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Rainer Gebauer: „Nach Charleroi zu wechseln, war ein Fehler“ [2. Teil]

Die Mannschaft des SC Charleroi vor dem Pokalfinale am 21. Mai 1978 im Brüsseler Heyselstadion gegen den SK Beveren, das die "Zebras" mit 0:2 verloren. Rainer Gebauer erkennt man in der hinteren Reihe (stehend) ganz links. Foto: Belga

„Ostbelgien Direkt“ veröffentlicht an dieser Stelle den 2. TEIL des Interviews mit Rainer Gebauer, dem ehemaligen Stürmerstar der AS Eupen. Der heute 65-Jährige spricht über seine Zeit in Eupen und die folgenden 6 Jahre beim SC Charleroi, mit dem er 1978 ebenfalls das Pokalfinale erreichte (gegen den SK Beveren) – sein zweites nach dem von 1973 mit dem 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach (siehe dazu 1. TEIL).

Nachfolgend TEIL 2 des Interviews mit Rainer Gebauer im vollen Wortlaut:

OD: Herr Gebauer, im 1. TEIL unseres Gesprächs haben Sie berichtet, was Sie 1973 dazu bewogen hatte, nicht beim 1. FC Köln zu bleiben und auch nicht nach Oberhausen, Offenbach oder Düsseldorf zu gehen, sondern nach Belgien zur AS Eupen zu wechseln. War die damalige Entscheidung auch aus heutiger Sicht richtig?

Gebauer: Absolut. Wie ich schon gesagt habe, hatte ich in Eupen ein Wahnsinnsjahr. Wir hatten Erfolg, und die Atmosphäre in Eupen war so, wie man sich das als Fußballer wünscht.

OD: Mit welchen Spielern hatten Sie damals in Eupen einen engeren Kontakt?

Rainer Gebauer (3.v.links) mit anderen Neuzugängen der AS Eupen vor der Saison 1973-1974. Foto: Die Lupe

Gebauer: Ich hatte von Beginn an ein gutes Verhältnis zu Gerd Prokop. Mit der Zeit verstand ich mich sehr gut mit Sigi Ziembicki. Ich hatte den Eindruck, dass auch die anderen Spieler mich mochten, ebenso Trainer Hubert Vandormael, mit dem ich keinerlei Probleme hatte.

OD: Leider wurde der Aufstieg in die 1. Division im letzten Meisterschaftsspiel in Lokeren knapp verpasst. Trotz einer 1:0-Führung verlor Eupen unglücklich mit 1:2. Sie selbst kamen in diesem entscheidenden Spiel nicht so zur Geltung wie sonst. Warum?

Gebauer: Am drittletzten Spieltag in Boom hatte ich mir eine Verletzung zugezogen, die mir noch in Lokeren und auch anschließend in der Aufstiegsrunde zu schaffen machte.

OD: In der Endrunde, die Eupen obendrein wegen der Umbauarbeiten im Kehrweg-Stadion im „Panorama“ in Verviers bestreiten musste, brachte die AS nichts mehr zustande.

Gebauer: In der Endrunde war für uns die Luft raus. Normalerweise hätte Eupen keinen Gegner fürchten müssen, doch nach der Niederlage in Lokeren hätte die AS wahrscheinlich nicht einmal mehr gegen den schlechtesten Verein der 2. Division gewonnen, so kaputt waren alle. Schon wegen meiner Verletzung war ich selbst nicht mehr in der Lage, eine einigermaßen vernünftige Leistung abzurufen.

OD: Nach einem Jahr in Eupen sind Sie nach Charleroi gewechselt. Heute behaupten Sie, dies sei ein Fehler gewesen. Weshalb?

Gebauer: Ich war bis dahin immer relativ unabhängig vom Fußball gewesen. Ab 1974 und vor allem ab 1976, als ich in Charleroi verlängert habe, machte ich mich jedoch abhängig, und das ist mir damals nicht gut bekommen. Als ich 1980 zu Racing Jet wechselte, dann ging es schon besser, auch wenn die Zeit in Brüssel sportlich ein Fiasko war. Als ich dann aber nach Bad Honnef und später zum Bonner SC ging, wo ich nicht mehr so stark von Fußball abhängig war wie in der Zeit in Charleroi, ging’s mir noch besser.

OD: Sie haben ja trotzdem sportlich in Charleroi gute Jahre gehabt.

Rainer Gebauer (links) im AS-Trikot im vorletzten Meisterschaftsspiel gegen Turnhout, das wegen der Umbauarbeiten im Kehrweg-Stadion im Städtischen Stadion stattfand. Foto: Die Lupe

Gebauer: Ja, schon. Die Menschen in Charleroi mochte ich auch, und sportlich war es ebenfalls ok. Nur im Verein selbst liefen seltsame Dinge ab. Das war schon krass. Irgendwie hat der Verein mich krank gemacht, obwohl ich phasenweise sehr erfolgreich war. In Charleroi ist damals viel „unter der Hand gelaufen“. Damit meine ich nicht so sehr das Finanzielle, sondern überall im Verein passierten merkwürdige Dinge.

OD: In der Saison 1975-1976 wären Sie sogar mit 20 Treffern fast Torschützenkönig der 1. Division geworden, nur Hans Posthumus (Lierse) und der damalige Weltstar Rob Rensenbrink (Anderlecht) trafen häufiger als Sie. Und 1977 wollte sogar der FC Brügge von Ernst Happel Sie verpflichten.

Gebauer: Der FC Brügge war zu jener Zeit, genauso wie der RSC Anderlecht, ein europäischer Topverein, er stand sogar 1978 im Endspiel des Europapokals der Landesmeister. Der Transfer nach Brügge scheiterte an der hohen Ablösesumme, die Charleroi forderte.

