Kultur

Der lange Schatten der Geschichte Belgiens: Das Afrikamuseum in Tervuren bei Brüssel wiedereröffnet

06.12.2018, Belgien, Tervuren: Die Skulptur „Centres fermes, rêves ouverts“ (etwa: Zentren geschlossen, Träume geöffnet) vom kongolesischen Künstler Freddy Tsimba an der Außenfassade des Afrikamuseums. Foto: Sabine Glaubitz/dpa

Das umstrittene Afrikamuseum in Tervuren bei Brüssel hat sich einer millionenteuren Renovierung unterzogen. Doch die Spuren einer rassistischen Epoche in der Vergangenheit lassen sich nicht überall vertuschen.

Sie stehen an der Wand und halten die Hände in die Höhe, so als warteten sie auf ihre Hinrichtung. Die kopflosen Skulpturen an der Fassade des Afrikamuseums stammen von dem kongolesischen Künstler Freddy Tsimba. Er ist einer der Künstler, deren Werke in dem neu eröffneten Afrikamuseum in Tervuren bei Brüssel zu sehen sind.

Nach rund fünfjährigen Umbauarbeiten will die Einrichtung, die vor mehr als 100 Jahren als Kolonialmuseum gegründet worden ist, nun ein Museum für das Afrika von heute sein.

Bild oben: Außenansicht des Afrikamuseums. Bild unten: Der ausgelagerte Glasbau mit dem Eingangsbereich und Restaurant des Afrikamuseums. Fotos: Thierry Roge/belga/dpa

Für über 65 Millionen Euro hat das rund 15 Kilometer von Brüssel entfernt liegende Museum seine Fläche von 6.000 auf 11.000 Quadratmeter fast verdoppelt. Dabei wurden der Eingangsbereich und das Restaurant in einen riesigen Glasbau ausgelagert, der mit dem Altbau durch einen unterirdischen Gang verbunden ist.

Unter dem Begriff „Entkolonialisierung“ will sich das Museum vor allem aber ideologisch neu positionieren. Das Haus sei einst als Propaganda-Maschine entworfen worden, sagte der Direktor Guido Gryseels in einer Pressekonferenz. Heute werfe die Einrichtung einen kritischen Blick auf die koloniale Vergangenheit Belgiens.

Kongo-Museum unter König Leopold II.

Das Museum im neobarocken Stil ist Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Als Kongo-Museum hatte es der belgische König Leopold II. (1835-1909) bei dem französischen Architekten und Baumeister des Pariser Petit Palais, Charles Girault, in Auftrag gegeben.

05.12.2018, Belgien, Tervuren: Blick während eines Presserundgangs auf Ausstellungsstücke im Afrikamuseum. Foto: Thierry Roge/belga/dpa

König Leopold ließ den Kongo – in den ersten Jahren noch sein Privatbesitz – zwischen 1885 und 1908 brutal ausbeuten. Unter dieser Terrorherrschaft wurde das Land systematisch ausgeplündert. Millionen Afrikaner kamen ums Leben.

Um die Jahrhundertwende kamen die Gräuel nach und nach ans Licht und lösten international Entsetzen aus. 1908 übernahm der Staat den Kongo. Das zentralafrikanische Land – 80 mal so groß wie Belgien – gehörte noch bis 1960 zu dessen Kolonialreich.

Die Wiedereröffnung des Museums ist für Gryseels nur eine Etappe eines langen Aufarbeitungsprozesses. Man habe lange damit gewartet, wie der Akademiker meinte, der seit 2001 Generaldirektor der Einrichtung ist. Der Kolonialismus als Regierungssystem sei unmoralisch. Man müsse sich von ihm völlig distanzieren.

Eine große Herausforderung: Das Museum steht unter Denkmalschutz, seine Geschichte spiegelt sich in allen Ecken und Winkeln wider. Kaum etwas konnte verändert werden, auch nicht die Ausstellungsvitrinen. So ist die Bronzeskulpturgruppe nicht verschwunden, die einen Belgier zeigt, zu dem ein kleiner Afrikaner bewundernd hochblickt. Auch ihr Titel heißt weiter: „Belgien bringt die Zivilisation in den Kongo“.

Thema um Kolonialkunst neu entfacht

Der Stern des „Kongo-Freistaates“ ziert ebenso noch den Boden der Rotunde. So hieß der zentralafrikanische Staat zwischen 1885 und 1908. Der Geschichte des Gebäudes zu entkommen, sei schwer gewesen, sagte Gryseels. Gleichzeitig wollte der 66-Jährige sie auch nicht verleugnen. Als Ausweg hat er eine neue museale Vision versucht.

