Leute von heute

Europas Großstädten droht ein „Bus-Kollaps“

20.12.2018, Italien, Rom: Touristenbusse blockieren die Piazza Venezia, unweit des Kapitols, wo die Stadtverwaltung ihren Sitz hat. Wütende Busunternehmer haben den Verkehr im Herzen Roms stellenweise zum Erliegen gebracht. Foto: Gregorio Borgia/AP/dpa

Die Touristensaison hat begonnen. Dicke Reisebusse werden dabei in vielen Orten zum Problem. Manche Städte verbannen sie nun komplett aus dem Zentrum. Doch schon verstopft etwas anderes die Straßen.

Turmhoch schieben sie sich durch die Stadt. Biegen um enge Kurven, rangieren. Hinter ihnen lautes Hupen. Sie parken, die Türen gehen auf. Reisegruppen ergießen sich auf den Bürgersteig, schieben sich zum Kolosseum.

Manchmal lässt ein Busfahrer den Motor laufen, manchmal hält er ein Schwätzchen mit dem Kollegen eines anderen Busses. Es ist eine Szene aus Rom, die viele Bewohner zur Weißglut bringt. Sie regen sich seit Jahren über die Reisebusse auf, die Touristen in Massen zu den Sehenswürdigkeiten karren – und die auch andernorts Städte verstopfen.

04.06.2018, Italien, Rom: Touristen steigen aus einem Reisebus auf dem Weg zum Kolosseum aus. Mittlerweile dürfen Reisebusse in diese Zone im historischen Zentrum nicht mehr einfahren. Foto: Annette Reuther/dpa

Rom hat nun eine drastische Maßnahme ergriffen: Seit Anfang des Jahres dürfen überhaupt keine Reisebusse mehr durch das historische Zentrum fahren. Wenn sie die Menschen abladen wollen, dann an bestimmten Parkplätzen vor der Verbotszone. Dort kassiert die Stadt ab: Bis zu 30 Minuten Parken in der Zone vor dem Kolosseum oder dem Petersplatz kosten 240 Euro. Kosten, die am Ende auf die Reisenden umgeschlagen werden.

Es sei die Frage, ob «gepfefferte Einfahrtgebühren» die Probleme mit Touristenmassen lösen, sagt Nina Jaschke vom Bundesverband deutscher Omnibusunternehmer. Viel wichtiger sei die richtige Lenkung der Besucherströme. «Wenn man Busse ausschließt, dann wird oft vergessen, über Alternativen nachzudenken.» Es gehöre zum Service, dass man die Leute nicht zwei Kilometer vor dem Ziel absetze. Zum Beispiel für Menschen mit Behinderungen seien lange Gehwege ein Problem.

16.05.2019, Österreich, Hallstatt: Busse stehen an der Seepromenade auf einem Parkplatz, an dem die Touristen aus- und einsteigen. Dafür müssen die Busunternehmen pro Fahrzeug 40 Euro zahlen. Dann fahren sie weiter zu einem mehrere hundert Meter entfernten Parkplatz. Foto: Matthias Röder/dpa

Proteste von Busunternehmern gegen Einfahrtverbote gab es nicht nur in Rom, sondern auch in Madrid. Dort dürfen Reisebusse zwar weiterhin in der Innenstadt fahren, sie dürfen im Zentrum aber nicht halten und Passagiere nicht überall ein- oder aussteigen lassen. «Es kann doch nicht sein, dass wir die Touristen in kilometerweiter Entfernung von ihren jeweiligen Hotels im Zentrum aussteigen lassen müssen. Viele haben viele Koffer, Kinder und Kinderwagen, einige sind sehr alt», klagte damals die Chefin eines Busunternehmens, Begoña Landa.

In Amsterdam sollen Touristen entweder mit den Öffentlichen in die Stadt kommen oder außerhalb des Grachtengürtels auf ein Boot umsteigen. Die Stadt habe gebeten, auf kleinere Fahrzeuge umzusteigen, erzählt Jaschke vom Omnibusverband. «Aber auch das verstopft Straßen.» Das Ganze sei «kontraproduktiv».

