Politik

„Jeder Tag ist ein Wahlkampftag“: Der neue Parteichef Gregor Freches muss die Talfahrt der PFF stoppen

Der neue Vorsitzende der PFF, Gregor Freches. Foto: Gerd Comouth

Die deutschsprachigen Liberalen haben Gregor Freches zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Gleich bei seiner Vorstellung erklärte der neue Präsident der PFF, der inzwischen die DG im Senat vertritt, den Wahlkampf 2024 für eröffnet.

Die Frage, wann ein Wahlkampf beginnen und wie lange er dauern soll, lässt sich nicht leicht beantworten. Das hängt von vielen Faktoren ab. Ein Wahlkampf darf jedenfalls nicht zu lange dauern, aber auch nicht zu kurz sein. Eine Woche wäre wahrscheinlich zu kurz, mehr als drei Wochen zu lang.

Wenn man dem neuen Parteivorsitzenden der ostbelgischen Liberalen folgt, hat der Wahlkampf der PFF bereits am letzten Freitag begonnen: 632 (!) Tage vor den Wahlen vom 26. Mai 2024!

Der neue PFF-Vorsitzende Gregor Freches bei einer Pressekonferenz mit der Fraktionsvorsitzenden Evelyn Jadin (r) und dem neuen Provinzialrat Daniel Müller (l). Foto: Gerd Comouth

„Jeder Tag ist ein Wahlkampftag“, verkündete Freches bei einer Pressekonferenz im „Blauen Haus“ in Eupen. Mit 89,1 Prozent ist er als Nachfolger von Kattrin Jadin, die als Richterin am Verfassungsgericht alle politischen Ämter niederlegen muss, zum neuen Vorsitzenden der deutschsprachigen Liberalen gewählt worden.

Freches wurde 1962 in Bütgenbach geboren. Nach seiner Ausbildung zum Gendarm war er acht Jahre in verschiedenen Brigaden (Büllingen, Bütgenbach, Raeren und Lontzen) tätig. Anschließend zog es ihn in die Privatwirtschaft, wo er zuletzt bis 2021 Geschäftsführer eines Privatunternehmens war. Seit 2014 ist er Mitglied des Parlaments der DG und seit Mai 2022 Gemeinschaftssenator.

Zwei Jahre vor dem Superwahljahr 2024 wird Freches mit einem Berg von Problemen konfrontiert. Das vielleicht größte Problem ist für den 59-Jährigen, dass sich die PFF seit mehr als 20 Jahren auf Talfahrt befindet. Jetzt hat sie obendrein ihre föderale Abgeordnete verloren. Das macht die Aufgabe nicht einfacher.

Die Liberalen sind seit der Wahl von 2019 mit nur noch 11,36 Prozent die schwächste Kraft im DG-Parlament – schwächer als Ecolo (12,51 Prozent) und Vivant (14,81 Prozent), die ebenfalls drei Sitze im PDG haben.

„Wir können uns keinen Stillstand erlauben“: Der neue Vorsitzende der PFF, Gregor Freches. Foto: Gerd Comouth

Begonnen hat der Abwärtstrend nach der Wahl von 1999. Damals war die PFF mit 21,32 Prozent und 6 von 25 Sitzen die zweitstärkste Kraft hinter der CSP.

Nun ist Gregor Freches mit Sicherheit kein Typ wie der Vorsitzende der liberalen Schwesterpartei MR, Georges-Louis Bouchez, der fast täglich in der Manier eines Wadenbeißers die Konfrontation nicht nur mit der Opposition, sondern auch mit den Koalitionspartnern im föderalen Parlament sucht, insbesondere mit Sozialisten und Grünen.

Populistische Töne wie die von Bouchez sind dem neuen Parteichef der PFF eher fremd. Trotzdem wird auch Freches lernen müssen, sich Gehör zu verschaffen – und das erreicht man nicht, wenn man nur „brav und anständig“ ist. Anders ausgedrückt: Freches muss etwas „frecher“ werden…

Wenn es dem neuen PFF-Vorsitzenden nämlich nicht gelingt, den seit zwei Jahrzehnten anhaltenden Abwärtstrend zu stoppen, verliert seine Partei bei der nächsten Wahl sogar die Fraktionsstärke und wird ähnlich bedeutungslos wie in der Zeit zwischen 1968, als der Unternehmer Gert Noël in einem „amerikanischen“ Wahlkampf („I like Gert!“) für einen „blauen Frühling“ in Ostbelgien sorgte, und 1974, als ein gewisser Fred Evers quasi aus dem Nichts und nur dank der Zufälle des belgischen Wahlsystems quasi über Nacht Kammerabgeordneter wurde, in den folgenden 30 Jahren aber die PFF zu einer festen Größe in Eupen und Ostbelgien machte.

