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Attentat vor 50 Jahren: Zur Ikone der Linken wurde Rudi Dutschke nie

18.02.1968, Berlin: Der SDS-Chefideologe Rudi Dutschke (M, mit erhobener Faust), sowie der deutsche Lyriker und Schriftsteller Erich Fried (l) marschieren an der Spitze eines Demonstrationszuges gegen den Vietnamkrieg mit. Foto: Chris Hoffmann/dpa

Rudi Dutschke war die zentrale Figur einer Bewegung, die Deutschlands politische Landschaft verändert hat. Trotzdem hängen junge Linke heute – 50 Jahre nach dem Attentat auf Dutschke – nicht sein Bild ins WG-Zimmer, sondern Poster von Ché Guevara.

Rudi Dutschke steht am 11. April 1968 vor einer Apotheke auf dem Berliner Kurfürstendamm, als ihn ein Rechtsextremist mit drei Schüssen niederstreckt. Elf Jahre später stirbt der prominente linke Aktivist an den Spätfolgen des Attentats. Der Täter wird gefasst. Im Februar 1970 begeht er in seiner Zelle Selbstmord.

1960er Jahre: Der Studentenführer und Ideologe des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), Rudi Dutschke. Foto: Fritz Reiss/dpa

Dutschke war damals eine Symbolfigur, die den Hass der Rechten und Konservativen auf sich zog. Er hat neue Formen des Protests etabliert. Dennoch ist der prominenteste Vertreter des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in seiner Heimat nie zur Ikone geworden – auch wenn man in Berlin-Kreuzberg 2008 eine Straße nach ihm benannt hat.

Bedenkt man, wie stark sich Deutschland unter dem Einfluss der 68er-Bewegung verändert hat, ist es eigentlich erstaunlich, dass deutsche Linke heute zwar das Konterfei des 1967 in Bolivien getöteten Guerrilleros Ché Guevara auf dem T-Shirt tragen, aber nicht das des einstigen Wortführers der deutschen Studentenproteste.

Ganz anders als Ché Guevara

Das mag an Dutschkes bisweilen schwer verdaulichen Bandwurmsätzen liegen, die selten zum griffigen Slogan taugten. Vielleicht verhinderte auch sein selbstgestrickt-alternativer Look die posthume Vermarktung von Rudi Dutschke als Popstar des Protests.

Ganz anders als Ché Guevara, der mit Barett, zerknittertem Hemd, Zigarre und Macho-Blick nicht nur für linke Ideologie stand, sondern irgendwie auch für Abenteuer und Männlichkeit.

24.01.2018, Berlin: Die ehemalige Studentenaktivistin und Witwe des verstorbenen Rudi Dutschke, Gretchen Dutschke-Klotz, hält in einem Schaukelstuhl im Wohnzimmer ihrer Privatwohnung sitzend eine alte Fotografie von Rudi Dutschke und sich selbst in der Hand. Foto: Gregor Fischer/dpa

„Ché hatte ein schönes Gesicht und ein wildes Aussehen“, sagt der Berliner Politologe Hajo Funke, damals auch Mitglied im SDS. An den Äußerlichkeiten alleine liege es aber nicht. Funke glaubt, Dutschkes Wirken sei später „überblendet worden durch die Debatten über die RAF“.

Was er meint, ist der von Gegnern der 68er-Bewegung oft erhobene Vorwurf, die linke Studentenbewegung habe den Terror der Rote-Armee-Fraktion überhaupt erst möglich gemacht. Funke findet diese Interpretation unfair. Er sagt, Dutschke sei gegen Gewalt gewesen, ein warmherziger Mensch, „man hätte ihn mehr würdigen sollen“.

Ihren ersten Anschlag verüben die späteren Mitbegründer der RAF, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, eine Woche vor dem Attentat auf Dutschke. In Frankfurt am Main zünden sie zusammen mit Thorwald Proll und Horst Söhnlein zwei Kaufhäuser an. Je radikaler die RAF wird, je mehr Menschen durch ihren Terror sterben, desto mehr schwindet ihr Rückhalt in der Bevölkerung.

11.04.1968, Berlin: Das Fahrrad von Rudi Dutschke am Tatort vor der Geschäftsstelle des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) am Kurfürstendamm in Berlin. Der Studentenführer und SDS-Ideologe wurde hier niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Foto: Chris Hoffmann/dpa

Dutschkes Theorie vom „langen Marsch durch die Institutionen“ hat sich dagegen im Rückblick als praxistaugliches politisches Rezept erwiesen. Viele derjenigen, die damals losmarschiert waren, wurden später Minister und Professoren.

