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OD zu Gast bei der „Ostbelgierin des Jahres 2020“: Francine Wickler machte aus der Not eine Tugend

Francine Wickler in der Küche ihres Restaurants „Le Jardin“ in Oudler. Foto: OD

Vor gut anderthalb Monaten wurde Francine Wickler von den Lesern von „Ostbelgien Direkt“ zur „Ostbelgierin des Jahres 2020“ gewählt. Am Samstag stattete OD ihr in Oudler einen Besuch ab und führte mit ihr ein Interview.

Francine Wickler wurde für ihre Initiative „Genuss gegen die Einsamkeit“ von den meisten der über 3.000 Teilnehmer zur „Ostbelgierin des Jahres 2020“ gewählt.

Statt sich über die seit dem 18. Oktober 2020 geltende Zwangsschließung der Horeca-Betriebe im Rahmen der Corona-Maßnahmen zu beklagen, machte die Eigentümerin und Chefköchin des Restaurants „Le Jardin“ in Oudler aus der Not eine Tugend.

Francine Wickler (l), „Ostbelgierin des Jahres 2020“, im Gespräch mit OD-Herausgeber Gerard Cremer (r) bei sonnigem Wetter auf der Terrasse ihres Restaurants „Le Jardin“ in Oudler. Foto: OD

Die 41-jährige Chefköchin bereitete an Heiligabend 130 „Menüs gegen die Einsamkeit“ vor, die kostenlos an alleinstehende und bedürftige Menschen in ganz Ostbelgien geliefert wurden. Dabei wurde sie von rund 25 Helfern sowie einigen Spendern tatkräftig unterstützt.

Die Aktion wurde eine Erfolgsgeschichte. Francine Wickler, Jahrgang 1979, hat mit der sehr aufwendigen Initiative „Genuss gegen Einsamkeit“ viel Dankbarkeit erfahren. Ein Ausdruck von Dankbarkeit war dann danach auch ihre Wahl zur „Ostbelgierin des Jahres 2020“. Nachfolgend das Gespräch, das „Ostbelgien Direkt“ am letzten Samstag in Oudler mit Francine Wickler führte.

OD: Francine, erzählen Sie mal, wann und wie Sie vor Weihnachten auf die Idee gekommen sind, für bedürftige Menschen in Ostbelgien ein Essen gegen die Einsamkeit zu kochen?

Francine Wickler, Ostbelgierin des Jahres 2020: „Dann habe ich mir gesagt: Wenn das so ist, bleibst du nicht hier einfach sitzen, sondern machst etwas für andere Menschen, machst dich nützlich.“ Foto: OD

Francine Wickler: Das war Ende Novemver 2020, nachdem der Konzertierungs-Ausschuss in Brüssel entschieden hatte, dass Restaurants geschlossen bleiben müssten. Daraufhin habe ich mir gesagt: Wenn das so ist, bleibst du nicht hier einfach sitzen, sondern machst etwas für andere Menschen, machst dich nützlich.

OD: So kamen Sie auf die Idee, für andere Menschen zu kochen, aber die Idee alleine genügt ja nicht.

Francine Wickler: Nein, das ist nur der Anfang, man muss die Idee auch unter die Leute bringen. Ich habe mein Vorhaben auf Facebook gesetzt, da hat es auch viele Menschen erreicht. Ein Bericht des BRF hat dann die Sache richtig ins Rollen gebracht.

OD: Und dann?

Francine Wickler: Als die Idee mal in den Medien war, meldeten sich auch Leute, die sich spontan bereit erklärten, zu helfen, sei es als Spender, Küchenhilfe, Fahrer, Grafiker oder Filmemacher… Ich hatte einen Hauptsponsor, wenn man das so nennen kann, und vier andere Spender. Und dann rund 20 Helfer.

OD: Geplant waren 100 Essen.

Francine Wickler: Am Ende waren es 130, und es hätten sogar noch mehr sein können. Wir mussten kurz vor Weihnachten Anfragen ablehnen, was mir sehr schwer gefallen ist, aber mit 130 hatten wir die Grenze des Machbaren erreicht.

Die rund 130 Personen, die an Heiligabend von dem Team um Francine Wickler beliefert wurden, durften sich auf dieses Festmahl freuen. (Zum Vergrößern Bild anklicken)

OD: Geliefert wurde aber schon tagsüber am 24. Dezember?

Francine Wickler: Ja, die ersten Lieferungen erfolgten so gegen 10 Uhr. Das Essen wurde kalt geliefert und brauchte später dann nur noch in der Mikrowelle oder im Ofen aufgewärmt zu werden.

OD: Gab es etwas, was nicht so lief wie erhofft?

Francine Wickler: Nein, alles hat super geklappt. Ich hatte immer damit gerechnet, dass irgendetwas schieflaufen würde, das war aber nicht der Fall.

