen Milton Friedman ( 1912 – 2006 ). Er hat ja selbst die Ära der Prohibition ( Alkoholverbot 1920 bis 1933 in den USA ) erlebt und war froh das diese 1933 endete.

  4. Der Drogenhandel hat sich immer wieder verlagert, je grösser der Hafen, je „sicherer“ der Transport.
    Ich glaube nicht, dass in Antwerpen oder Belgien mehr konsumiert wird, als in anderen Ländern. Hier geht es um das grosse Geld, wie einst in Südfrankreich, Florida oder Kalifornien. Wenn aber die Transporte unterbrochen werden, oder „abhanden“ kommen, wird der Streit natürlich vor Ort ausgetragen.

    • 9102Anoroc

      @ – Volkshochschule 16:06

      Ist das Alkoholverbot 1933 in den USA vielleicht aufgehoben worden weil die Mehrwertsteuer Einnahmen auf Alkohol fehlte ?

      Gut, auf Drogen kann man schlecht beim Verkauf eine Mehrwertsteuer verlangen, vor allem nicht bei den harten Drogen , weil sie nie legal verkauft werden dürfen und das ist auch gut so.
      Vor allem in Zeiten wie diesen würden wohl noch mehr Menschen abhängig , wenn der Verkauf legalisiert würde .
      Da muss die Fluppe und der Schnaps reichen und selbst das ist noch schlecht, aber verbieten kann man auch nicht alles.

      • Die Prohibition brodelte schon in einigen Us-Staaten seit Jahrzehnten. Und nach dem 1. Weltkrieg sollte das Korn eher den Hunger als den Durst stillen…
        Mehrwertsteuer gibt’s bei den Amis nicht !

        • Schuster

          Na du kennst dich ja aus. Natürlich gibt es in den USA eine sog. Sales Tax. Die ist nur nicht von der föderalen Regierung festgelegt sondern von den einzelnen Bundesstaaten. In lediglich 4 Staaten liegt sie bei 0 %. ansonsten gibt es in allen Staaten auch noch die beliebten lokalen Aufschläge auf die ST. Warst wohl noch nie in den USA shoppen…

          • Nicht nur, dass Sales Tax keine föderale Steuer ist. Sie wird auch nur dem Endverbraucher berechnet. Falls der Käufer kauft, um weiter zu verkaufen, stellt er eine Bescheinigung aus, und kauft steuerfrei.

            • Walter Keutgen

              5/11, ob es die eine oder andere Steuereintreibungsmethode ist, am Ende bezahlt nur der Verbraucher sie ganz. Ihr Käufer muss, wenn er die Ware an den Endkonsument verkauft, die Steuer kassieren und an den Staat weiterleiten.

  5. Eupenmafia

    In manchen „Eupener“ Häusern und in dicken Autos davor dürfte die hiesige Polizei auch mal genauer nachschauen, zumal es angeblich auch regelmäßig Hinweise und Nachbarschaftsbeobachtungen geben soll … oder hat die hiesige Truppe Angst vor den „Bösen Buben aus dem Osten“ (und Balkan)? Kümmert die hiesige Justiz sich lieber um Skandälchen und Affärchen?

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