Gesellschaft

Ein Deutscher schrieb jetzt ein Buch über seine Liebe zu Belgien: „Dieses Land hat unfassbar viele Qualitäten“

Foto: Shutterstock

Vor wenigen Wochen ist ein neues Buch in deutscher Sprache über Belgien erschienen. „Unser belgisches Leben – 24 Betrachtungen eines ungewöhnlichen Landes“, so der Titel. Geschrieben wurde es vom Journalisten Thomas Philipp Reiter. Mit dem Autor führte „Ostbelgien Direkt“ ein Gespräch über Belgien, Deutschland und Ostbelgien.

Reiter, 48 Jahre, lebt in Brüssel, wo er eine Vielzahl von Tätigkeiten hat. Sein Buch wurde herausgegeben von einem Veröffentlichungs-Portal für Journalisten.

Das Buch von Thomas Philipp Reiter über Belgien: „Unser belgisches Leben – 24 Betrachtungen eines ungewöhnlichen Landes“.

In dem Gespräch mit „Ostbelgien Direkt“ schildert Reiter unter anderem, was er an Belgien so fantastisch findet und in Deutschland verkannt wird. Auch kritisiert er – wie kürzlich Ostbelgiens Ministerpräsident Oliver Paasch in einem Interview mit dem ZDF – „die weniger liebenswerten deutschen Eigenschaften, schnell und zuweilen herablassend Haltungsnoten an Nachbarländer zu verteilen“.

Rund 120 Seiten umfasst sein neues Buch. Die Bandbreite der Themen ist groß und bunt: Es geht um die Sprachenproblematik, die er als „belgische Krankheit“ bezeichnet, um die föderale Regierungskonstellation, um Kindererziehung und nicht zuletzt auch um Fußball.

Um Belgien und Deutschland geht es auch am kommenden Donnerstag, dem 18. Mai, um 18.30 Uhr bei einem Gesprächsabend in der Deutschen  Botschaft in Brüssel, an dem auch Thomas Philipp Reiter teilnimmt. „Nachbarn: Blicke auf Deutschland und Belgien aus unterschiedlichen Perspektiven“ lautet das Thema (siehe Link am Ende dieses Artikels).

Das Interview: „Ich kenne kein Land mit vergleichbarer Lebensqualität“

Nachfolgend das Interview von „Ostbelgien Direkt“ mit Buchautor Thomas Philipp Reiter über Belgien, Deutschland und all die Dinge, die damit zusammenhängen.

OD: Herr Reiter, Belgien werde als Land unterschätzt, haben Sie kürzlich in einem Interview gesagt. Inwiefern?

Buchautor Thomas Philippe Reiter.

Reiter: Belgien hat unfassbar viele Qualitäten – nicht nur als Tourismus- und Gourmetregion. Es ist auch ein ökonomisches Powerhouse, einer der Motoren der europäischen Volkswirtschaften. Brüssel ist vermutlich neben London die bedeutendste internationale Plattform der westlichen Welt. Nur leider nimmt außerhalb Belgiens beinahe niemand unsere Hauptstadt als Schaufenster Belgiens wahr, sondern als bürokratisches Monstrum im Verkehrs-, Reform und Sanierungsstau. Belgien hat also neben diversen innenpolitischen Probleme vor allem ein Vermarktungsdefizit. Dieses sträfliche Versäumnis muss man allen Föderalregierungen der letzten Jahrzehnte einschließlich der amtierenden zur Last legen und kann man nicht allein am Kompetenzgerangel der zahlreichen Exekutivorgane festmachen.

OD: Was sind für Sie sonst noch Vorzüge von Belgien?

Reiter: Neben den abwechslungsreichen Landschaften von der Küste über historische aber auch morbide Stadtlandschaften bis zu ausgedehnten Waldregionen. Hier kann jeder sein, was und wie er mag, und keiner regt sich schnell darüber auf. Dieses Klima der Freiheit hat zahlreiche begnadete Künstler hervorgebracht, aber ist natürlich andererseits eine Erschwernis bei der Verbrechensbekämpfung in den unbehelligt existierenden Parallelgesellschaften. Aber ich kenne kein Land in Europa mit vergleichbarer Lebensqualität, das Menschen die Möglichkeit bietet, die eigene Kultur zu pflegen und dennoch an der Zivilgesellschaft teilzuhaben. Die Kunst besteht darin, ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln, ohne diese Freiheit aufzugeben. Zugegeben, keine einfache Aufgabe, aber in Belgien funktioniert das besser als in vielen anderen Gegenden Europas. Sogar in Berlin schauen die Leute immer noch komisch, wenn ein Schwarzer und eine Asiatin Hand in Hand über die Straße laufen. In Brüssel kümmert das niemanden.

