Der Großbrand im Hohen Venn wird irgendwann gelöscht sein – aber die Erholung der Landschaft wird wesentlich länger dauern. Sehr lange.
Rund 3.000 Hektar sind von den Flammen betroffen. Regen hat die Lage inzwischen etwas entspannt, doch insbesondere im Torfboden können Glutnester weiter schwelen.
Damit beginnt die eigentliche Herausforderung erst nach dem Ende des Feuerwehreinsatzes: Wie lange braucht das Hohe Venn, um sich von den Schäden zu erholen? Und wie sollte diese Erholung gestaltet werden?
Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Wald und Moor folgen unterschiedlichen natürlichen Entwicklungsprozessen. Während auf einer abgebrannten Waldfläche bereits innerhalb weniger Jahre wieder Vegetation und junge Bäume entstehen können, ist ein Hochmoor ein Ökosystem, dessen Entwicklung sich über sehr viel längere Zeiträume erstreckt. Entscheidend ist deshalb zunächst, wie tief das Feuer in den Boden eingedrungen ist und wie stark der Torfkörper geschädigt wurde.

18.08.2026, Belgien, Sourbrodt: Rausch schwebt über dem schwelenden Boden in der Nähe des Signal de Botrange am Ort des Brandes im Naturschutzgebiet Hohes Venn. Foto: Bruno Fahy/Belga/dpa
Gerade die Besonderheit des Moorbrandes macht die Situation im Hohen Venn so kompliziert. „Es ist einfach kein reiner Vegetationsbrand. Moore brennen anders als Vegetation“, sagt Tanja Sanders vom Thünen-Institut für Waldökosysteme. Das Feuer könne sich unsichtbar im Untergrund ausbreiten, sodass der eigentliche Brandherd kaum zu erkennen sei. In ausgetrocknetem Torf könne sich das Feuer sogar meterweit unter der Oberfläche fortbewegen und an anderer Stelle wieder nach oben kommen. Für die Einsatzkräfte bedeutet das einen enormen Wasserbedarf, weil der Boden bis in die Tiefe durchfeuchtet werden muss.
Damit ist auch eine der wichtigsten Aufgaben für die Zeit nach dem Brand beschrieben: Das Moor muss wieder nass werden. Der emeritierte Professor für Moorkunde, Hans Joosten, einer der international renommiertesten Moorwissenschaftler, bringt seine Forderung seit Jahren auf die denkbar kürzeste Formel: „Moor muss nass!“ Inzwischen ergänzt er den Satz: „Moor muss nass, und zwar sofort.“
Auch Daniel Hering, Professor für Aquatische Ökologie an der Universität Duisburg-Essen, unterstreicht die Bedeutung der Moore. „Moore speichern ungeheuer viel Wasser. Es sind somit die wichtigsten Wasserspeicher unserer Landschaft“, sagt Hering. Gleichzeitig speicherten sie enorme Mengen Kohlenstoff. Gerade angesichts zunehmender Trockenperioden wird damit deutlich, dass die Wiedervernässung nicht allein eine Frage des Naturschutzes ist. Sie kann auch dazu beitragen, Landschaften widerstandsfähiger gegen Extremwetter und Feuer zu machen.
Wie schnell sich ein geschädigtes Moor tatsächlich erholt, hängt allerdings stark vom Ausmaß des Schadens ab. Die oberirdische Vegetation kann unter günstigen Bedingungen bereits innerhalb weniger Jahre wieder zurückkehren. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass damit auch das Moor als Ökosystem wiederhergestellt ist. Ein Torfkörper entsteht über sehr lange Zeiträume.
Wo der Brand lediglich die Vegetation geschädigt hat und der Wasserhaushalt intakt bleibt oder rasch wiederhergestellt werden kann, sind die Voraussetzungen für eine natürliche Regeneration deutlich besser. Wo dagegen Torf verbrannt ist, ist ein Teil der über Jahrtausende entstandenen Substanz unwiederbringlich verloren.