Aber nicht nur große Städte haben ein Bus-Problem. Beispiel Hallstatt in Österreich. Der Weltkulturerbe-Ort gehört zu den besonders überlaufenen Flecken. Mehr als eine Million Tagesgäste, viele davon aus Asien, schlendern alljährlich auf der gut einen Kilometer langen Seepromenade entlang. In Hallstatt selbst wohnen nur etwa 780 Menschen. Der Ort ist berühmt wegen des ältesten Salzbergwerks der Welt und wurde in China sogar detailgetreu nachgebaut. Seitdem zeigt die Besucherkurve steil nach oben. Ab nächstem Jahr will der Ort den Zustrom nun stark drosseln und die Zahl der Reisebusse deutlich verringern.

16.05.2019, Österreich, Hallstatt: Alexander Scheutz (SPÖ), Bürgermeister, steht an der Schranke zum Ortseingang, durch die nur Fahrräder, Fuhrwerke und Berechtigte mit Einfahrskarte fahren dürfen. Foto: Matthias Röder/dpa

Busse dürfen den malerischen Ort am Hallstätter See nur noch anfahren, wenn sie vorher eines der begrenzt verfügbaren Tickets gekauft haben. Damit soll die Zahl der Busse, die in kurzer Zeit von 8000 auf rund 20 000 im Jahr gestiegen war, um rund ein Drittel verringert werden. Außerdem sollen die Gäste durch den Verkauf der Slots länger bleiben. «Unter 150 Minuten kann man Hallstatt nicht besuchen», sagt Bürgermeister Alexander Scheutz.

Speziell Bustouristen, die meist im Pulk und gern laut durch das Örtchen zögen, könnten zum Ärgernis werden. «Die Einwohner haben dann besonders das Gefühl, der Ort gehört einem nicht mehr selber», sagt der Kommunalpolitiker. Für die Anreise empfiehlt er ohnehin die Bahn. Die hält am gegenüberliegenden Seeufer, und ein Schiff bringt die Gäste nach Hallstatt. «Das ist sehr romantisch», meint der Bürgermeister.

In Rom steigen die Touristen mittlerweile zwar nicht auf romantische Schiffe um. Dafür auf Kleinbusse. Allerdings parken nun diese in Massen vor den Sehenswürdigkeiten und richten zum Teil noch mehr Chaos als die Reisebusse an.

2 Antworten auf “Europas Großstädten droht ein „Bus-Kollaps“”

  1. AktionGefragt

    Weshalb in die Ferne schweifen, liegen ähnliche Probleme doch so nah!?

    Tagtäglich gibt es auf der N7 Luxemburg über die N62 von Wemperhardt nach St.Vith ein absolutes Verkehrschaos. Die beschwichtigenden Informationsversammlungen mit Utopie-Projekten wie Viadukt & Co. sind offenbar wieder im Sande verlaufen…

    Diese Straße benötigt dringend Entlastung! Hier ist die Politik gefragt!

  2. Pensionierter Bauer

    Es ist immer das Gleiche, die einen holen die Touristen um vom großen Batzen Tourismusgeld einiges abzubekommen und die die nicht direkt davon profitieren, wollen die Leute nicht in ihrer Nachbarschaft zu Gast haben.
    Genau so ist es auch mit neuen Industriezonen, alle wollen Arbeit und Wohlstand doch bitte keine Betriebe in der Nachbarschaft. Ähnlich ist zZt. auch die Diskussion in den Brüsseler Randgemeinden, hier sperren immer mehr Gemeinden die Gemeindewege für den Durchgangsverkehr und schützen dann wenige Menschen vor mittelmäßigem Verkehrsaufkommen während die tausenden Anwohner entlang der Nationalstraßen dadurch noch mehr als ohnehin schon belastet werden. Ein anderes Beispiel ist die sgn. Innenstadtbelebung, Vereinigungen der Geschäftsleute tun viel dafür, während die Politik den motorisierten Verkehr aus den inneren Stadtzirkeln immer mehr verbannt, obwohl größere Einkäufe nur schwer weit zu schleppen sind. Aber so ist es eben, alle wollen Bequemlichkeit aber bitte keine Belastung in der Nachbarschaft.

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