05.12.2018, Belgien, Tervuren: Die Skulptur „Nouveau souffle ou le Congo bourgeonnant“ (etwa: Neuer Atem oder der Kongo treibt Knospen) von Aimé Mpane in der Rotunde des Afrikamuseums. Foto: Thierry Roge/belga/dpa

Neben Ausstellungsbereichen mit Masken und Musikinstrumenten finden sich nun in den Sammlungen vereinzelt Werke zeitgenössischer afrikanischer Künstler und Säle zur kongolesischen Diaspora und der Kolonialgeschichte des Landes, das in den 60ern unabhängig wurde. Als Schockmoment gibt es einen Raum, in dem Skulpturen vereint wurden, die einst in dem Museum standen: Afrikaner als halbwilde Menschen.

Der Neuansatz klappt nicht immer. Viele der Kunstwerke sind in ihrer Ausdruckskraft zu schwach, um ein Gegengewicht zu bilden. Die Kopf-Skulptur aus Holz und Bronze von Aimé Mpane wird in der großen Rotunde durch die Bronzeskulpturen erdrückt, die Belgier als Wohltätige und Überbringer der Zivilisation zeigen.

Die Eröffnung des Museums findet zu einem Zeitpunkt statt, zu dem das Thema um Kolonialkunst neu entfacht ist. Bereits kurz vor der offiziellen Eröffnung an diesem Samstag hat der Präsident der Republik Kongo, Joseph Kabila, der Zeitung „Le Soir“ gegenüber wissen lassen, dass er von Belgien die Rückerstattung von Werken aus seinem Land fordern werde. Die Sammlungen des Museums in Tervuren besteht größtenteils aus Werken aus dem Kongo. (dpa)

29 Antworten auf “Der lange Schatten der Geschichte Belgiens: Das Afrikamuseum in Tervuren bei Brüssel wiedereröffnet”

  1. Wir sind mit dieser Renovierung und Neugestaltung des Museums bei der Aufarbeitung der Verbrechen, die im Namen unseres Landes begangen wurden, ein gutes Stück weiter gekommen. Ganz lässt sich diese nationale Schande nicht tilgen.

    Die Rückerstattung der Dinge, die dem kongolesischen Land gestohlen wurden, ist eine Selbstverständlichkeit.

    Ich werde mir das Museum bei der nächsten Gelegenheit anschauen.

  2. Don Quichotte

    Zum ersten Kunstwerk, bzw. ersten Foto: falls das entgangen wäre: das Wortspiel dreht hier um die geschlossenen (Asyl)Zentren wie Vottem, in denen Belgien und Theo Francken sich nicht scheuten, gegen internationales Recht zu verstossen umd Kinder hinter Zäune sperrt(e). Die haben auch nichts verbrochen, es sei denn aus seinem Land flüchten ist ein Verbrechen.
    „Centres fermés, rêves ouverts“ würde ich also folgendermassen übersetzen: „Die Körper sind eingesperrt, die Gedanken sind frei“ . Oder wenn „Gedanken“ zu politisch klingen, weil Viele ja erst mal nur in Würde ÜBERLEBEN wollen: „Die Körper sind eingesperrt, aber Träume kann man nicht einsperren“.

  3. Da haben wir als Ostbelgier ja einmal einen Vorteil aus unserer Geschichte. Mit den damaligen Ereignissen haben wir nichts zu tun, unsere Vorfahren zu der Zeit waren ja Preussen. Und mit den Vokommnissen in Deutsch-SüdWest haben wir auch nichts zu tun, wir sind ja heute Belgier. Wie gesagt, Glück gehabt….

  4. abendland

    die heutigen belgier haben mit den kongo-genozid genau so viel zu tun wie die heutigen deutschen mit dem holocaust, nämlich nichts.
    mal weiter gedacht:
    die gräueltaten im kongo sind kein grund, kongolesen einen freifahrschein für belgien zu geben, genau so wenig sind die heutigen deutschen dem staat israel verplichtet. egal was man macht, es nützt nur den hohen tieren und die kleinen leute können’s ausbaden und bezahlen.

    • Ja, da haben Sie Recht. Damit haben wir und die Deutschen NICHTS zu tun. Wir haben nur mit den guten Dingen der Vergangenheit zu tun, mit den Musikern, der Malern, den Schriftstellern, den Sportlern, den Feldherrn, den Politikern der Vergangenheit. Auf die können wir stolz sein. Mit denen dürfen wir uns brüsten. Die gehören zu uns.

      Die Verbrecher? Nö, mit denen haben wir NICHTS zu tun. Leopold II.? Kennen wir nicht! War der nicht irgendwie Deutscher? Typisch! Wir sind die Guten!

      • abendland

        wenn sie kulturschaffende nicht von politikern unterscheiden können in ihrem wirken für die allgemeinheit, dann beschäftigen sie sich bitte nicht mit geschichte.
        schon der apostel paulus meinte „prüfet alles, nehmt das gute“.
        einen völkermord bekennen, und daraus lernen, ist ok.
        aber bis in alle ewigkeit schuldgefühle machen, ist einfach nur absurd.