18.08.2026, Belgien, Sourbrodt: Rauch schwebt über der verbrannten Landschaft in der Nähe des Signal de Botrange am Ort des Brandes im Naturschutzgebiet Hohes Venn. Foto: Bruno Fahy/Belga/dpa
Auch der Biologe Tobias Ceulemans von der Universität Antwerpen richtet den Blick deshalb auf die Vorgeschichte des Brandes. Das Hohe Venn sei eigentlich ein Moorgebiet, das nur schwer in Brand geraten sollte. Die jahrzehntelange Entwässerung habe jedoch dazu beigetragen, dass Teile des Gebietes trockener wurden. Für die Nutzung solcher Flächen als Forststandort findet Ceulemans deutliche Worte: „Auf solchen Böden müsste es verboten sein, Nutzforst anzulegen.“
Diese Einschätzung könnte für die Zukunft des Hohen Venns von großer Bedeutung sein. Nach dem Feuer stellt sich nicht nur die Frage, welche Bäume auf den betroffenen Flächen wachsen sollen.
Viel grundlegender ist die Frage, welche Flächen überhaupt wieder Wald werden sollten und wo die Wiederherstellung der Moorlandschaft Vorrang haben muss. Gerade auf Moorböden könnte es sinnvoller sein, den Wasserhaushalt zu reparieren und eine natürliche Moorentwicklung zu fördern, statt die Flächen möglichst schnell wieder mit Bäumen zu bepflanzen.
Bei den eigentlichen Waldflächen ist die Ausgangslage günstiger. Nach einem Brand kann sich die Natur erstaunlich schnell zurückmelden. Gräser, Kräuter und Sträucher besiedeln die offenen Flächen, und Pionierbaumarten wie Zitterpappel, Birke oder Eberesche können einen jungen Vorwald bilden.
Der Biologe Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde kommt bei der Untersuchung von Waldbrandflächen zu einem bemerkenswerten Schluss: „Der Wald erholt sich am nachhaltigsten von selbst.“ Nach seiner Einschätzung kann es deshalb sinnvoll sein, die natürliche Entwicklung zunächst zu beobachten und nicht vorschnell mit großflächigen Pflanzungen einzugreifen.
Das bedeutet nicht, dass nach einem Großbrand überhaupt nichts getan werden sollte. Vielmehr kann der Waldumbau dort ansetzen, wo die natürliche Regeneration nicht ausreicht oder wo ein besonders widerstandsfähiger Wald entstehen soll.
Jürgen Bauhus, Professor für Waldbau an der Universität Freiburg, beschäftigt sich seit Jahren mit der Anpassung der Wälder an den Klimawandel. Seine Forschung zeigt unter anderem, dass Mischbestände Vorteile gegenüber gleichförmigen Beständen haben können. In einem seiner Forschungsprojekte lautet eine zentrale Erkenntnis: „Buche und Tanne wachsen in Mischung besser.“
Für das Hohe Venn könnte daraus ein langfristiger Ansatz entstehen: Wo Waldstandorte betroffen sind, könnte zunächst die natürliche Wiederbewaldung zugelassen und gegebenenfalls durch standortgerechte Baumarten ergänzt werden.

18.08.2026, Belgien, Weismes: Löschwasserbehälter des Technischen Hilfswerks (THW) stehen in der Nähe des Ortsteils Sourbrodt am Waldrand. Foto: Sascha Thelen/dpa
Die Zeiträume unterscheiden sich dabei erheblich. Auf einer geeigneten Waldfläche können bereits nach wenigen Jahren wieder junge Bäume stehen. Nach einigen Jahrzehnten kann daraus ein junger, strukturreicher Mischwald entstehen. Bis sich daraus ein ökologisch komplexer, ausgewachsener Wald mit großen Bäumen, verschiedenen Altersstufen und entsprechendem Lebensraumangebot entwickelt, können jedoch viele Jahrzehnte vergehen. Der Wald ist damit schneller wieder sichtbar als das Moor – aber auch er wird nicht innerhalb einer Generation wieder genau so aussehen wie vor dem Brand.
