Politik

Aachener haben wohl etwas zu früh gejubelt: Belgien lässt längere Laufzeit für alte Kernkraftwerke prüfen

Illustration: Shutterstock

Die belgische Regierung lässt prüfen, ob die drei ältesten Atomreaktoren des Landes zwei weitere Jahre bis 2027 betrieben werden können.

Die Analyse soll bis Ende März durchgeführt werden, berichtete die Nachrichtenagentur Belga unter Berufung auf Regierungskreise am Freitag.

Erst am Dienstag war der umstrittene Reaktor Tihange 2 nach 40 Jahren Laufzeit vom Netz genommen worden (siehe Artikel an anderer Stelle).

Nun geht es um drei Reaktoren, die seit 1975 in Betrieb sind und ursprünglich 2015 stillgelegt werden sollten. Im Rahmen früherer Überprüfungen wurde ihre Laufzeit bereits bis 2025 verlängert.

09.09.2020, Nordrhein-Westfalen, Aachen: Sibylle Keupen (Bündnis 90/Die Grünen), Oberbürgermeisterin der Stadt Aachen. Foto: Roland Weihrauch/dpa

Hintergrund der jüngsten Überlegungen sind Sorgen über die Sicherheit der Energieversorgung in Europa. Bei zwei weiteren belgischen Atomreaktoren ist vorgesehen, dass sie bis 2035 laufen sollen.

In Deutschland gibt es seit langem Kritik an den belgischen Kraftwerken aus den 1970er und 1980er Jahren. Die Stadt Aachen und die Bundesregierung hatten deswegen in der Vergangenheit wiederholt gefordert, die AKW stillzulegen.

Womöglich haben die Aachener etwas zu früh gejubelt. Nachdem am späten Dienstagabend der Reaktor Tihange 2 endgültig vom Netz genommen worden war, schrieb die Aachener Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen auf Twitter:

„Der Protest von vielen, vielen Menschen in der Region #aachen zeigt nun Erfolg. Ein großes Aufatmen geht durch die Stadt. #atomkraft #reaktorsicherheit Belgisches AKW: Atomreaktor 2 endgültig abgeschaltet.“

Kundgebung in Aachen gegen das Atomkraftwerk Tihange im Dezember 2015. Foto: OD

Am Mittwochabend hatten zudem rund 100 Atomkraftgegner am Elisenbrunnen in Aachen die Schließung von Tihange 2 gefeiert. „Diese Schlacht haben wir gewonnen“, wurde Jörg Schellenberg vom Aktionsbündnis gegen Atomenergie Aachen im BRF zitiert. „Der Krieg ist natürlich nicht gewonnen, aber diese Schlacht ist gewonnen. Das sollte man feiern.“

Zufriedenheit wurde auch in Berlin laut. Die deutsche Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) begrüßte die geplante Abschaltung von Tihange 2 in der „Rheinischen Post“. „Die Stilllegung sorgt für deutlich mehr Sicherheit in unseren beiden Ländern“, sagte die Grünen-Politikerin. Zusammen mit dem im September abgeschalteten Reaktor Doel 3 habe „das AKW jahrelang wegen Rissen in den Reaktordruckbehältern für Negativschlagzeilen gesorgt und die Bevölkerung beunruhigt“. (cre/dpa)

Zum Thema siehe auch folgenden Artikel auf OD:

28 Antworten auf “Aachener haben wohl etwas zu früh gejubelt: Belgien lässt längere Laufzeit für alte Kernkraftwerke prüfen”

  1. 2 Reaktoren ab 2025 weiter am Netz halten sind zu wenig, die Rechnung ist schnell gemacht. Es war ein politischer Kuhhandel die beiden umstrittenen Reaktoren (Wasserstoffeinschlüsse im Stahl) zu opfern damit ECOLO das Gesicht einigermassen wahren konnte. Die Leute die feiern wissen nicht was ein MegaWatt (MW) ist, die, die es wissen, sehen keinen Grund zum jubeln. Letztlich braucht das Belgische Stromnetz rund 10000 MW gesicherte Kraftwerksleistung. Die Physik kennt keine Parteien, Parteiprogramme oder „Meinungen“.

    • die Flamen brauchen den Strom dringender als wir, dann können die Flamen ja endlich die 3 seit 2019 versprochenen Gaskraftwerke bauen. Wenn die Flamen selber dagegen stimmen, dann sind sie es selber Schuld.

      • Gaskraftwerke bis zu 30 % der Netzlast sind vertretbar, alles auf Gas setzen fällt Deutschland gerade voll auf die Füße. Selbst Länder mit grossen Ergasvorkommen bauen trotzdem Kohle- oder Kernkraftwerke (siehe Golfstaaten). Unsere „Energiewende“ findet keine Nachahmer, anders als die Medien es gerne kolportieren….