OD: Und was ist für Sie die „hässliche Seite Belgiens“?

Reiter: Wenn der morbide Charme in Verwahrlosung kippt. Das kann man an mancherlei Plätzen des öffentlichen Raums beobachten. Damit meine ich nicht die inzwischen weltberühmten „Belgian Solutions“, sondern wenn Orte einfach zumüllen. Davon ist Ostbelgien natürlich weit weniger betroffen als andere Regionen. Dieses fehlende Verantwortungsbewusstsein für das gemeinschaftliche Eigentum gab es in der DDR auch, und wir wissen ja, wie es dort am Ende ausgesehen hat. Leider gibt es keine übergeordnete starke politische Leitfigur, die auf derlei Missstände hinweist, weil sich verantwortliche Politiker regelmäßig gegenseitig das Wasser abzugraben versuchen. Seine Majestät der König könnte und müsste diese Rolle übernehmen, aber er wird leider von den meisten Parteien unterminiert statt unterstützt. König Philippe tut dennoch sein Bestes, und das verdient viel mehr Anerkennung, als ihm Politik und Gesellschaft zukommen lassen.

OD: Der ostbelgische Ministerpräsident Oliver Paasch hat mal in einem Interview mit dem ZDF die Art und Weise kritisiert, wie die deutschen Medien über Belgien urteilen. Ist das auch Ihre Meinung?

Oliver Paasch am 26. Oktober 2016 bei einem Live-Interview im Mittagsmagazin des ZDF. Foto: Screenshot ZDF

Reiter: Es gehört leider zu den weniger liebenswerten deutschen Eigenschaften, schnell und zuweilen herablassend Haltungsnoten an Nachbarländer zu verteilen und dort ganz nach Matthäus 7:3 auf den Splitter im Auge des Bruders hinzuweisen, aber den Balken im eigenen Auge nicht zu sehen. Medien stürzen sich generell gerne auf Nachrichten mit negativem Erregungspotenzial – Terrorismus, Versäumnisse in der Verbrechensbekämpfung, echte und vermeintliche Umweltsünden, bürokratisches Versagen. Da wird man in Belgien natürlich genauso fündig wie in Deutschland. Aber die Stärken Belgiens zum Beispiel in der Organisation internationalen Zusammenlebens werden praktisch nicht gewürdigt. Im Gegenteil: Sie werden ignoriert. Im Ergebnis glauben manche deutsche Medien immer noch, dass deutsches Bier besser ist als belgisches und man in Paris besser essen kann als in Brüssel. Beides ist natürlich Unsinn.

OD: Wie kommt es, dass die DG so viel unternimmt im Bereich ihrer Außenbeziehungen, letztlich aber im Ausland weitgehend nicht bekannt ist, dass es in Belgien auch eine deutschsprachige Minderheit gibt, die bisweilen sogar mehr Befugnisse hat als ein deutsches Bundesland. Wenn Sie Berater der DG in Sachen Außenbeziehungen wären, was würden Sie der Regierung in Eupen empfehlen, damit sie bekannter wird im Ausland?

Reiter: Ich bin in Hamburg aufgewachsen. Die Freie und Hansestadt hat weltweit Persönlichkeiten zu „Ambassadeuren“ ernannt, die in ihrem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld gerne, viel und gut über Hamburg sprechen. Das könnte sich die Regierung in Eupen auch überlegen. In Berlin, Luxemburg und London finden sich sicher Unternehmerinnen oder Wissenschaftler mit Bezug zu Ostbelgien, für die es eine Ehre wäre, als Botschafter der Region aufzutreten. In Australien könnte Mathias Cormann diese Rolle übernehmen. Solch ein Programm kostet nicht viel, aber verbreitet Ruhm und Glanz.