Gemeinschaftssenator Gregor Freches im Parlament der DG. Foto: PDG/CK

Freches ist sich der Probleme durchaus bewusst. „Wir können uns keinen Stillstand erlauben. Wir brauchen verstärkte Kommunikation nach außen und nach innen“, sagte er bei seiner Vorstellung als Parteichef. Er wolle „bei den Mitgliedern das Vertrauen in die liberale Partei zurückgewinnen“.

Freches plant einen „offenen Parteitag“ noch in diesem Jahr, „um das Feedback der Meinungen der Mitglieder zu erhalten und um untereinander zu diskutieren“, einen „größeren internationalen Parteitag im Frühjahr 2023“ sowie die Wiederbelebung der „Liberalen Woche“.

Was die DG insgesamt betrifft, so strebt der neue Vorsitzende der Liberalen die Übertragung der Zuständigkeit für den Bereich Umwelt an, weil dies den Unternehmen und den Landwirten in Ostbelgien zugute komme. „Nach der Übertragung der Raumordnung sind wir davon überzeugt, dass das eine nicht ohne das andere geht“, so Freches: „Es besteht eine perfide Situation für unsere Unternehmer, die einen sogenannten ‚Permis unique’ beantragen müssen: 1 Akte an die Raumordnungsbehörde DG und 1 Akte an die Umweltbehörde in Namur.“

Zudem will Freches erreichen, dass man mehr der spezifischen geografischen Lage der DG als Grenzregion Rechnung trägt, weil diese nicht vergleichbar sei mit dem Inland und in vielen Bereichen das Wachstum der Region erschwere. (cre)

Weitere Infos zu den Schwerpunkten des neuen PFF-Vorsitzenden finden Sie unter folgendem Link (bei Smartphones auf Feld „Oder weiter zur Website“ klicken):

PFF: „JEDER TAG IST EIN WAHLKAMPFTAG“

19 Antworten auf “„Jeder Tag ist ein Wahlkampftag“: Der neue Parteichef Gregor Freches muss die Talfahrt der PFF stoppen”

  1. verkehrte Welt

    Die Talfahrt stoppen, ohne Bremsen und ohne Motor?
    Und das will er erreichen indem er den Bereich Umwelt übernimmt?
    Ähm …
    Geld ist der Motor für Alles! Die Fördergelder für den ländlichen Raum, die aus dem Topf der europäischen Agrarpolitik kommen, werden vom Landwirtschaftsministerium verwaltet! Mit dem Bereich Umwelt bleiben wir Bittsteller der Wallonie, wir halsen uns nur weitere Zuständigkeiten auf, für die der Wasserkopf in Eupen wieder sehr viele neue Referenten braucht.

  2. Wie wäre es mit einem eigenen Profil? Ich sehe nur Parteien die sich darin überbieten das „grünste“ Profil zu zeigen um sich dann von ECOLO instrumentalisieren zu lassen – siehe Gemeinderat in Raeren. Irgendwann war der PFF Diener dem ECOLO-Fürsten dort zu fade geworden, da hat er sich den CSP Diener an den Thron geholt. Aber ein Liberaler mit „Ziegenhof“ in Eupen ist nicht unbedingt das was man sich als liberal gesinnter Wähler unter einer Alternative zum „grünen Zeitgeist“ so vorstellt….🤔

  3. Marcel scholzen eimerscheid

    Um wieder glaubwürdig zu sein in der Gemeinde Büllingen sollte sich die Pff bei den Einwohnern entschuldigen für das Überspringen der Herren Miessen und Stoffels auf die Liste des Bürgermeisters. So wäre ein Neuanfang möglich.

    Was die zwei abgeliefert haben, ist bei vielen nicht gut angekommen. Sollen sich entschuldigen und dann ist die Situation bereinigt.

    • Krisenmanagement

      @Marcel scholzen eimerscheid Da gebe ich ihnen vollkommen Recht. Nur das Beste kommt noch: Miesen und Stoffels scharren jetzt schon mit den Füssen, um bei der nächsten Wahl eine neue List zu gründen.

