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Er war stets ein großer Ritter: Alfred Bourseaux mit 97 Jahren gestorben – Nachruf von Freddy Derwahl

Ritter Alfred Bourseaux. Foto: OD

Der langjährige Generaldirektor und Verwaltungsratspräsident der Eupener Kabelwerk AG, Ritter Alfred Bourseaux, ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Journalist und Schriftsteller Freddy Derwahl.

Alfred Bourseaux hat sich bis ins hohe Alter seine Ritterlichkeit bewahrt. Er war eine seltene Mischung aus Fleiß, Verantwortlichkeit und Heimatliebe. Dass er sich darüber nicht selbst rühmte, zählt zu einer Demut, die nach einem solchen Lebenslauf an sich eine Ausnahme ist.

Seinen Vater, den „alten Herrn“ Carl Bourseaux, verehrte er als Vorbild. Er war ein nicht nur Eupener, sondern belgischer Industrie-Pionier, der mit seiner Erfindung von resistenten, mit Tuch umwickelten Kupferdrähten nicht nur europaweit, sondern weltweit gefragt wurde. Er war ein feiner, hochbegabter, jedoch bescheidener Industrieller, den die alten Eupener als „dr Här“ verehrten.

Ritter Alfred Bourseaux (l) und F.C. Bourseaux. Foto: OD

Am liebsten erzählte der Ritter, der auch Präsident der Industrie- und Handelskammer gewesen war, von seiner Mutter, einer charismatischen, aus dem rheinischen Bonn stammenden Frau, die es zu Beginn des vergangenen noch frauenfeindlichen Jahrhunderts zur diplomierten Turnlehrerin gebracht hatte. Ihr jüngster Sohn hat sie als gütige und weitblickende Mama in Erinnerung bewahrt.

– Die Volksschule in der Unterstadt: Ihrer Entscheidung entsprach sein Schulweg, der ihn von der Villa am Lascheterweg täglich in kurzer Hose und hohen Schuhen in die Unterstädter Volksschule im Scheiblerhaus hinter der Weserbrücke führte. Es war sozialer Weitblick: Die kluge Dame wollte, dass aus ihrem Alfredchen nicht ein blasierter Gymnasiast wurde, sondern ein waschechter Eupener Junge, der statt einer Fremdsprache zunächst das kernige Oepener Platt lernte.

In der damals zwischen dem deutschen Reich und dem Königreich Belgien lavierenden Bevölkerung musste der Volksschüler Rede und Antwort stehen: „Bourseaux met weem hölste?“ Der diplomatische Knabe antwortete spitzbübisch: „Met jen Händ.“ Auch musste er sich anhören: „Bourseaux, wat deeste hie, du oberstädter Krau…“

Der Ritter hat sich seiner perfekt fließenden Mundart nie geschämt und rezitierte wiederholt ein vielstrophiges Gedicht von vier am „Büffet“ wetteifernden Saufgenossen und fügte, seine Hand vor dem Mund legend, hinzu: „Es ist wohl nicht ganz stubenrein…“ Plattkenntnisse benutzte er, auch wenn er scheidenden Betriebsangehörigen ein „Kuvert“ übergab und sich auf Platt bedankte. Raerener, Kelmiser und luxemburgisches Platt im Släng inklusive.

12.09.2023, Belgien, Eupen: Henri (l-r), Großherzog von Luxemburg, König Philippe von Belgien und der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begrüßen Ritter Alfred Bourseaux von der Kabelwerk Eupen AG. Foto: Benoit Doppagne/Belga/dpa

– Pferde waren seine lebenslange Leidenschaft: Sehr früh hat er sich für die Landwirtschaft begeistert, bei Stockemer Bauern ausgeholfen und sogar einmal beim Melken assistiert. Er erinnerte sich noch an den Milchgeschmack. Seine Tierliebe rührte daher. Vor allem die Pferde hatten es ihm lebenslang angetan. Täglich hatte er auf dem Heimweg die von Pferden gezogenen Holzfuhrwerke bewundert, die vom Olengraben bis zur Pferdetränke am alten Waisenhaus von den kräftigen Tieren gezogen wurden. Dass er bald reiten lernte, lag in der Natur der Sache, doch legte er auch Wert darauf, nie vom Pferd gestürzt zu sein; die gespitzten Ohren hatten ihn vorgewarnt. Mit seinem munteren Onkel fuhr er durch Bonn in der Postkutsche. Tiere und das bescheiden Bäuerliche wurden zu seiner Leidenschaft.

Doch dann trafen die wohlhabende Industriellenfamilie schwere Schicksalsschläge. Seine zwei älteren Brüder fielen an der Ostfront oder wurden als vermisst gemeldet. Einer hatte ihm zum Abschied gesagt: „Jetzt muss ich wieder zurück in den Wahnsinn.“ Heinz war Mediziner, Paul war als Kabelwerk-Direktor vorgesehen. Alfred wurde mit vielen Altersgenossen zur Wehrmacht an der Flack eingezogen.