OD: Neuerdings will die DG ihr Standortmarketing dahingehend ändern, dass sie nach außen als „Ostbelgien“ auftritt. Was halten Sie von dieser Umbenennung?

Bundeskanzlerin Angela Merkel (rechts) Ende Oktober 2014 in Nieuwpoort mit König Philippe und Königin Mathilde. Foto: Belga

Reiter: Das halte ich für eine gute Idee und hilft sicher, das gesamtbelgische Vermarktungsdefizit zu verringern. Im Idealfall bringt es Belgien ins Bewusstsein und Ostbelgien als Qualitätsregion. Die Bezeichnung „DG“ war nach meiner Beobachtung ein ungeliebtes Hilfskonstrukt und deren Abschaffung nur logisch.

OD: Können Sie nachvollziehen, weshalb sich die DG nicht „Deutschbelgien“ nennt, obwohl diese Bezeichnung rein objektiv am besten das wiedergibt, was sie ist?

Reiter: Ich habe immer wieder bemerkt, dass die Bezeichnung „Deutschbelgier“ bei bestimmten Personen Vorbehalte hervorruft, ganz anders als bei Deutschschweizern etwa. Da gibt es eine Menge unterschiedlicher und vielschichtiger Gefühligkeiten, auf die man Rücksicht nehmen sollte. Das hat vielleicht eher historische als sozio-kulturelle Gründe. Aber man darf die Emotionen bei solch einem Thema nicht unterschätzen.

OD: Was kann Deutschland von Belgien lernen?

Reiter: Toleranz, Laissez-faire, Internationalität, Mehrsprachigkeit, Kompromissfähigkeit, Talent zu dauerhaften Provisorien, insgesamt also „le compromis à la belge“.

OD: Und was kann Belgien von Deutschland lernen?

Reiter: Dass die vermeintlichen deutschen Tugenden Pünktlichkeit, Gründlichkeit und Genauigkeit nichts sind, wovor man sich fürchten muss.

OD: In Ihrem Buch ist auch vom belgischen Fußball die Rede, daher die Frage: Weshalb hat die belgische Fußball-Nationalmannschaft seit 1954 (!), als sie in Brüssel den frischgebackenen Weltmeister („Das Wunder von Bern“) besiegte, nicht mehr gegen Deutschland gewonnen?

Reiter: Weil sich Marc Wilmots leider mit den in Deutschland erlernten Fußballtugenden im Verband nicht durchsetzen konnte und seine Vorgänger daran auch gar kein Interesse hatten. Ich fürchte, die Rote-Teufel-Euphorie von 2014 hat bei der EM 2016 in Frankreich nachhaltig Schaden genommen und wird bei der WM in Russland 2018 auch nicht so ohne Weiteres wiederzubeleben sein. (cre)

– INFOS zu dem Buch von Thomas Philipp Reiter unter folgendem Link:

UNSER BELGISCHES LEBEN von Thomas Philipp Reiter

– HINWEIS – Gesprächsabend an diesem Donnerstag, dem 18. Mai, um 18.30 Uhr in der Deutschen Botschaft in Brüssel Infos unter folgendem Link:

„Nachbarn: Blicke auf Deutschland und Belgien aus unterschiedlichen Perspektiven“

Zum Thema siehe auch folgenden Artikel auf „Ostbelgien Direkt“:

  1. Es ist bedauerlich, dass ein Belgier von einem Deutschen erfahren muss, wie schön und lebenswert sein Land ist. Danke, Herr Reiter, für dieses wohltuende Belgien-Bild, das Sie in dem Interview und in Ihrem Buch vermitteln!

  2. BelgaGermana

    es ist gar nicht bedauerlich das ein Belgier von einem Deutschen erfährt, wie schön sein Land ist.
    Das Sprichwort „Eigenlob stinkt“ wird leider in der belgischen Kultur sehr genau, ich würde sagen“ zu genau“, genommen. Daher freue Ich mich über jeden Liebhaber Belgiens, der mit einem Blick von Aussen für uns spricht! Tolles Buch, super Beobachtungen, herrlicher Schreibstill und genau auf den Punkt gebracht!!! Ein très grand merci an den Autor!!!

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