OD: Und was hatte Sie dazu verleitet, diese Strapazen auf sich zu nehmen? Wenn schon Corona, hätten Sie ja auch die Tage vor Weihnachten genießen können. Haben Sie aber nicht.

Francine Wickler: Ich denke, da spielt mein Glaube schon eine große Rolle. Es war so kurz vor Weihnachten die christliche Nächstenliebe, die mich dazu bewogen hat, das zu machen.

OD: Sie haben in einem Vorgespräch mal berichtet, dass die Leute, die sich bei Ihnen gemeldet haben, um für sich oder andere ein „Essen gegen die Einsamkeit“ zu bestellen, ihre ganze Lebensgeschichte erzählt hätten.

Francine Wickler: Ja, es gab Anrufer, die haben mir am Telefon ihr halbes Leben erzählt. Ich habe Geschichten gehört, bei denen mir fast die Tränen kamen. Es gab Menschen, die krank waren oder einen Angehörigen verloren hatten, die einsam und alleine waren, weil die Kinder wegen der Pandemie für die Festtage nicht kommen konnten. Es gab Schicksale, die man in einem wohlhabenden Gebiet wie Ostbelgien gar nicht vermutet hätte.

OD: Worauf wurde bei der Erstellung des Menüs Wert gelegt?

Francine Wickler 2018 bei der Koch-Weltmeisterschaft „Culinary World Cup“ in Luxemburg, bei der sie die Silbermedaille gewann. Foto: privat

Francine Wickler: Bei der Auswahl des Menüs wurde dafür gesorgt, dass es nicht zu kompliziert wurde. Wir haben bei jedem Gericht auch Etiketts mitgeliefert, auf denen genau geschrieben stand, worauf man achten musste beim Aufwärmen der Speisen.

OD: Und die Fahrer mussten ja auch Bescheid wissen über die Person, für die das Festmahl bestimmt war.

Francine Wickler: Das war auch wichtig. Die Adresse musste stimmen, man musste sicher sein, dass bei der Ankunft des Fahrers auch jemand anwesend war. Es gab auch kranke Leute, die selbst nicht das Essen in Empfang nehmen konnten. Organisatorisch musste man an eine Vielzahl von Dingen denken.

OD: Nun gibt es Leute, die sagen: Die Francine Wickler hat ein Restaurant, die Aktion war auch Werbung für „Le Jardin“. Was sagen Sie den Leuten?

Francine Wickler: Das hat keine Rolle gespielt. Das war keine PR-Aktion, sondern ehrlich gemeint.

OD: Wissen Sie schon, ob es Heiligabend 2021 zu einer Neuauflage der Aktion „Genuss gegen die Einsamkeit“ kommen wird?

Francine Wickler: Das ist heute schwer zu sagen. Ich weiß nicht, ob ich es dann wieder machen kann. (cre)

Zum Thema siehe auch folgenden Artikel auf OD:

12 Antworten auf “OD zu Gast bei der „Ostbelgierin des Jahres 2020“: Francine Wickler machte aus der Not eine Tugend”

  1. Erfahrener

    Werte Francine,
    Hut ab für das, was Sie da unternommen haben. Das nenne ich mal christlich, auch mal an seinen Nächsten denken und nicht immer an sich selbst wie das heute zu 99% der Fall ist. Aber das Wort „Nächstenliebe“ kennt man angeblich in einer Ellenbogengesellschaft nicht mehr. Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute und würde mich riesig freuen wenn es mal mehr Leute geben würden, die solche Aktionen in die Welt setzen würden. Denn Einsamkeit, Armut und Leid gibt es nicht nur in Afrika, Indien, etc, die gibt es auch vor unserer Haustüre, dessen wird man sich erst durch eine solche Aktion bewußt.

  2. Geneigter Leser

    Da werden Sie gestern gut Diniert haben, waaa Herr Cremer? Übrigens, da der Freund Franz Josef Heinen scheinbar nicht mehr Autor von geneigten Kommentaren über Haute Cuisine bei der Konkurrenz ist, so könnten Sie ihm ja z Bspl die Bühne dazu geben!?

  3. Glückwunsch, Francine, statt zu jammern und Trübsal zu blasen, hast Du allen gezeigt, wie man aus so einer Situation das Beste machen kann. Auch den Spendern und Helfern kann man nur gratulieren!

  4. Peer van Daalen

    Sehr geehrte Frau Francine Wickler

    Es ist schön, daß es Menschen wie Sie gibt! Noch einmal von mir meine Gratulation an Sie und die besten Wünsche für Ihre Zukunft.

    Peer van Daalen

  5. Eifel_er

    Klasse Initiative. Hinzu kommt auch noch die klasse Werbung.
    Wir werden hoffentlich zu Deinen ersten Kunden gehören sobald man wieder frei rum laufen darf.
    Weiter so.
    Die anderen jammern nur und halten die Preis TO GO in schwindel erregender Höhe.

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