Die Eupener Wesertalsperre rückt in diesem Sommer in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Am 30. Juni 2026 jährt sich zum 75. Mal die Einweihung der Aufbereitungsanlage und im Juli zum 90. Mal der erste Spatenstich für den Bau der Staumauer (1936).
Als am 30. Juni 1951 Tausende Menschen zur feierlichen Einweihung der Wesertalsperre nach Eupen kamen, wurde ein Bauwerk seiner Bestimmung übergeben, das bis heute zu den bedeutendsten Infrastrukturprojekten Belgiens zählt.
Die Staumauer im Tal der Weser war das Ergebnis jahrelanger Planungen und einer Bauzeit, die durch den Zweiten Weltkrieg erheblich verzögert worden war. Mit ihrer Fertigstellung erhielt Ostbelgien nicht nur ein technisches Meisterwerk, sondern auch die Grundlage für eine sichere Trinkwasserversorgung weit über die Region hinaus.
An dieses außergewöhnliche Kapitel regionaler Geschichte erinnert heute das Buch „Bau des Komplexes der Wesertalsperre in Eupen – Construction du complexe du barrage de la Vesdre à Eupen“ des Eupeners Rodolphe (Rudy) Collienne. Der heute 84-jährige Autor, der viele Jahre in der Wasseraufbereitung und später in leitenden Funktionen der wallonischen Wasserwirtschaft tätig war, verbindet darin persönliche Fachkenntnis mit sorgfältiger historischer Recherche.

Eine Aufnahme aus dem Jahr 1949: Blick von der Wasserseite auf die imposante Staumauer, die ihre maximale Höhe erreicht hat und sperrt das Tal absperrt. Foto: privat
Besonders bemerkenswert ist die zweisprachige Ausgestaltung des Werkes. Sämtliche Texte sind sowohl in deutscher als auch in französischer Sprache verfasst. Damit macht Collienne die Geschichte der Wesertalsperre einem breiten Publikum zugänglich und schlägt zugleich eine Brücke zwischen den Sprachgemeinschaften Belgiens.
Das Buch zeigt eindrucksvoll die Dimensionen eines Projekts, das zur Zeit seiner Entstehung als technische Pionierleistung galt. Die Wesertalsperre wurde als Gewichtsstaumauer errichtet, die dem Druck der Wassermassen allein durch ihr Eigengewicht widersteht. Die Mauer erhebt sich mehr als 60 Meter über dem Talboden und besitzt an ihrer Basis eine Stärke von über 50 Metern. Für den Bau mussten rund 300.000 Kubikmeter Erdreich bewegt und mehr als 450.000 Kubikmeter Beton verarbeitet werden.
Die logistischen Herausforderungen waren gewaltig. Täglich wurden mehrere Tausend Tonnen Baumaterial zur Baustelle transportiert. Zu diesem Zweck entstanden spezielle Transportanlagen und Werkbahnen. Nach den kriegsbedingten Unterbrechungen trugen zahlreiche ausländische Arbeiter, darunter rund 600 Italiener, wesentlich zur Vollendung des Bauwerks bei.
Heute verfügt der Stausee über ein Fassungsvermögen von rund 25 Millionen Kubikmetern Wasser. Gespeist wird er durch die Weser und den Getzbach sowie durch Wasser der Hill, das über einen eigens angelegten Zuleitungstunnel in den Stausee gelangt. Die Anlage entwickelte sich zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Trinkwasserversorgung für weite Teile der Provinz Lüttich und darüber hinaus.
Zahlreiche historische Fotografien, technische Zeichnungen und bislang wenig bekannte Dokumente machen Colliennes Werk zu einer wertvollen Quelle für alle, die sich für die Geschichte Eupens, des Hohen Venns und der Wasserwirtschaft interessieren. Der Autor schildert nicht nur die planerischen und technischen Herausforderungen, sondern würdigt auch die Menschen, die durch ihren Einsatz zur Verwirklichung dieses Jahrhundertprojekts beitrugen.
Zur Geschichte der Wesertalsperre gehört jedoch auch ein dunkles Kapitel. Die verheerende Flutkatastrophe vom 14. und 15. Juli 2021, die das gesamte Wesertal erschütterte und zahlreiche Menschenleben forderte, rückte die Talsperre erneut in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Die Rolle des Stausees während dieser dramatischen Stunden wurde intensiv diskutiert und wissenschaftlich untersucht. Die Ereignisse machten deutlich, welche zentrale Bedeutung die Anlage für die Region besitzt und vor welchen Herausforderungen die Wasserwirtschaft angesichts zunehmender Extremwetterereignisse steht.
Gerade deshalb ist das Buch von Rodolphe Collienne weit mehr als ein Rückblick auf die Vergangenheit. Es dokumentiert die Entstehung eines Bauwerks, das seit mehr als sieben Jahrzehnten das Leben im Wesertal prägt und dessen Bedeutung bis in die Gegenwart reicht. Wer die Geschichte der Wesertalsperre verstehen möchte, findet in dieser deutsch-französischen Veröffentlichung eine ebenso fundierte wie anschauliche Darstellung eines der größten technischen Projekte, die Ostbelgien jemals erlebt hat. (cre)
Erhältlich ist die Veröffentlichung (35 Euro) im Buchhandel, in den Geschäftsstellen von GE-Media sowie beim Autor selbst. Rudy Collienne ist — auch für weitere Informationen — per Mail unter colliennerudy@belgacom.net zu erreichen.
Öffentliche Führung an der Wesertalsperre am 5. Juli 2026
Am 5. Juli laden der Rat für Stadtmarketing und die Tourist Info Eupen zu exklusiven Führungen durch die Wesertalsperre und die Wasseraufbereitungsanlage ein. Startpunkt ist die Mauerkrone mit Blick auf die Schleusentore. Von dort geht es tief in das Innere der Staumauer, die rund 20 Millionen Kubikmeter Wasser zurückhäl. Anschließend folgt die Besichtigung der nahegelegenen Anlage, in der täglich 50.000–70.000 Kubikmeter Trinkwasser aufbereitet werden – unter anderem mit moderner Nanofiltration und ohne Pumpeneinsatz.
Die Führung vermittelt eindrucksvoll Technik, Natur und die Bedeutung des Wassers für die Region. Sie dauert ca. 2 Stunden. Treffpunkt an den Schleusentoren Wesertalsperre (Uhrzeit nach Absprache, Gruppenweise).
Eine Anmeldung ist erforderlich bei Tourist Info Eupen / Rat für Stadtmarketing – 087/553450 – info@rsm-eupen.be (inkl. Namen & Nationalregisternummer). Die Teilnahmegebühr beträgt 10 Euro (Kinder bis 12 Jahre 8 Euro). Zahlung in bar, mit Karte oder per Überweisung (BE25 7312 0050 0082). Teilnahme auf eigene Gefahr, kein Fotografieren im Inneren, keine Hunde. Die Plätze sind begrenzt und nur nach Anmeldung und Zahlung gesichert. (cre)


Es gibt leider nicht nur ein dunkles Kapitel. Denn mit dem Bau starben auch schon einige junge Männer. Hoffe das diese nicht im Buch vergessen wurden.