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Rainer Gebauer: „Das Jahr in Eupen war gigantisch, einmalig“ [1. Teil]

Rainer Gebauer (rechts am Boden) bei einem Kopfball im vorletzten Meisterschaftsspiel der AS Eupen gegen Turnhout, das wegen der bereits begonnenen Umbauarbeiten am Kehrweg im Städtischen Stadion an der Judenstraße stattfand. Foto: Die Lupe

Wie berichtet, hatte „Ostbelgien Direkt“ die Gelegenheit, ein längeres Gespräch mit dem ehemaligen Stürmer der AS Eupen, dem Deutschen Rainer Gebauer, zu führen. Anlass sind die beiden Pokalspiele der AS Eupen gegen Zulte Waregem. Lesen Sie an dieser Stelle TEIL 1 des Interviews.

In Sachen Pokal kennt sich der heute 65-jährige Rainer Gebauer gut aus. Er stand zweimal in einem Pokalendspiel: 1973 mit dem 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach (dieses DFB-Pokalfinale ging in die Geschichte ein, weil sich Gladbach-Star Günter Netzer selbst einwechselte und dann das Siegtor für die Borussia erzielte) sowie 1978 mit dem SC Charleroi gegen den SK Beveren.

Gebauer spielte in der Saison 1973-1974 bei der AS Eupen. In jener Saison wurde er Torschützenkönig der 2. Division. Anschließend wechselte der „große Blonde“ zum SC Charleroi (Siehe auch Vorbericht an anderer Stelle).

Nachfolgend lesen Sie den 1. TEIL des Interviews mit Rainer Gebauer im Wortlaut:

OD: Herr Gebauer, viele Fans der AS Eupen dürften sich freuen, noch einmal von Ihnen zu hören. Verfolgen Sie die Entwicklung der AS eigentlich noch?

Rainer Gebauer wurde mit der AS Eupen 1973-1974 Torschützenkönig der 2. Division und verpasste den Aufstieg nur knapp. Foto: Die Lupe

Gebauer: Natürlich. Ich verfolge jeden Morgen beim Frühstück im Internet die gesamte belgische Aktualität. Meine Zuneigung zu Belgien geht allein schon aus der Tatsache hervor, dass ich immerhin 9 Jahre meiner 15 Jahre als Profifußballer, also immerhin 60%, in Belgien verbracht habe, wobei das eine Jahr in Eupen einfach nur gigantisch, einmalig war.

OD: Haben Sie heute noch etwas mit Fußball zu tun?

Gebauer: Ich bin nach wie vor Mitglied beim Bonner SC, bei dem ich seinerzeit meine Karriere beendet hatte. Ich betrachte Bonn auch immer als meine Heimatstadt, obwohl ich jetzt schon seit 23 Jahren hier in Budenheim bei Mainz lebe. Ansonsten habe ich funktionsmäßig mit dem Fußball nichts mehr zu tun.

OD: Und beruflich befinden Sie sich im Ruhestand?

Gebauer: Ich bin seit dem 1. September 2016 im Ruhestand, habe bis dahin bei den Bonner Stadtwerken gearbeitet.

OD: Haben Sie noch Kontakt zur AS Eupen?

Gebauer: Beim 60-jährigen Vereinsjubiläum im Jahre 2006 war ich in Eupen. Zum 70-Jährigen konnte ich nicht kommen. Ich sollte auch zur Beisetzung des früheren AS-Managers Paul Brossel nach Eupen gekommen sein. Ich hatte der Familie von Paul Brossel gesagt, dass ich kommen würde. Leider herrschte an dem Tag in der gesamten Region eine solche Straßenglätte, dass ich gar nicht bis Eupen gekommen bin. Ansonsten habe ich keine Kontakte zur AS mehr. Im Internet verfolge ich aber schon, was sich bei der AS tut.

OD: Die AS Eupen bestreitet am Mittwoch das Hinspiel im Pokalhalbfinale bei Zulte-Waregem. Sprechen wir mal über Ihr erstes Pokalendspiel 1973 mit dem 1. FC Köln.

Rainer Gebauer am Rheinufer in Bonn.

Gebauer: Das war das ominöse Endspiel im Düsseldorfer Rheinstadion, in dem sich Günter Netzer in der Verlängerung angeblich selbst einwechselte und kurz danach das Siegtor für Mönchengladbach erzielte.