        • die Niederlande produziert seit Jahren ihren Strom zu 40 % aus Erdgas und nur zu 4% aus Atomkraft. Der Strompreis der Holländer lag vor dem Krieg bei der Hälfte des Strompreises in D und B und immerhin 50 % billiger als in F. Aktuell ist es EXAKT der gleiche Preis, weil sich auch in B, F, D und Nl der Strompreis nach dem Gaspreis richtet. Und den Krieg haben unsere Politiker sich selber gesucht, also fällt uns dieser Krieg auf die Füsse. Und Nl nimmt übrigens unseren überschüssigen Strom gegen Bezahlung ab, weil sie ihre Gaskraftwerke nach Bedarf drosseln und hochdrehen können.

          • Auch in NL ist der Neubau von KKW ein Thema. Man hat verstanden dass die Vorstellung von viel Wind- und Sonnenstrom + ein wenig Gasstrom ein Selbstbetrug ist. Man zieht so langsam die Konsequenzen daraus, man ist lernfähig. Ausser Deutschland, da ist man ideologisch so fest gefahren dass man lieber die Energieversorgung gefährdet als die grünen Dogmen hinter sich zu lassen.

  2. 9102Anoroc

    Man kann sich nur noch schämen für die politischen mal so , mal so Entscheidungen unseres Landes.
    Überlegt lieber mal so eben in Brüssel, ob eure Entscheidung mit den E-Fahrzeugen nicht völlig absurd gewesen ist wenn man noch keine Alternative hat, außer ein paar veraltete Atommüllproduktionsanlagen um den Strom für die Fahrzeuge zu garantieren.
    Ohne diese dumme Idee den Bürger zum E-Fahrzeug zu zwingen , kann man schließlich mit alternativer Energie die Versorgung aufrecht erhalten.

    • Walter Keutgen

      9102Anoroc, na ja die EU-Organe und die belgische Regierung sind beide in Brüssel, da haben Sie Glück. Und letztere hat die steuerliche Abzugsfähigkeit nach CO2-Ausstoß – schon seit langem – gestaffelt und die Neuzulassung von Verbrennerautos ab 1.1.2026 für berufliche Zwecke verboten.

      Das EU-Verbot gilt in allen EU-Ländern, auch solche die keine Atommeiler mehr haben wie Deutschland.

      Ich bezweifele, dass alternative Energien für den Strombedarf ohne Elektroautos genügen.

  3. Peer van Daalen

    Und man sollte schnellstens noch einige weiter Atomkraftwerke bauen in unserem Land. Die Picon-Mützen-Träger und Froschschenkel-Schnuten südwestlich von uns machen es doch auch.

    Wenn es geht jedoch ein paar, die auch längerfristig besser in Schuß sind wie das Bröckel- und Rissemonster in Tihange.

    • Walter Keutgen

      Peter van Daalen, was soll das mit dem Bröckel- und Rissemonster in Tihange? In Doel war ein Bruderreaktor. Beide sind abgeschaltet. Bevor man sie nach Entdeckung der Wasserstoffeinschlüsse wieder hochfahren durfte, hat ein US-amerikanisches Institut ein Gutachten abgegeben und dafür ein Jahr gebraucht.

      • Beide Reaktoren sind jünger als die die man nun länger laufen lassen will. Die Dummheit der Politiker kennt keine Grenzen. Wann werden solche Menschen eigentlich mal zur Rechenschaft gezogen. Älter Generatoren (als Tihange 2 und Doel 3) sollen länger am Netz bleiben, weil es ohne sie nicht geht und die Grünen Tihange 2 und Doel 3 unbedingt abschalten wollen, aus Ideologie, nicht aus Sicherheitsgründen.

  4. Kohli van Braun

    Emissionsfreier Atomstrom ?
    Mir wäre es viel lieber, nach deutscher ökologisch korrekter Manier, ein riesen Braunkohleloch zwischen Lüttich, Hasselt und Leuven zu buddeln, wen interessiert schon Natur- und Lebensraum, wird überbewertet. Hauptsache « Atom nein. Danke ! »

  5. Erwin Haep

    Der Herr Schellenberg eilt sich zu behaupten, er nur gegen diese beide Kernkraftwerke ist, aber die anderen Atomkraftwerke noch gebraucht werden. Aha, er kennt sich in Belgien gut aus. Nur wenn er morgens aus dem Haus geht, muss er aufpassen, nicht in ein Braunkohleloch zu fallen. Diese Logik erschließt sich mir nicht, bei den anderen zu gucken. Als das Thema des sauren Regens akut war, hat man die Lösung in NRW gefunden, die Schornsteine höher zu bauen. Denn nun verschwindet der saure Regen in der Atmosphäre, nicht mehr in den eigenen Garten.