OD: Es wäre also besser für Sie gewesen, spätestens nach zwei Jahren von Charleroi wegzugehen? Stattdessen haben Sie verlängert.

Gebauer: Ja, das war ein Fehler. Als ich im ersten Jahr in Charleroi war, habe ich mal Hennes Weisweiler getroffen, der zu jener Zeit nicht mehr Trainer von Borussia Mönchengladbach war, sonderm meines ehemaligen Vereins 1. FC Köln. Der wusste über mich alles. Damals gab es noch kein Internet, trotzdem hatte er akribisch Buch geführt über meine Statistiken in Eupen und in Charleroi sowie über andere Spieler, die ihn interessierten. Und Weisweiler hat damals in echtem Kölsch zu mir gesagt: „Jung, Dich hätte ich niemals nach Belgien ziehen lassen.“

OD: Sie glauben also, dass wenn Sie frei gewesen wäre, Sie gute Chancen gehabt hätten, zum 1. FC Köln zurückzukehren. Köln hatte damals ja eine Topmannschaft, die 1978 sogar Deutscher Meister wurde, u.a. mit dem Ex-Brügger Roger Van Gool.

Gebauer: Ich weiß es nicht, weil es damals zu keinem Zeitpunkt zu Gesprächen gekommen ist. Ich habe nur nachher gedacht, dass die Möglichkeit bestanden hätte, nach Köln zurückzukehren oder vielleicht zu einem anderen belgischen Verein zu gehen. Belgien hatte ja damals einige europäische Spitzenclubs wie Anderlecht, FC Brügge oder RWDM. Vielleicht hätte mir auch ein Wechsel zu einem flämischen Klub gut getan.

Rainer Gebauer mit einigen Erinnerungsfotos.

OD: Ein letztes Wort noch zu dem Pokalendspiel 1978 mit Charleroi gegen den SK Beveren, der damals sehr stark war und 1979 sogar Landesmeister wurde. Charleroi verlor 0:2.

Gebauer: Das Pokalendspiel im Heysel habe ich noch gut im Gedächtnis. Ich muss in aller Bescheidenheit auch sagen, dass ich damals Charleroi fast im Alleingang fürs Endspiel qualifiziert habe. Wir haben im 1/8-Finale sogar den RSC Anderlecht im Eltmeterschießen ausgeschaltet. In der ersten Runde waren wir übrigens auch auf die AS Eupen getroffen. Ich habe in dieser Saison 1977-1978 in der Meisterschaft und im Pokal nur ein richtig schlechtes Spiel gemacht, und das war ausgerechnet dieses Endspiel in Brüssel gegen Beveren.

OD: Und was war der Grund?

Gebauer: Schwer zu sagen. Ich war die ganze Zeit wie gehemmt. Ich war Mannschaftskapitän in Charleroi. Vielleicht wollte ich alles zu gut machen. Ich fühlte mich die ganze Zeit nicht wohl. Beveren hatte zu jener Zeit sehr gute Spieler wie Pfaff im Tor oder auch Spieler wie Van Genechten, Hofkens, Schönberger, Janssens… Das 0:2 entsprach dem Spielverlauf. Schade vor allem für unsere Fans. Von den 34.000 Zuschauern im Stadion waren 22.000 aus Charleroi. 76 Busse waren aus Charleroi gekommen. Entsprechend groß war die Enttäuschung nach dem Spiel. (cre)

Racing Jet, Bad Honnef, Bonner SC

Rainer Gebauer  blieb danach noch zwei Jahre in Charleroi, jedoch „war die Luft raus“, wie er meinte. 1980 wechselte er mit 29 Jahren zu Racing Jet Brüssel.

1982 kehrte Rainer Gebauer nach neuneinhalb Jahren in Belgien nach Deutschland zurück. Zwei Jahre spielte er beim FV Bad Honnef und dann noch drei Jahre beim Bonner SC.

Danach war er bei einigen Amateurvereinen als Spielertrainer bzw. als Trainer tätig. Im Alter von 47 Jahren war dann endgültig Schluss. (cre)

Den 1. TEIL des Interviews mit Rainer Gebauer sowie einen allgemeinen Vorbericht zum Interview finden Sie unter folgenden Links:

Rainer Gebauer: „Das Jahr in Eupen war gigantisch, einmalig“ [1. Teil]

Rainer Gebauer, bester AS-Spieler aller Zeiten, stand zweimal im Pokalfinale – Interview mit „Ostbelgien Direkt“

5 Antworten auf “Rainer Gebauer: „Nach Charleroi zu wechseln, war ein Fehler“ [2. Teil]”

  1. Pensionierter Bauer

    Ja, das war eine richtig geile Zeit. Damals zitterten sogar die Menschen in den umliegenden Dörfern mit der AS. Ein Teil der Spieler waren ostbelgische Eingeborene und nicht nur die Trikots der AS waren weiß.Ich denke dass seinerzeit mehr Zuschauer im Stadion waren als heute, denn am TV sieht man immer nur äußerst spärlich besetzte Ränge.

  2. Nostalgiker

    Herzlichen Dank für das spannende Interview mit Rainer Gebauer, den die älteren Eupener Fußballfans (etwa ab Jahrgang 1960) nie vergessen werden. Der schlacksige Blondschopf hatte fußballerisch viel auf dem Kasten: trickreich, antrittsschnell und bei seinen herrlichen Soli geschmeidig trotz seiner Körpergröße. Sporting Charleroi war damals sicherlich nicht die beste Wahl. Bei Anderlecht oder Brügge hätte er als fußballerisches Naturtalent in den 1970er Jahren ein ganz Großer werden können.

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