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Überflieger Tadej Pogacar beeindruckt und beunruhigt: Tour zwischen Phänomen und Verdächtigungen [VIDEO]

04.07.2021, Frankreich, Tignes: Tadej Pogacar aus Slowenien vom UAE Team Emirates im Gelben Trikot des Gesamtführenden überquert die Ziellinie. Foto: Christophe Ena/AP/dpa

Tadej Pogacar bestimmt die Tour de France nach Belieben. Im Radsport löst so etwas fast automatisch Zweifel aus. Zumal das Umfeld des Slowenen nicht den besten Ruf genießt.

Der Film „The Program“ aus dem Jahr 2015 über die Karriere von Lance Armstrong und einen der größten Skandale der Radsportgeschichte, der in der Nacht zum Sonntag vom ZDF noch einmal ausgestrahlt wurde, erinnert an ähnliche Verdächtigungen in der Vergangenheit, die sich später als wahr erwiesen (siehe Trailer zum Film unten).

Für die Leistungen von Tour-Überflieger Tadej Pogacar haben seine desillusionierten Konkurrenten oft nur ein Wort. „Unglaublich“ hört man von allen Seiten aus dem Peloton.

03.07.2021, Frankreich, Le Grand-Bornand: Der Slowene Tadej Pogacar vom Team UAE Emirates jubelt auf dem Podium über den Gewinn des Gelben Trikots. Foto: David Stockman/belga/dpa

Am Ruhetag am Montag in Tignes werden sie sich vermutlich den Kopf darüber zerbrochen haben, wie der Mann im Gelben Trikot noch zu gefährden ist. Schließlich ist es kaum zu fassen, was Pogacar bisher bei der Tour de France abgeliefert hat. Dabei hat der Radsport nach dem chaotischen Auftakt in das Jahrhundert viel dafür getan, um eben eines wieder zu sein: glaubhaft.

Nun kommt dieses slowenische Phänomen daher und lässt die anderen Profis aus dem Favoritenkreis aussehen, als würden sie nicht ansatzweise an sein Niveau herankommen. „Sie haben mich attackiert und ich respektiere das. Am Ende braucht man gute Beine“, sagte Pogacar stoisch nach den beiden Alpen-Etappen.

Der deutsche Ex-Profi Marcel Kittel sieht in dem 22-Jährigen schon den Seriensieger der kommenden Jahre. „Wenn man seine Karriere und seine stetige Entwicklung verfolgt, könnte man schon zum Schluss kommen, dass da ein Abonnement-Sieger in die Pedale tritt“, sagte der 33-Jährige im „Kicker“.

30.06.2021, Frankreich, Fougeres: Tadej Pogacar aus Slowenien vom Team UAE Team Emirates im Endspurt. UAE ist der Nachfolger des Lampre-Rennstalls, das einige durchaus schillernde Dopingfälle aufzuweisen hatte. Foto: Pete Goding/BELGA/dpa

Im Radsport wirft so etwas reflexartig Fragen und Spekulationen auf. Die Antworten aus Pogacars Scheich-Team UAE sind die üblichen: Großes Talent, noch größerer Wille, hartes Training. Doch sein überragendes Zeitfahren und das erstaunliche Solo über 30 Kilometer und zwei Berge auf der ersten Alpen-Etappe lassen Zweiflern keine Ruhe.

Sie führen dann an, dass Pogacar den Col de la Colombière in 21:55 Minuten schneller bewältigt hat als 2007 der später wegen Dopingverdachts aus dem Rennen genommene Däne Michael Rasmussen und als 2009 die Schleck-Brüder und Alberto Contador.

Der Vergleich hinkt jedoch, schließlich müssen Faktoren wie Wetter, Wind, Materialentwicklung und Taktik einberechnet werden. So fuhr 2018 eine 14-köpfige Gruppe mit Chris Froome, Egan Bernal, Tom Dumoulin und Alejandro Valverde an dem Berg nur eine Sekunde langsamer.

Im Kampf gegen die Uhr hatte sich Pogacar klar vor dem Schweizer Spezialisten Stefan Küng durchgesetzt. Allerdings war Küng auf nasser Straße unterwegs, bei dem Slowenen war es trocken. Und bei seinen vorherigen drei Zeitfahren in dieser Saison war Pogacar nie schlechter als Platz fünf. Seinen Auftritt bei der Tour beschrieb er als „perfekt“, zudem habe er – was deutlich sichtbar ist – an seiner Position auf dem Rad gearbeitet.

Dem früheren Radprofi Lance Armstrong (hier im Oktober 2015 in Austin, Texas) wurden seine sieben Tour-Siege aberkannt. Foto: Shutterstock

Zweifel angebracht sind allerdings bei Pogacars Team. UAE ist der Nachfolger des Lampre-Rennstalls, das einige durchaus schillernde Dopingfälle aufzuweisen hatte. Der Teammanager ist Maruo Gianetti, dessen einstiger Fahrer Riccardo Ricco für gleich mehrere Dopingskandale sorgte. Tour-Direktor Christian Prudhomme bezeichnete Gianetti einst als „Manager von schlechtem Ruf“ und der Schweizer galt eine Zeit lang als unerwünschte Person bei der Tour.

Die Anweisungen aus dem Teamwagen bekommt Pogacar von Adrej Hauptman. Der Slowene war als Fahrer im Jahr 2000 mit einem überhöhten Hämatokritwert, der auf Doping schließen könnte, von der Tour ausgeschlossen worden. Das Umfeld Pogacars, so viel ist unstrittig, hat nicht die besten Lebensläufe.

Pogacars Training plant der spanische Arzt Inigo San Millan. Der Plan des Mediziners ist auf die Vermehrung von Mitochondrien, also von Zellbestandteilen zur Energiegewinnung, ausgelegt. Das soll dem Tour-Sieger von 2020 neben seinem unbestrittenen Talent einen Vorteil bringen. Redet er über Pogacar, wird San Millan schwärmerisch: „Ein Mann mit absolut unglaublichen physiologischen Parametern.“ Da war es wieder, dieses „unglaublich“.  (dpa/cre)

Nachfolgend der Trailer zum Film „The Program“ über den Fall Lance Armstrong und einen der größten Skandale der Radsportgeschichte:

4 Antworten auf “Überflieger Tadej Pogacar beeindruckt und beunruhigt: Tour zwischen Phänomen und Verdächtigungen [VIDEO]”

  1. Ausnahmetalent und Doping schliessen sich leider nicht aus. Das hat man schon bei Armstrong gesehen (wobei Pogacar wenigstens sympathischer ist als Armstrong es jemals war). Sein Umfeld (UAE mit Saunier-Duval’s Gianetti als Manager) trägt leider auch nicht dazu bei den Dopingverdacht zu lindern.

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