  6. Guido Scholzen

    auch in Zukunft darf in D’land jeder noch so grosse Energie-Quatsch in Sachen Öko-Sozialismus gehauptet werden.
    Hier ist der Witz des Tages:
    =============
    Startup setzt auf Vernetzung :
    „In fünf Jahren wird mit Stromproduktion kein Geld mehr verdient“
    Philipp Schröder vom Energie-Startup „1Komma5 Grad“ ist sich sicher: In Zukunft zählt nicht mehr, ob Strom da ist, sondern wie er am geschicktesten verteilt wird.
    🙄😕😳🥴
    https://www.n-tv.de/wirtschaft/In-fuenf-Jahren-wird-mit-Stromproduktion-kein-Geld-mehr-verdient-article23875216.html
    ==============
    Fazit: dieser politisch korrekte Lümmel ist so dämlich, der kommt auch in die politisch korrekten Medien, die ebenfalls dämlich genug sind.

    Könnten die auch mal einen technischen Beitrag zur Grundlastfähigkeit machen?
    Ach ja, die sind ja zu dämlich dafür, wie konnte ich das nur vergessen….

    • Aunderstädter

      Herr Scholzen, die Erkenntnis, dass die Energieanbieter in Zukunft aufgrund der, vorhergesagten, günstigen Stromproduktion durch erneuerbare Energiequellen ihr Geschäftsmodell hin zu Dienstleistungen rund um Energie ändern werden, ist weder neu, noch einem Startup geschuldet. Dies wurden schon 2016 bei verschiedenen Tagungen von großen Energieanbietern besprochen. Allerdings machen die äußeren Bedingungen (Politik, Bürokratie, Krieg, usw.) der Entwicklung in diese Richtung das Leben schwer. In Belgien wird z. B. viel zu wenig in dezentrale Stromnetze investiert. Ores ist sich der Anforderung bewusst, weißt aber immer auf die Kosten und Finanzierung hin. Und solange die Anteilseigner, wie der Belgische Staat, lieber die Dividenden abschöpfen statt zu reinvestieren, wird sich daran nichts ändern.

  7. Der Belgische Atomausstieg, ein Stück in 3 Akten:
    1. Akt: Die Erkenntnis.
    Ohne die KKW geht das Licht aus, also wurde prinzipiell der Weiterbetrieb beschlossen. Genannt wurden die beiden neueren KKW, Tihange 3 und Doel 4
    2. Akt: Die Gesichtswahrung der Grünen
    Die beiden zu Problemreaktoren geframten Tihange 2 und Doel 3 wurden geopfert damit die Grünen einen politischen Erfolg vorweisen können. Grosse Freude bei den Grünen, besonders im „befreundeten östlichen Ausland“, die eigentlich alles sind nur nicht unsere Freunde wenn es darauf ankommt.
    3. Akt: Das dicke Ende
    Zahlen lügen nicht, und 2 Reaktoren sind zu wenig um die Belgische Stromversorgung über 2025 hinaus sicher zu stellen. Also laufen die restlichen Anlagen auch weiter, alternativlos. Das Theater geht jetzt erst richtig los, denn nach meiner Einschätzung hat Engie den Weiterbetrieb nur zugesagt wenn mehr als 2 KKW betroffen sind, da es sonst kaum möglich wäre die Standorte als Ganze weiter zu betreiben. Das muss jetzt politisch verkauft werden. ECOLO / Groen laufen natürlich Sturm dagegen, die anderen Parteien erklären dass es eben nicht anders geht. Am Ende laufen dann 5 Reaktoren weiter und alle erklären sich zum Sieger, jedenfalls ein wenig.

    Der Vorhang fällt, das Publikum applaudiert.

    • 9102Anoroc

      @ – Dax 14:30

      Ein Fehler finde ich in ihrem letzten Satz.
      Das Publikum applaudiert nicht , es verabscheut das ganze Theaterspiel.

      Dem Publikum ist spätestens seit Tschernobyl bewusst geworden , dass die Atommüllfabriken nichts taugen.
      Auch den Politikern muss es aufgefallen sein.

      Anstatt zu handeln steckte man aber schon damals lieber den Kopf in den Sand und wollte mit schönen zahlen der nächsten Generation das Nachdenken überlassen um weiterhin glänzen zu können .
      Selbst jetzt wo man weiß dass die Situation immer gefährlicher wird, möchte man uns Technologien aufzwingen um die Gefahr noch zu erhöhen, wie z.B das E-Fahrzeug.

      Dass es nicht nur bei den AKWs bleiben wird die wir haben, sondern noch zusätzliche bauen werden müssen, wenn man die Strategie mit den E-Fahrzeugen fortsetzt ,erwähnte ich bereits .