        • Das ist bemerkenswert. Sie nahmen als erster Forist den Begriff „Schuldgefühl“ in Anspruch. Haben Sie Schuldgefühle? Haben Sie öfters das Gefühl, man wolle Ihnen Schuldgefühle einreden? Hören Sie Stimmen, die es nicht gibt? Lesen Sie Texte, die gar nicht da stehen?

          Es gibt inzwischen ausgezeichnete Therapien, die auch die Krankenkassen zahlen.

      • Mich mit einem intelligenten Menschen aus der Vergangenheit identifizieren macht mich nicht schlauer, und mich für die Verbrechen längst verstorbener zu schämen macht mich nicht besser. Aus der Geschichte lernen sollte eine möglichsr emotionsfreie kulturelle Leistung sein und keine Diskussion zwischen „gut“ und „böse“ denn es ist vor allem eines – Vergangenheit von Menschen die längst tot sind.

        • @ Dax

          Es ist der „emotionsfreie“ Umgang mit der Vergangenheit der eine Wiederholung möglich macht.
          Erinnerungskultur hat nichts mit Schuldgefühlen, ob empfunden oder eingeredet, zu tun sondern mit dem Versuch die „Verbrechen“ der Vergangenheit zu vermeiden.
          Zu viele bedienen sich bereits wieder der Sprache und der „Argumente“ aus Europas finsterster Zeit. Mit der Sprache fängt es an.

  5. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Ich werde dieses Museum bei naechster Gelegenheit besuchen. Und dann noch meine Aufforderung an die Medien, auch mal die guten und schoenen Seiten des afrikanischen Kontinentes zu zeigen. Afrika ist mehr als Krieg, Hunger und Not. Dort gibt es auch Menschen, die sich des Lebens erfreuen.

  6. Scholzen Marcel Eimerscheid

    Den Kolonialismus gibt es heute auch noch. Die sogenannte „Unabhängigkeit“ der afrikanischen Staaten hat daran nicht viel geändert. Die war eher von Vorteil für die Kolonialmächte. Hatten so weniger Verantwortung. So konnten sich die internationalen Großkonzerne ungestört der Ausbeutung von Rohstoffen und Menschen widmen.

  7. Gibt es eigentlich einen Menschen auf diesem Planeten der keinen Vorfahren hatte der getötet, vergewaltigt und gelogen hat? Ob der Vorfahre nun Belgier, Türke, mongole oder schwarzfussindianer war. Und in der DRC muss man nicht 40 Jahre in die Vergangenheit gehen, das schaffen die da unten auch ganz gut ohne „den Belgier“.

    • Lehmboy, Sie sollten Rechtsanwalt werden. Mit Ihrer Losung „Wir sind doch alles Opfer“ relativieren Sie alle Straftaten und die ganzen Verbrecher werden freigelassen.

      Zugespitzt gesagt meinen Sie: Leute, macht doch was Ihr wollt. Mordet, foltert, quält, vergewaltigt! Wir haben das Recht dazu, weil wir auch nur Opfer sind! Wen jucken unsere Taten?

      • Ach Gott, nein ich akzeptiere nicht das ich, meine Kinder oder irgendjemand der als unschuldiges Baby auf diese Welt kam eine ‚Erbschuld‘ mit auf den Weg bekommt.

        Ob es aufgrund seiner Hautfarbe, Geschlecht, Nationalität, Religion oder was auch immer ist.

        Wir sind alleine verantwortlich für die persönlichen Taten. Ich habe bis jetzt keinen umgebracht, meine Kinder auch nicht, daher fühle ich mich nicht für die Missetaten meiner Vorfahren verantwortlich.

      • Möchte noch hinzufügen das 99% der ostbelgischen Vorfahren arme Schlucker waren die selber ums überleben kämpften. Kleinbauern.

        Und die soviel mit dem Kolonialismus im Kongo oder in Deutsch Westafrika zu tun hatten wie mit der Landung auf dem Mond. Nämlich nichts.

      • deuxtrois

        @AchGott: Wo hat Lehmboy geschrieben, wir seien alle Opfer? Sie haben da vermutlich eine Menge impliziert, zu dem überhaupt nichts geschrieben wurde.

        Lehmboy macht nur darauf aufmerksam, dass es keine Verantwortung gibt, wenn es keinen Verantwortlichen mehr gibt. Ein Rechtsanwalt wird Ihnen wohl sagen, ohne Opfer kein Verbrechen. Die Opfer sind tot, die Täter auch. Kein Gesetz der Welt verlangt, juristische Buße für die eigenen Vorfahren annehmen zu müssen.

  8. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Vielleicht will man den Kolonialismus und die damit verbundenen Kongogreuel nicht zu viel thematisieren, weil man Angst vor Reparationsforderungen aus dem Kongo hat. Bis heute ist diese Sache noch nicht richtig in Belgien aufgearbeitet worden.

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