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Ein Wahnsinnsspiel: Bärenstarke Schweizer schalten Weltmeister Frankreich nach Elfmeterschießen aus

29.06.2021, Rumänien, Bukarest: Der Schweizer Torwart Yann Sommer (l) pariert den Elfmeter von Frankreichs Kylian Mbappé im Elfmeterschießen. Foto: Vadim Ghirda/Pool AP/dpa

Der Weltmeister ist raus – und wie! Turnier-Favorit Frankreich scheiterte am Montagabend in einem packenden und turbulenten Achtelfinale trotz zwischenzeitlicher 3:1-Führung an der nie aufsteckenden Schweiz. Die Eidgenossen gewannen mit 5:4 im Elfmeterschießen, nachdem sie sich durch eine großartige Aufholjagd zum 3:3 (1:0) nach regulärer Spielzeit in die Verlängerung gerettet hatten.

Nach dem Tor von Haris Seferovic (15. Minute) für die Schweiz drehte Altstar Karim Benzema (57. und 59.) zunächst die Partie innerhalb kürzester Zeit. Paul Pogba traf zudem weltmeisterlich (75.). Doch erneut Seferovic (81.) und Mario Gavranović (90.) erzwangen die Nachtschicht in Bukarest. Kylian Mbappè verschoss für Frankreich den letzten Elfmeter.

28.06.2021, Rumänien, Bukarest: Der Schweizer Haris Seferovic (2.vl) erzielt das Tor zum 3:2. Foto: Daniel Mihailescu/Pool AFP/dpa

Die Équipe Tricolore dagegen muss zusehen, wenn die Eidgenossen am Freitag ihr erstes Viertelfinale einer Fußball-Europameisterschaft überhaupt bestreitet. In St. Petersburg wartet Spanien. Aus der einstigen Hammergruppe F ist nach dem Aus von Titelverteidiger Portugal und Weltmeister Frankreich jetzt nur noch die deutsche Nationalmannschaft im Turnier verblieben.

Die 22 642 Zuschauer in der Arena Națională sorgten von Beginn an für EM-Stimmung – und das vermeintlich ohne große Corona-Sorgen. In der rumänischen Hauptstadt waren am Sonntag offiziellen Angabe zufolge keine neuen Fälle registriert worden. Am Montagmittag hatten sich zahlreiche Schweizer und Franzosen in der Bukarester Altstadt auf das Achtelfinale eingestimmt.

Nach dem Anpfiff des Argentiniers Fernando Andres Rapallini, der als erster Nicht-Europäer ein K.o.-Spiel bei einer EM leitete, belauerten sich beide Teams zunächst. Frankreichs Trainer Didier Deschamps setzte auf eine Dreierkette. Die Bayern-Profis Corentin Tolisso, Kingsley Coman und Lucas Hernández saßen zunächst auf der Bank, Jules Koundé fehlte verletzt. Gegen die Schweizer funktionierte das System anfangs zwar mit Schwung und oft über Kylian Mbappé, der gierig auf sein erstes Turnier-Treffer war, aber ohne Torgefahr.

28.06.2021, Rumänien, Bukarest: Frankreichs Torwart Hugo Lloris (r) pariert den Elfmeter vom Schweizer Ricardo Rodriguez. Foto: Daniel Mihailescu/Pool AFP/dpa

Der Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petković vertraute derselben Startelf, die im letzten Gruppenspiel die Türkei mit 3:1 geschlagen hatte – die Nati war nach dem Sieg mit durchaus großem Selbstbewusstsein nach Rumänien gereist. Das Team sei «bereit, Geschichte zu schreiben», hatte Kapitän Granit Xhaka gesagt.

Im Spiel setzten sich dann auch die Eidgenossen zuerst in Szene und gingen gegen die uninspirierten Franzosen in Führung. Der Ex-Frankfurter Haris Seferovic (15.) köpfte nach Flanke des Eintracht-Profis Steven Zuber zu seinem 23. Länderspiel-Treffer ein, nachdem Clement Lenglet als zentraler Mann der Abwehr das entscheidende Kopfballduell verloren hatte. Seferovic rannte anschließend fast auf die andere Seite des Feldes zum Schweizer Fanblock und löste laute «Hopp Schwiiz»-Rufe aus.

Frankreich reagierte wütend, aber unpräzise. Zwei Distanzschüsse innerhalb weniger Minuten von Mbappé (26.) und Adrien Rabiot (29.) gingen am Schweizer Tor vorbei. Danach aber schaltete der Weltmeister wieder in den Freundschaftsspiel-Modus: kein Druck, keine Ideen, kein Einsatz. So hatten die Schweizer keine Mühe, mit ihrem grundsoliden Spiel die Führung mit in die Pause zu nehmen.

28.06.2021, Rumänien, Bukarest: Frankreichs Kylian Mbappé versucht den Ball zu kontrollieren. Foto: Marko Djurica/Pool Reuters/dpa

Die Franzosen kamen mit veränderter Formation und Coman zurück auf den Platz, blieben aber trotzdem zunächst ungewöhnlich harmlos. Und dann patzte auch noch Bayerns Benjamin Pavard und foulte Zuber im Strafraum. Referee Rapallini gab nach Videobeweis Strafstoß. Doch der Ex-Wolfsburger Ricardo Rodriguez (55.) scheiterte an Frankreichs Keeper Hugo Lloris.

Danach ging alles ganz schnell: Erst erzielte Benzema (57.) auf Mbappé-Vorlage das 1:1 und zwei Minuten später nach feinstem Kurzpassspiel im Strafraum per Kopf auch das 2:1. Zwischen verschossenem Schweizer Elfmeter und Benzemas vierten Turnier-Treffer lagen nur vier Minuten und drei Sekunden.