      Wenn man so naiv oder bestechlich ist ,im Glauben zu sein durch billige Energieversorgung glänzen zu können, die uns oder den nächsten Generationen mit Sicherheit zum Verhängnis werden, bin ich gespannt ob die jetzigen Verantwortlichen dafür , dann noch schnell laufen können.
      Ich könnte mir vorstellen , das ein Teil der Bevölkerung schneller laufen kann und sie einholt.

      Die Grundidee sich von Energieversorgern außerhalb Europas unabhängiger zu machen ist sicherlich nicht schlecht, aber doch bitte nicht auf diese Art und Weise.

      Natürlich weiß man auch das alleine durch die künstliche Intelligenz in Europa Millionen Arbeitsplätze verloren gehen und es im Interesse aller ist , Energiekosten alleine aus diesem Grund niedrig zu halten , hilft aber nichts wenn die Leute die dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren zwischen Atommüllfässer schlafen müssen , oder wegen eines oder mehreren radioaktiven Unfällen, immer näher zusammenrücken müssen, weil letztendlich Gebiete unserer Erde unbewohnbar werden.

      Natürlich kann man jetzt wieder Abwinken und behaupten bis jetzt ist bei uns nichts passiert, dann wird auch nichts mehr passieren.
      In unserem Leben dann vielleicht nicht mehr, was ist mit dem Leben unserer Kinder?

      Aber eigentlich braucht man sich den Kopf ja nicht mehr zu zerbrechen , Fehlerhafte und korrupte Politik ,ist ja erst im Anfangsstadium dafür zu sorgen dass es schon bald nur noch zwei Arten von Menschen geben wird.
      Einmal jene , die künstliche Intelligenz unter Kontrolle halten werden , einschließlich den Politikern die fürs wegsehen die Hand aufhalten werden und nicht mehr wissen wo sie ihr Geld noch verstecken sollen.
      Dann noch die anderen , die sich dann womöglich noch bedanken sollen dass man ihnen ein Stück Brot vor die Füße werfen wird , weil es für mehr nicht reichen wird , weil die Abschöpfung des Geldes wohlhabender durch Bestechung verhindert wird, wie es ja jetzt schon teilweise der Fall ist und das bedingungslose Grundeinkommen wohl gerade mal zur Ernährung reichen wird, wenn überhaupt.
      Also ist das Stromproblem nur ein Teil großer Probleme für die das Publikum eben nicht applaudiert wird .
      Und die es nicht verstehen, wir werden es noch verstehen lernen.

  8. Aunderstädter

    Ich fand es schon immer irritierend, dass die Aachener, bzw. die Städteregion, sich über einen möglichen Atomunfall in Tihange sorgen bzw. aufregen, aber die Schadstoffe des Kraftwerks Weisweiler & Co. jahrzehntelang ignorieren. Bisher hat Tihange keine Todesopfer gefordert und wird es hoffentlich in Zukunft auch nicht. Aber die Kohlekraftwerke Weisweiler & Co. sind für den Tod von tausenden Mitbürgern verantwortlich. „Neben klimaschädlichem Kohlendioxid emittieren Kohlekraftwerke auch eine ganze Palette anderer Schadstoffe wie Schwefeldioxid, Stickoxide, Kohlenmonoxid, Quecksilber oder Arsen. Luftverschmutzung aus Kohlekraftwerken verursacht laut einer Analyse jedes Jahr 23 000 vorzeitige Todesfälle in Europa und belastet die Gesundheitssysteme mit Mehrkosten von rund 60 Milliarden Euro. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die unter anderem die Organisationen WWF Deutschland und „Health and Environment Alliance“ (HEAL) erarbeitet haben. Demnach sind allein die Kohlekraftwerke, die in Deutschland stehen, für 4350 vorzeitige Todesfälle pro Jahr verantwortlich, davon 2500 im europäischen Ausland. Noch gravierender für die Gesundheit der EU-Bürger seien nur die Anlagen in Polen. Der Feinstaub aus polnischen Schloten verursache jährlich 5830 vorzeitige Todesfälle, davon 4700 in Nachbarländern.“ Quelle: Süddeutsche Zeitung
    Aber ist klar, lieber über Tihange aufregen, da der Wind meist aus dem Westen kommt und einem Weisweiler (Platz 6 der schmutzigsten Kraftwerke in Europa) deshalb egal sein können. Und die eigenen Arbeitsplätze in Weisweiler und dem Tagebau nicht gefährden.
    Ich bin persönlich aber trotzdem gegen Atomkraftwerke, solange die Sache mit der sicheren Endlagerung, und die Kostenfrage derselben, nicht endgültig geklärt ist. Und diese nicht auf Kosten der Bevölkerung.

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