Beim Moor ist die Zeitdimension noch größer. Eine Rückkehr typischer Pflanzen kann vergleichsweise früh einsetzen, wenn der Wasserhaushalt wieder stimmt. Die Wiederherstellung eines funktionierenden, torfbildenden Hochmoores ist dagegen ein langfristiger Prozess. Das macht den aktuellen Brand auch zu einer Warnung für die Zukunft: Ein nasses Moor ist nicht nur wertvoller Lebensraum und Kohlenstoffspeicher, sondern auch deutlich weniger leicht entflammbar als ein ausgetrockneter Torfkörper. „In intakten Mooren kann der Torf nicht brennen“, sagt der nordrhein-westfälische BUND-Landesvorsitzende Holger Sticht.
Für das Hohe Venn ist diese Frage von besonderer Bedeutung, weil die Landschaft weit über ihre ökologische Funktion hinausgeht. Das Moorgebiet gehört zu den wichtigsten touristischen Attraktionen Ostbelgiens.
Menschen kommen aus Belgien, Deutschland und den Niederlanden, um die offene Landschaft, die Holzstege, die besondere Vegetation und die charakteristische Atmosphäre des Venns zu erleben. Die Folgen des Brandes werden deshalb auch für den Tourismus spürbar sein. Wege und Flächen könnten über längere Zeit gesperrt bleiben, um die Regeneration zu schützen oder weil der Boden noch nicht ausreichend stabil ist.

16.08.2026, Belgien, Sourbrodt: Verbrannte Bäume, Sträucher und Waldboden, aus dem weiterhin dichter Rauch aufsteigt. Foto: Christoph Reichwein/dpa
Gerade darin liegt allerdings auch eine Chance. Die Regeneration des Hohen Venns könnte selbst zu einem langfristigen Natur- und Bildungsprojekt werden. Wo heute verbrannte Flächen zu sehen sind, könnten Besucher in einigen Jahren die ersten Pionierpflanzen beobachten, später junge Birken und Zitterpappeln und irgendwann wieder einen neuen Wald. Auf den Moorflächen könnte sichtbar werden, wie Wiedervernässung und natürliche Regeneration funktionieren. Der Wiederaufbau der Landschaft könnte damit nicht nur eine ökologische, sondern auch eine touristische Geschichte erzählen.
Das setzt allerdings voraus, dass der Tourismus der Natur genügend Zeit lässt. Das Ziel kann nicht sein, möglichst schnell wieder denselben Zustand wie vor dem Brand herzustellen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, welche Landschaft das Hohe Venn in 30, 50 oder 100 Jahren haben soll.
Ein Wald kann innerhalb von Jahrzehnten neu entstehen. Ein Moor kann sich oberirdisch ebenfalls relativ schnell begrünen, doch die Wiederherstellung eines intakten Torfkörpers und seiner vollständigen Funktionen reicht weit über menschliche Planungshorizonte hinaus.
Der Großbrand könnte deshalb zu einem Wendepunkt werden. Die Region steht vor der Möglichkeit, nicht einfach das zu ersetzen, was verloren gegangen ist, sondern die Widerstandsfähigkeit der Landschaft zu erhöhen: durch wiedervernässte Moore, durch natürliche Waldregeneration, durch standortgerechte Mischwälder und durch eine vorsichtige, wissenschaftlich begleitete Entwicklung der Brandflächen.
Das Hohe Venn wird sich erholen – aber nicht überall im gleichen Tempo. Der Wald kann in einigen Jahren wieder junges Grün zeigen und sich über Jahrzehnte zu einem neuen Bestand entwickeln. Das Moor braucht wesentlich länger. Seine Vegetation kann zurückkehren, doch ein verlorener Torfkörper lässt sich nicht einfach ersetzen.
Für eine Region, deren Identität und touristische Attraktivität so eng mit dieser Landschaft verbunden sind, bedeutet das: Der Wiederaufbau nach dem Feuer ist kein Projekt für die nächsten Jahre allein. Er ist eine Aufgabe für mehrere Generationen. (cre/dpa)
Zum Thema siehe auch folgenden Artikel auf OD: