Eine Sonnenfinsternis ist mehr als ein astronomisches Ereignis. Seit Jahrtausenden fasziniert und verunsichert sie die Menschen. Für unsere Vorfahren konnte sie ein Zeichen der Götter sein, heute können wir sie auf die Sekunde genau berechnen. Und doch hat das Schauspiel nichts von seiner Magie verloren.
Tim und Kapitän Haddock stehen auf dem Scheiterhaufen. Vor ihnen die Priester des Sonnentempels, hinter ihnen die Anden. Die Situation scheint aussichtslos. Da erinnert sich Tim an eine Zeitungsnotiz: Eine Sonnenfinsternis steht bevor. Er weiß, was passieren wird – die anderen wissen es nicht.
Dann beginnt sich der Himmel zu verändern. Das Licht wird schwächer, die Sonne verschwindet langsam hinter dem Mond. Für die Menschen im Sonnentempel ist das kein astronomisches Ereignis, sondern ein Zeichen. Der Sonnengott selbst scheint einzugreifen. Ausgerechnet Tim, der als Gefangener dem Tod geweiht ist, gewinnt dadurch eine beinahe übernatürliche Macht. Er bittet darum, dass die Sonne wieder erscheinen möge. Wenig später kehrt das Licht zurück.
Hergés „Der Sonnentempel“ nutzt hier einen uralten menschlichen Gedanken: Wer versteht, was am Himmel geschieht, kann für diejenigen, die es nicht verstehen, wie ein Zauberer wirken. Die Sonnenfinsternis wird zum dramatischen Wendepunkt der Geschichte – und erinnert gleichzeitig daran, welche Macht der Anblick einer verschwindenden Sonne auf Menschen seit jeher ausgeübt hat.
Für unsere Vorfahren muss eine Sonnenfinsternis ein zutiefst beunruhigendes Erlebnis gewesen sein. Die Sonne bedeutete Licht, Wärme und Leben. Ihr Verschwinden mitten am Tag widersprach der vertrauten Ordnung der Welt. Wo eine wissenschaftliche Erklärung fehlte, entstanden Geschichten. In verschiedenen Kulturen erzählte man von Wesen, die Sonne oder Mond verschlingen: von Drachen, Jaguaren oder anderen mythischen Kreaturen. Im alten China sollte beispielsweise ein Drache die Sonne angreifen; mit Trommeln und Lärm versuchte man, ihn zu vertreiben.
Doch unsere Vorfahren beobachteten den Himmel keineswegs nur aus Angst. Schon frühe Kulturen entwickelten erstaunliche astronomische Kenntnisse. Die Maya etwa führten genaue Kalender und beobachteten die Bewegungen der Himmelskörper. Mit zunehmendem Wissen wurde die Finsternis vom vermeintlichen Zeichen der Götter zu einem berechenbaren Naturereignis.

Im Tim-und-Struppi-Band „Der Sonnentempel“ (hier das Cover) von Hergé spielt eine Sonnenfinsternis eine entscheidende Rolle. Foto: Amazon
Heute wissen wir genau, was geschieht: Der Mond schiebt sich zwischen Erde und Sonne und verdeckt sie für kurze Zeit. Wir können eine Sonnenfinsternis auf die Sekunde berechnen und wissen, wo der Schatten des Mondes über die Erde ziehen wird. Trotzdem reisen Menschen Tausende Kilometer, um eine totale Sonnenfinsternis zu erleben. Denn wenn mitten am Tag die Dunkelheit hereinbricht und um die schwarze Mondscheibe die leuchtende Sonnenkorona erscheint, bleibt etwas vom Gefühl des Unerklärlichen zurück. Vielleicht liegt genau darin die besondere Faszination. Wir wissen, dass es kein Wunder ist – und trotzdem fühlt es sich ein wenig so an.
Genau mit diesem Gefühl spielt Hergé in „Der Sonnentempel“. Tim kennt die astronomische Erklärung und kann deshalb etwas vorhersehen, das für die anderen wie ein übernatürliches Zeichen wirkt. Damit schließt sich ein faszinierender Kreis: Für unsere Vorfahren konnte die Sonnenfinsternis eine Botschaft der Götter sein, für den Astronomen wurde sie zu einem berechenbaren Naturereignis und für Hergé zum dramaturgischen Höhepunkt eines Abenteuers.
Wir können erklären, warum die Sonne verschwindet. Wir können berechnen, wann sie wiederkommt. Aber wenn es mitten am Tag plötzlich dunkel wird, tun wir noch immer das, was Menschen seit Jahrtausenden tun: Wir schauen nach oben und staunen… (vm)
Zum Thema siehe auch folgenden Artikel auf OD:
