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Ex-Pfleger könnte mehr als 100 Menschen getötet haben

05.11.2025, Nordrhein-Westfalen, Aachen: Der angeklagte Krankenpfleger (M) steht mit einem Aktenordner vor dem Gesicht neben seinem Anwalt Volker Breyer (r) im Gerichtssaal. Foto: Oliver Berg/dpa

Im November wurde ein ehemaliger Pfleger in Deutschland wegen zehnfachen Mordes verurteilt. Womöglich hat er aber mehr Menschen umgebracht – deutlich mehr. Es gibt weitere Exhumierungen.

Ein bereits wegen zehnfachen Mordes in Deutschland verurteilter Ex-Pfleger könnte für mehr als 100 weitere Todesfälle verantwortlich sein.

Es gebe eine entsprechend hohe Zahl an „Verdachtsfällen“, teilte die Oberstaatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts in Aachen mit. Gegenstand der neuen Ermittlungen sind mögliche Taten jenseits mehrerer bereits abgeurteilter Fälle.

– Eigene Vorstellung von Ordnung: Der Ex-Pfleger war im November 2025 vom Landgericht Aachen wegen 10-fachen Mordes und 27-fachen Mordversuchs zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Dabei wurde auch eine besondere Schwere der Schuld festgestellt – eine Freilassung nach 15 Jahren ist damit in der Regel ausgeschlossen.

Nach Überzeugung des Gerichts hatte der Mann während seiner Nachtschichten in einer Klinik in Würselen bei Aachen (Nordrhein-Westfalen) schwer kranken Menschen eigenmächtig überhöhte Mengen an Beruhigungsmitteln verabreicht – teils in Kombination mit Schmerzmitteln und teilweise auch mehrfach. Auslöser sollen ein persönliches Störgefühl und eine eigene Vorstellung von Ordnung gewesen sein.

16.01.2024, Nordrhein-Westfalen, Aachen: Blick auf das Landgericht im Justizzentrum Aachen. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Der Pfleger selbst hatte die Vorwürfe im Prozess zurückgewiesen. Er habe keine Medikamente mit dem Ziel verabreicht, Leben zu verkürzen, erklärte er in einer Aussage im Mai 2025.

– Verdachtsfälle liegen deutlich über 100: Die Taten, um die es in diesem Verfahren gegangen war, hatten sich in einem Zeitraum von Dezember 2023 bis Mai 2024 ereignet. Bei den neuen Verdachtsfällen geht es nun um mögliche Tötungsdelikte in der Zeit davor. Der Deutsche hatte bereits seit 2020 an der Klinik in Würselen gearbeitet. Nach dem Urteil hatte die Aachener Staatsanwaltschaft schon angekündigt, dass eine weitere Anklage wahrscheinlich sei.

Nun gibt es einen ersten Überblick, was in einer neuen Anklage stehen könnte. „Die Verdachtsfälle in dem laufenden Verfahren liegen derzeit deutlich über 100“, erklärte Oberstaatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts. Sie betonte zugleich, dass es sich um einen Anfangsverdacht handle. „Der kann natürlich auch noch wegfallen.“ Es habe bereits 27 Exhumierungen im Zusammenhang mit den neuen Vorwürfen gegeben. Etwa 30 stünden noch aus.

Der Fall reicht inzwischen auch über Aachen hinaus: Auch in Köln wird ermittelt. Dort hatte der Mann bis 2020 gearbeitet. Die Kölner Staatsanwaltschaft bestätigte im Dezember Exhumierungen.

Immer wieder sorgen ähnliche Fälle für Entsetzen. Als bislang größte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte gilt der Fall des Ex-Pflegers Niels Högel: Das Landgericht Oldenburg verurteilte ihn 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft.

„Die Pflege und Medizin machen niemanden zu Serientätern. Jedoch macht es Pflege und Medizin Serientätern weiterhin viel zu leicht“, kritisierte der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, im Lichte der neuen Verdachtsfälle. „Es fehlt eine Kultur des Hinschauens.“ (dpa)

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