Ricarda Lang war noch nicht geboren, als Dutschke starb. Die Sprecherin der Grünen Jugend sagt: „Die 68er-Bewegung hat insgesamt sehr viel geleistet für die Modernisierung und Demokratisierung der Bundesrepublik, auch wenn es lange gedauert hat, bis die Frauen auch gehört wurden.“

Rudi Dutschkes Namen kennt Lang seit ihrer Kindheit. Er sei „charismatisch und überzeugend“ gewesen, aber für sie persönlich kein Idol, sagt sie.

Ché Guevara sieht die Nachwuchspolitikerin kritisch, „wegen seiner Haltung zur Homosexualität, wegen seinem Einsatz von Gewalt gegen Andersdenkende und weil er innerhalb seiner Gruppe sehr autoritär agiert hat“.

Eines der drei Kinder von Rudi und Gretchen Dutschke trägt den „Ché“ im Namen. Das Aktivistenpaar nannte seinen ältesten Sohn Hosea-Ché. Hosea war ein Prophet im Alten Testament.

Der Name „Ché“ stand bei deutschen Linken damals symbolisch für die Befreiungsbewegungen in den Entwicklungsländern. Wer hat den Namen damals ausgesucht? „Ich vermute, dass es Rudi war. Ich habe es akzeptiert, obwohl ich Probleme mit Ché Guevara hatte“, erinnert sich Gretchen Dutschke. Eine Bewegung, die auf Hass gründete, das gefiel ihr nicht.

Die Witwe hat sich gefreut, als sie neulich in Berlin einen Lampion mit dem Konterfei von Rudi Dutschke hängen sah. Sie sagt: „Bei denjenigen, die unter 30 sind, ist er meistens vergessen. Das finde ich schlecht, weil es so ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte ist.“ (dpa)

6 Antworten auf “Attentat vor 50 Jahren: Zur Ikone der Linken wurde Rudi Dutschke nie”

  1. Tja die Linke:) Wasser predigen und Wein saufen. Ein Haufen Intelektueller die weder Schichtdienst oder regelmäßige Arbeit kennen. Meist selbst angestellt beim öffentlichen Dienst oder in irgendeiner Weise durch diesen bezahlt. Gerne auch künstlerisch tätig.
    Große Klappe sonst nichts. Wünschte auch es wäre anders, ist es aber nicht.
    Deshalb wird ein linker auch nie Ikone sein.

      • Ok, nehme die Pauschalisierung zurück.
        Denke aber dies sind doch weitestgehend Ausnahmen. Mein Motto lautet Vorbild sein und dann kann man auch mal Reden schwingen. Den 68ern kann man in teilen dankbar sein. Friedensbewusstsein, persönliche Freiheit. Allerdings ist die Degradierung der Familie oder besser die Abwertung dieser und vorallem die Herabwürdigung der Frau innerhalb dieser fatal.

  2. marcel scholzen eimerscheid

    Die sogenannte 68erBewegung hat schon zu gewissen Veränderungen in der Gesellschaft geführt. Die Gesellschaft ist weniger engstirnig, bunter, vielfältiger und auch toleranter geworden. Worüber man sich früher aufgeregt hatte, ruft heute nur ein müdes Lächeln hervor. Zum Beispiel war es früher ein Skandal, wenn ein Paar ohne Trauschein zusammenlebte und Kinder aus solchen Beziehungen galten als Bastarde. Oder der sonntägliche Gottesdienstbesuch war selbstverständlich. Kaum einer wäre auf die Idee gekommen, nicht zu gehen.

    Es ist eben alles individueller geworden. Die Gesellschaft vielschichtiger und damit komplizierter.

    Das Problem heute ist, das diese Freiheiten und Errungenschaften in Gefahr sind. Sie werden bedroht durch religiöse und politische Fanatiker der verschiedensten Couleur. Und da muss man klar Farbe bekennen und Gegner unserer Gesellschaftsform in ihre Schranken verweisen, notfalls mit polizeilichen und militärischen Mitteln. Nur eine wehrhafte Demokratie sichert unseren Wohlstand und auch den Respekt der anderen Nationen. Nur wenn ein Land selbstbewusst, aber nicht arrogant, auftritt, wird es international respektiert.

    Eines haben die 68er nicht geschafft : die Etablierung eines sozialistischen Gesellschaftssystems.

    • Alfons Van Compernolle

      Ich gebe Ihnen Recht !! Und ja, ich bin ein „68“ , es war eine Zeit des Umbruchs in der nicht nur Fehler begangen wurden, sondern auch gesellschaftlicher Fortschritt mehr oder weniger „ER-Demonstriert“ wurde.

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