Fast wäre ihm dieser Dienst zum Verhängnis geworden, denn er hatte es gewagt, nach dem gescheiterten Hitler-Attentat zu sagen: „Schade“. Eine angedrohte Verhaftung durch die Gestapo blieb ihm dank einer Intervention von Gert Noël beim Eupener NS-Bürgermeister Rexroth erspart.

Die kritische Haltung verdankte er dem Eupener Textilindustriellen Theodor Küchenberg, der jeden Samstag bei seinen Eltern zum Tee erschien und seine Ablehnung des „Führers“ selbst bei Privatgesprächen kaschieren musste und statt „Adolf“ (Hitler) stets „Arnold“ sagte.

Als Alfred sich dagegen wehrte, die Leitung des Kabelwerkes anzutreten und, seiner Berufung folgend, ein landwirtschaftliches Gut in den Wiesen des Eupener Landes zu übernehmen, legte der besorgte Herr Küchenberg an der Haustüre die Hand um seine Schulter und flüsterte: „Junger Mann, ihre Sehnsucht in Ehren, aber das dürfen sie ihren trauernden Eltern nicht antun.“ So nahmen sein Leben und die Industriegeschichte seiner geliebten Vaterstadt, deren Ehrenbürger er noch werden sollte, einen ganz anderen Lauf.

Ritter Alfred Bourseaux (l) im Gespräch mit der österreichischen Botschafterin Elisabeth Kornfeind (2vr), Alexander Miesen (2vl) und Ministerpräsident Oliver Paasch (r) im Juli 2018. Foto: Kabinett Paasch

– Das „Kabeles“ als Eupener „Brotschrank: Außer seinem Platt beherrschte er auch Englisch und Französisch. Vor allem erinnerte sich gerne an seine Pensionatszeit im schweizerischen Fribourg und an erste große Reisen, die ihn nach Kanada, in die USA und in die damalige belgische Kolonie Kongo geführt hatten. Doch immer blieb er mit Eupen verbunden, vor allem mit der Haas, von der jeden Tag hunderte Werktätige im „blauen Stübb“ über dem Pang zur Schicht zogen. Zusammen schafften sie, auch durch manchen Arbeitskampf, ihr „Kabeles“ zu einem Weltunternehmen und in der Heimatstadt Eupen zum „Brotschrank“ zu machen.

Als er sich in sein Anwesen oben in Stockem zurückzog, blieben ihm die geliebten Pferde, denen er weiter eine ganze wissenschaftliche Forschung widmete. Schließlich im Rollstuhl umgab er sich mit Büchern. Viel Zeitgeschichte war dabei, auch über die Schrecken der KZ und Folterstätten im III. Reich. Entsetzt fragte er sich immer wieder, „wie ein so großes Volk dazu fähig gewesen war“. Am Sonntagnachmittag durfte ich ihn zu immer lehrreichen Begegnungen besuchen.

Bewundernswert war sein enormes weit zurückreichendes Gedächtnis und seine gütige Solidarität mit notleidenden Menschen. Dann schaltete er das Fernsehen aus und wollte mehr über Kunst und Literatur erfahren: Für Paul Celan, Heinrich Heine, Martin Heidegger, Guillaume Apollinaire oder James Joyce hegte er ein besonderes Interesse.

Auch war er als stiller Christ an Heiligenbiografien und zeitgenössischer Kirchengeschichte interessiert. Jeden Monat sollte ich ihm das „Vatican-Magazin“ ins Haus bringen. Die Laudatio von Martin Kehlmann auf Salman Rushdie anlässlich der Verleihung des renommierten Preises des deutschen Buchhandels auf der Frankfurter Buchmesse hat ihn ebenso begeistert wie das Pferdekutschen-Defilee zur Eröffnung des Oktoberfestes in München. Für die intakte Natur in Eifel und Ardennen hegte er eine besondere Sympathie.

Schriftsteller und Autor Freddy Derwahl. Foto: Caterina Derwahl

– Im VW-Büschen zum „Betrieb“: Zwei Ratschläge eines belgischen Offiziers, der nach dem Krieg bei ihnen logierte, hat er sich besonders gemerkt: „Alfred, im Zweifel musst du dich enthalten“ sowie „Du musst eine Politik der Anwesenheit praktizieren.“

So war es nicht erstaunlich, dass sich unser Ritter selbst nach Krankenhaus-Aufenthalten noch täglich in einem Rollstuhl im Fond eines VW-Büschens zu seinem Schreibtisch im „Betrieb“ chauffieren ließ.

Sein letztes Schreiben war an den deutschen Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier, Spreeweg, Berlin, gerichtet. Ein Dankesbrief mit einer Fotosammlung zum Besuch der deutschsprachigen Staatsoberhäupter in Eupen.

In der wechselhaften Geschichte Ostbelgiens das herausragendste Ereignis. Am Festessen mit dem König konnte er schon nicht mehr teilnehmen. Doch flüsterte er im Rollstuhl den sich zu ihm beugenden Bundespräsidenten von Deutschland und Österreich noch etwas ins Ohr. Dann ließ er sich wieder in sein geliebtes Stockem fahren und lächelte: „Iech hann hönne eh paar Ameröllche verteld. Psst, Staatsgeheimnis.“ FREDDY DERWAHL

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