      Den einzigsten Vorteil von Freches sehe ich darin, dass er immer ansprechbar war. Aber das ist auch schon alles. Nicht zu vergessen, er war schon ein mal bei der Polizei. Er mag zwar viele freiheitliche Werte vertreten, aber für eine Erneuerung der Partei steht Gregor leider nicht. Er hat jahrelange die Jadin-Politik mitgetragen. Bei der Corona-Politik hat Freches auch mitgemacht. Vielleicht aus Angst, vielleicht aus Unwissenheit… Freches hat viel aufzuräumen. Aber ich bin nicht der Überzeugung, dass der neue Parteivorsitzende das wirklich schafft. Viele Regionalverbände sind klinisch Tod. Ich kann nur für den Verband Büllingen sprechen. Was Miesen da abgezogen hat, um an der Macht zu bleiben geht auf keine Kuhhaut. Es geht nicht nur um Wahlkampf. Wenn eine Partei ihre Werte verliert, kann sie Wahlkampf betreiben, wie sie will. Der potenzielle Wähler hat lange begriffen, dass er bei der Wallonischen Region und beim DG Parlament keine wirklichen Ansprechpartner hat. Nein viele Menschen haben die Nase voll von dieser Selbstbedienungsmentalität der Politiker. Viele wünschen sich einen möglichst ehrlichen und dem Bürger dienenden Staat. Nur ist das mit diesen Parteien wirklich zu erreichen. Für mich hat die PFF schon lange nichts mit liberal zu tun. Die Unternehmen mit Ostbelgischen Wurzeln ziehen Scharenweise weg. Zuletzt ist der Sankt Vither Schlachthof nach Bastogne gezogen. Es gibt viel zu tun Herr Freches.
      Die Landwirte werden eigentlich recht gut bedient seitens der Behörden aus der Wallonie. Deswegen sollte dieses System nicht geändert werden. Never touch a running system. Was uns übel aufstösst sind die Bedingungen für Natura 2000. Glaubt irgendeiner, dass das besser wird, wenn die Behörde in Eupen oder Sankt Vith sitzt? Die vollkommene Autonomie ist finanziell Irrsinn. Besonders in der heutigen Zeit. Wann kommt die Politik endlich zur Vernunft? Intelligente Ziele sehen anders aus!

  4. Wer zuletzt lacht

    Wenn man all die Forderungen und Wahlkampf-llusionen von Herrn Freches liest, entsteht der Eindruck, als habe seine geschätzte Vorgängerin Kattrin Jadin jahrelang alles verschlafen. Das ist nicht nur unmanierlich beleidigend, sondern politisch eine Dummheit.

    • Krisenmanagement

      @Wer zuletzt lacht Aber komischer Weise haben viele geschwiegen. Ich denke da an eine Versammlung im blauen Haus. Bei Abstimmungen mit Hand heben trauen sich nicht viele gegen die einzige Kandidatin zu stimmen.

  5. Neue Besen kehren gut ,aber die Alten kennen die Ecken besser . Herr Freches , Sie würden sich besser auf eine Sache konzentrieren , alles andere wäre der größte Schwachsinn . Wer hoch hinaus will wird am Ende tief fallen .

    .

    • Krisenmanagement

      @Logisch Meine politische Orientierung ist nicht an Parteipolitik gebunden. Noch etwas : Es ist nie gut, wenn eine Partei zu viel zu sagen hat. Für mich zählt das Engagement der Kandidaten.

  6. Beobachter

    Frau Jadin aus Eupen und Herr Miesen aus der Eifel haben nun die PFF verlassen. Herr Freches soll nun das Schiff flott machen mit drei Mandaten : PFF Präsident, Stadtratsmitglied in St Vith und Senator. Mit dem überflüssigen Senatsposten hat er wohl keine Arbeit.
    Wer soll ihn dabei unterstützen ? Der Lottokönig von der Kapitolziehung in Eupen oder die Nörgler und Leserbriefschreiber aus Kelmis ?
    Die kleine PFF mit 11,36 % Wählerstimmen in 2019 hat bei der Koalitionsbildung den Senatorposten gefordert und den unbeliebten und abgewählten roten Baron auf den Thron verholfen.
    Wer sich auf die Liste der PFF bei den nächsten Wahlen stellen lässt, hat Mut …!

  7. Besorgte Mutter

    Als eine Frau, die aus einer Familie stammt, in der immer die Liberalen gewählt worden sind, wünsche ich dem Herrn Freches eine glückliche Hand bei der Führung der PFF.
    Ich weise ihm aber darauf hin, dass ich die PFF wahrscheinlich bei den kommenden Wahlen erstmals nicht Wählen kann.
    Ich kann die PFF wahrscheinlich nicht Wählen, weil sich die Liberalen bis zum heutigen Tage nicht von dem vollkommen überzogenen polizeilichen Gewaltexes vom 23.01. diesen Jahres in Brüssel klar und deutlich distanziert haben.
    Herr Freches, jetzt liegt es ganz entscheidend an Ihnen, ob die Liberalen wieder zu einer Partei für FREIHEIT und Fortshritt wird. Aussitzen bringt nichts!

  8. Dem Durchschnitts- Bürger und Wähler geht’s jeden Tag ein bisschen schlechter.
    In den letzten Jahren ging’s den meisten Wählern so gut, dass sie sich verleiten liessen, nur „Pro“, „Grün“ oder „Kontra“ zu wählen.
    Den meisten wird aber so langsam klar, dass diese Scheuklappen Politik keine Zukunft mehr hat.

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