Die Schweizer aber steckten nicht auf – auch nicht nach Pogbas traumhaftem Tor zur für die Franzosen nur scheinbar beruhigenden 3:1-Führung. Seferovic und Gavranović retteten die Eidgenossen durchaus verdient in die Verlängerung, in der Benzema früh ausgewechselt wurde. In den 30 Extra-Minuten blieben bis auf eine Möglichkeit von Mbappé (110.) Torchancen Mangelware. (dpa)

Zum Thema siehe auch folgenden Artikel auf OD:

22 Antworten auf “Ein Wahnsinnsspiel: Bärenstarke Schweizer schalten Weltmeister Frankreich nach Elfmeterschießen aus”

  1. Ossenknecht

    Wenn Die Roten Teufel die Squadra Azzurra ausgeschaltet hat, müssen sie nur noch gegen die gewohnt fünftorigen Spanier sechs Tore schießen. Das Finale gegen Dänemark liegt in Reichweite.

  2. Ein Fußballspiel der Extra-Klasse. Die Schweiz haut den Weltmeister raus, und zwar verdient. Die französische Presse wird wohl jetzt sehr, sehr kleinlaut sein, nachdem sie sich permanent über uns Belgier lustig gemacht hat. Nachdem verschossenen Elfer und den beiden schnellen Toren dachte ich, dass Frankreich diese Führung nach Hause schaukelt. Aber die Schweizer gaben nie auf und glaubten an ihre Chance. Vor allem Xhaka war der wesentliche Antreiber im Mittelfeld. Überhaupt hat die Schweiz einige richtig gute Fußballer in ihren Reihen. Im Gegensatz zu Belgien sah ich so gut wie keine Fehlpässe. Mit dieser Leistung und Einstellung können sie auch Spanien ein Bein stellen. Danach ist alles möglich, auch der EM-Titel.

  3. Wie schön dass sie raus sind. Pogba feierte sein zwar schönes Tor sehr überheblich.
    Und ausgerechnet der sehr selbstsichere Mbappe verschiesst
    Schöner geht nicht.
    Jetzt sind die Franzosen auch mal wieder hoffentlich etwas demütiger.

    • Peter Müller

      Auffallend ist doch das viele der guten Mannschaften die gleichen Fehler machen. Nach zwei oder drei Tore Vorsprung will man den Gegner abschiessen. das haben wir bei Spanien, Deutschland und jetzt Frankreich gesehen. Bei einem 3-1 stelle ich das Fussballspielen ein, und mach hinten zu. Ich glaube, dass das den Italienern nicht passiert. Mit Frankreich ist die bessere Mannschaft ausgeschieden. Was die für ein Potenzial und Passgenauigkeit haben gibt es nur einmal in Europa. Schweiz hat wie alle kleinen dagegen gehalten, und sind um ihr leben gerannt, und die Franzosen haben sie spielen gelassen. Nicht unverdient, aber Frankreich hat sich das Aus selbst zuzuschreiben.

      • Fred vom Jupiter

        Die Italiener sind, auch nach dem Österreichspiel, die beste Mannschaft im Turnier. Spanien scheint langsam Fährt aufzunehmen,kassiert aber auch Gegentreffer. Was Potential und Passgenauigkeit betrifft guck dir mal belgische Statistiken an. Nicht gerade die der 1. Halbzeit/ Dänemarkspiel und 2. Halbzeit/Portugalspiel. Aber belgische Stärke willst du offenbar nicht sehen. Italien haben wir, spielt man nicht wie genannte Halbzeiten,eine 50/50 Chance. Der erste Gegentorbann wurde durch Österreich gebrochen. Go Devils☝️

        • Peter Müller

          Entschuldige Fred wie konnte ich nur. Ja vielleicht bei Gegnern die einem viel Platz lassen, oder meinst du die Rückpässe. Frankreich hat das beste Team, heisst aber nicht das sie immer gewinnen.

          • Fred vom Jupiter

            Franzosen spielen bekanntlich keine Rückpässe. Die spielen Rückreisen. Erschreckend eigentlich denke ich immer, dass jeder von irgendetwas Ahnung hat. Aber egal zu welchem Thema, Peter. Du hast keine Ahnung aber davon mehr als jeder andere hier

  4. So schauts aus!

    Mir schwant Böses. Ich befürchte, dass sich meine schlimmen Befürchtungen bestätigen, was den Sieger der EM 2020 angeht…
    Ich möchte den nicht namentlich nennen, nur dazu folgendes erläutern : England spielt in der EM nur noch heute Abend ( in Wembley). ( Dieses verdammte Elfmeterschießen verflixt nochmal). Die Schweden haben ein gutes Turnier bisher gespielt; aber auch für sie ist (leider) demnächst Schluss; oder eben für die Ukraine. Die sympathischen, tapferen Dänen oder Tschechien nehmen auch die nächste Ausfahrt. Tja und zum Schluss gilt dann wieder der legendäre Spruch von Lineker mit den 22 Spielern , die einem Ball hinterher laufen und am Ende immer derselbe gewinnt….Auch Belgien, Italien oder Spanien werden dieses „Grundgesetz“ von Fußballturnieren (leider) nicht ändern können.

  5. Pensionierter Bauer

    Das was wir Gesternabend sehen durften, dass nennt man spannender Fussball. Spannend war zwar auch das Belgienspiel, aber Ereignisse von Tore und den Kopf nicht in den Sand stecken, das haben wir gestern erleben dürfen.
    Gratulation an die Schweizer Mannschaft!

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