OD: Sie selbst waren aber nicht in der Kölner Startelf, oder?

Gebauer: Nein, ich bin in der 71. Minute eingewechselt worden. Beim 1. FC Köln spielten damals noch Wolfgang Overath, Wolfgang Weber, Heinz Flohe, Bernd Cullmann und Hannes Löhr.

OD: Wieso sagen Sie, dass Günter Netzer sich „angeblich“ selbst eingewechselt habe? War dem nicht tatsächlich so?

Gebauer: Man hat immer behauptet, der damalige Trainer von Borussia Mönchengladbach, Hennes Weisweiler, sei sauer auf Netzer gewesen, weil dieser nach dem Saisonende nach Real Madrid wechselte. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich der Hauptgrund dafür war, dass Netzer das Spiel zunächst nur auf der Bank verfolgen durfte.

OD: Interessant. Und was war denn Ihrer Ansicht nach der Hauptgrund?

Gebauer: Über die Legendenbildung in Bezug auf die späte Einwechslung von Günter Netzer und dessen Siegtreffer hat man meiner Meinung nach ein bisschen die Wahrheit vergessen. Hennes Weisweiler war ein sehr sportlich orientierter Mensch. Ich glaube deswegen, dass er hauptsächlich aus rein sportlichen Gründen Netzer nicht von Beginn an spielen ließ. Wir vom 1. FC Köln hatten es nämlich bereits kurze Zeit vor dem Finale, am vorletzten Spieltag der Bundesliga-Saison 1972-1973, mit Borussia Mönchengladbach zu tun bekommen. Insgesamt haben wir in jener Saison fünf Mal gegen Gladbach gespielt: zwei Mal im Europapokal, zwei Mal in der Bundesliga und zuletzt dann im Pokalfinale.

OD: Und was ist Ihnen bei dem Spiel gegen Mönchengladbach am vorletzten Spieltag aufgefallen?

Gebauer: In diesem Spiel haben alle feststellen können, dass Günter Netzer einfach nicht mehr in Form war. Er war kräftemäßig am Ende. Meiner Meinung nach war dies der Hauptgrund, weshalb Weisweiler seinen damaligen Star nicht aufgestellt hatte. Der Netzer spielte zum Saisonende bei Gladbach fast keine Rolle mehr. Die Borussia hatte viele junge, talentvolle Spieler wie Kulik, Danner oder Stielike, auf die Weisweiler für die Zukunft setzte. Die waren auch alle ungemein schnell und konditionsstark. Netzer hingegen war von der Rolle.

OD: Und dass sich Netzer selbst einwechselte?

Gebauer: Das ist auch so eine Legendenbildung. Ich bin mir nicht sicher, dass sich Netzer gegen den Willen von Trainer Weisweiler selbst eingewechselt hat. Unter einem Hennes Weisweiler wechselt sich niemand selbst ein, auch ein Günter Netzer nicht.

OD: Der 1. FC Köln hatte zu jener Zeit eine großartige Mannschaft. Sie waren erst 21 Jahre alt und in der Saison in 19 Bundesligaspielen zum Einsatz gekommen. Warum sind Sie nicht in Köln geblieben und haben versucht, sich dort durchzusetzen, statt nach Belgien in die 2. Liga zu wechseln?

Der drei Minuten zuvor eingewechselte Mönchengladbacher Mittelfeldspieler Günter Netzer (rechts) erzielt aus vollem Lauf das 2:1 gegen den 1. FC Köln von Rainer Gebauer in der Verlängerung des DFB-Fußballpokalfinals am 23. Juni 1973 vor 69.900 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion. Die Kölner Gegenspieler Hannes Löhr (links) und Harald Konopka (Mitte) haben das Nachsehen. Foto: dpa

Gebauer: Das hat mehrere Gründe. Der wichtigste war wohl der, dass ich – wie jeder Fußballer – spielen wollte. Und der 1. FC Köln hatte gerade Dieter Müller für viel Geld verpflichtet. Und der spielte genau auf der Position, auf der ich mich am wohlsten fühlte. Bei der Vorbereitung auf die neue Saison in Japan, bei der ich noch dabei war, hat mir der damalige Kölner Trainer Rudi Schlott überdies gesagt: „Du kannst jetzt um die Position im Sturmzentrum kämpfen, aber im Moment sieht es für dich eher schlecht aus.“ Damit war für mich klar, dass ich mich besser nach einem anderen Verein umsehen sollte.

OD: Gab es damals noch andere Angebote als das von Eupen?

Gebauer: Schon. Rot-Weiß Oberhausen, Kickers Offenbach, Fortuna Düsseldorf… Aber mich reizte noch etwas anderes.

OD: Und was?

Gebauer: Ich wollte immer ins Ausland gehen. Meine Mutter war in China geboren, sie hatte 21 Jahre dort gelebt und ihren sechs Kindern immer von der großen weiten Welt erzählt. Wir sind als Kinder auch oft nach Frankreich gefahren, haben Europa bereist. Das hatte mir immer sehr gefallen. Eupen war zwar jetzt nicht unbedingt „die große weite Welt“, aber es war trotzdem ein anderes Land mit einer anderen Sprache, auch wenn in Eupen viel Deutsch gesprochen wurde. Der Wechsel nach Eupen hat mich also schon sehr gereizt, als ich erstmals vom Sohn des Herrn Wintgens – zu jener Zeit einer der Gönner der AS Eupen – kontaktiert wurde. Der wohnte in Bonn und hat dort, glaube ich, auch studiert. Er hat mich dann angesprochen. So kam der Transfer nach Eupen zustande. (cre)

Den 2. Teil des Interviews mit Rainer Gebauer sowie einen allgemeinen Vorbericht zum Interview lesen Sie unter folgenden Links:

Rainer Gebauer: „Nach Charleroi zu wechseln, war ein Fehler“ [2. Teil]

Siehe auch Artikel „Rainer Gebauer, bester AS-Spieler aller Zeiten, stand zweimal in einem Pokalfinale – Interview mit Ostbelgien Direkt“

 

6 Antworten auf “Rainer Gebauer: „Das Jahr in Eupen war gigantisch, einmalig“ [1. Teil]”

  1. Es ist schön, noch einmal etwas von Rainer Gebauer zu hören bzw. zu lesen. Die damalige Euphorie um die AS Eupen bzw. um den Stürmerstar Gebauer war riesig. Seine unwiderstehlichen Sololäufe und seine immense Torgefährlichkeit bleiben unvergessen.
    Die Saison 1973-74 war die schönste Spielzeit der AS Eupen, die ich persönlich je erlebt habe.
    Danke für das interessante Interview mit Rainer Gebauer.

    • AS-FAN-KELMIS

      Genau, richtig , und diese Saison war meine erste als Fan der AS.Unvergesslich, einmalig, trotz des faden Beigeschmacks im letzten Spiel in Lokeren wo Schiri Schaut uns betrogen hatte. Darauf sollten bisher weitere 43 Spielzeiten folgen und hoffentlich noch viele ,viele mehr…….EINMAL AS IMMER AS !!!!!!

  2. Hinweis: Die Lupe zeigt am Donnerstag, 2. Februar, um 20 Uhr in Eupen, Neustraße 93, im Rahmen des Filmabends „Eupen von 1920 bis 1974 in alten Filmen“ bewegte Bilder der AS Eupen (ca. 12 Minuten) aus dem Jahr 1974. Gezeigt werden Höhepunkte der Spiele gegen Tongern (vor 7.500 Zuschauern), in Lokeren (knappe unverdiente 1-2 Niederlage im letzten entscheidenden Match) sowie von der anschließenden Auftstiegsrunde. Sicherlich ein interessantes Angebot für alle, die damals diese großartige Saison der AS Eupen miterlebt haben. Das Filmmaterial stammt übrigens von dem flämischen Fernsehsender VRT.

  3. Fußballkritiker

    Damals identifizierte sich der Eupener Fußballfan viel mehr mit der Mannschaft als heute. Seinerzeit gab es noch talentierte „Eigengewächse“ wie etwa Günter Brüll oder begabte Fußballer aus der Nachbarschaft wie etwa José Ordonnez, Francis Pomini (Welkenraedt) und Armand Thaeter (Kelmis). Darüber hianus hatte der Eupener Fußballfan immer viel Sympathie für deutsche Fußballer wie etwa Helmut Graf, Ulrich Kallius und Rainer Gebauer, dessen Tricks und Tore fast den Weg ins belgische Oberhaus geebnet hätten. Solche Identifikationsfiguren fehlen heute in Eupen …

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