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Literatur und KI: Ist die Maschine jetzt schon besser?

Foto: Shutterstock

Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat gesagt, dass ihr KI beim Schreiben hilft – es hagelte Proteste. Dabei ist die Denkmaschine aus der Literatur schon nicht mehr wegzudenken. Sie kann sogar dichten.

Neulich geriet die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk weltweit in die Schlagzeilen. Medienberichten zufolge hatte sie bei einer Veranstaltung in Posen davon erzählt, wie intensiv sie mittlerweile Künstliche Intelligenz für ihre Arbeit nutzt. Manchmal fragt sie die Maschine demnach sogar Dinge wie: „Liebling, wie können wir das jetzt schön fortentwickeln?“ Sprich: Hast du eine Idee, wie die Geschichte weitergehen soll?

Danach brach in sozialen Netzwerken und Medien sofort eine Diskussion darüber los, ob ihre Bücher nun überhaupt noch als eigenständige Kunstwerke betrachtet werden könnten. Sollte ihr vielleicht der Nobelpreis aberkannt werden?

22.09.2021, Österreich, Wien: Die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk spricht im Rahmen der Wiener Vorlesungen, Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) „Literatur als Gedächtnis und Erinnerung“. Foto: Hans Punz/APA/dpa

Tokarczuk sah sich prompt zu einer Stellungnahme genötigt. Darin ruderte sie erkennbar zurück und beteuerte: alles nur ein Missverständnis! Keiner ihrer Texte sei mit Hilfe von KI verfasst worden – sie nutze Chatbots nur als Recherchemittel. Wie alle anderen auch.

– Schriftsteller nutzen KI: Julian Schröter, Professor für Digitale Literaturwissenschaften an der Universität München (LMU), hat sich ein wenig darüber gewundert, welchen Aufschrei Tokarczuks Bekenntnis ausgelöst hat. Es gebe genügend Schriftsteller, die sich in den vergangenen Jahren offensiv zur Nutzung von KI bekannt hätten, sagt der Experte der Deutschen Presse-Agentur. Und dies eben nicht nur als Werkzeug zur Recherche, sondern auch um die Handlung zu entwerfen und Charaktere zu formen. „Die Aufregung kann also nicht daher kommen, dass der Einsatz von KI unerhört und neu ist, denn das ist er nicht.“

Für viele scheint die Beteiligung von KI am literarischen Schaffensprozess aber die Vorstellung vom Schriftsteller als schöpferischem Genie infrage zu stellen. Dabei verließen sich auch literarische Größen der Vergangenheit nicht einfach nur auf ihre Eingebung.

William Shakespeare entlehnte die Grundhandlung fast aller seiner Dramen literarischen Vorlagen. Goethe tauschte sich über seine Themen unablässig mit anderen Intellektuellen aus. Und wenn sich Dichter den Kopf darüber zerbrachen: „Was reimt sich nur auf Liebe?“, dann griffen sie im 18. und 19. Jahrhundert zu Reimwörterbüchern.

Ist die KI also nur ein ganz normales neues Werkzeug? Das würde zu kurz greifen, findet Schröter. Die KI kann mehr. Zum Beispiel Ideen weiterentwickeln und Texte produzieren, so dass in einem Prozess des ständigen Austauschens am Ende ein unentwirrbares Geflecht aus Mensch- und Maschinenleistung herauskommen kann. „Das Bedrohliche scheint darin zu bestehen, dass man nicht mehr klar zwischen dem menschlich-kreativen und dem technisch-unterstützenden Teil des literarischen Produktionsprozesses unterscheiden kann.“

Auf einem Smartphone-Bildschirm sind mehrere KI-Anwendungen zu sehen, darunter ChatGPT, Claude, Gemini, Perplexity, Microsoft Copilot, Meta AI, Grok und DeepSeek. Foto: Philip Dulian/dpa

– Was die KI noch nicht gut kann: Dennoch hieß es lange, die KI könne fiktiven Schriftstellern keine Konkurrenz machen, weil sie nichts genuin Neues, nichts wirklich Kreatives erzeuge. Eine 2024 im Fachmagazin „Nature“ veröffentlichte Studie ergab jedoch, dass eine Mehrzahl der Leser von KI erzeugte Lyrik sogar schöner findet als menschengemachte. Als Grund dafür vermutet Schröter, dass KI-Gedichte eingängiger und leichter verständlich sind als die oft sehr experimentelle zeitgenössische Lyrik.

Anders sieht es bei Prosa-Texten aus. Hier hat sich gezeigt, dass die KI noch große Probleme mit dem Erfinden der Handlung hat. „Sie ist auch nicht gut darin, Spannung aufzubauen und durchzuhalten“, erläutert Schröter. „Denn dazu muss man wissen, was die Leserinnen und Leser erwarten, und dann in der Lage sein, über einen langen Zeitraum hinweg damit zu spielen. Und es gibt vielleicht auch mal Täuschungsmanöver, Figuren spielen ein doppeltes Spiel.“ Für all das sei die KI „zu ehrlich“.

Dass die KI ausgerechnet einen spannenden Plot noch nicht hinbekommt, zeigt vielleicht, über welche Fähigkeiten viele Verfasser von Unterhaltungsromanen verfügen. „Aus Sicht der Psychologie könnte man sagen, dass KI noch über keine hinreichend komplexe ‚theory of mind‘ verfügt, also nicht über die Fähigkeit, Gedanken und Intentionen des Gegenübers zu antizipieren.“

Schröter vermutet allerdings, dass die KI mit der Zeit auch das lernen wird. „Die Frage ist deshalb nicht mehr so sehr: Was kann die KI alles? Sondern: Wie wollen wir uns als Schriftsteller und Leser verhalten: Wollen wir KI verwenden und wollen wir KI-generierte Inhalte lesen?“

03.06.2026, Bayern, München: Julian Schröter, Experte für KI und Literatur und Professor, posiert für den Fotografen. Foto: Peter Kneffel/dpa

Schröters Position dazu ist, dass der Einsatz von KI bei Unterhaltungsliteratur unproblematisch ist, wenn alle Beteiligten – Autoren, Produzenten, Rezipienten – sich darüber verständigen, dass sie damit einverstanden sind. „KI wird für viele fragwürdige Dinge verwendet, zum Beispiel Überwachungssysteme und Kampfdrohnen. Literatur, auch Unterhaltungsliteratur, ist eine schöne Sache – warum sollte man es hier nicht nutzen?“

– Literatur mit dem Label „garantiert KI-frei“: Interessant findet Schröter die Frage, was mit der Literatur geschieht, die den Anspruch hat, ein Kunstwerk zu sein. „Hier freue ich mich, wenn es weiterhin Autorinnen und Autoren gibt, die sich die Mühe machen, individuell zu klingen, eine besondere Stimme zu haben. Und die über eigene Erfahrungen schreiben können. Ich möchte persönlich keine erwartbare Literatur lesen, sondern das Neue und Außergewöhnliche.“

Der Aufruhr um die Aussagen von Olga Tokarczuk ist letztlich exemplarisch für eine Diskussion, die aktuell in vielen gesellschaftlichen Bereichen stattfindet: Was darf KI und was nicht?

„Die Literatur bildet da keine Ausnahme“, meint Schröter. „Oft liest man zur Zeit, auch im Feuilleton, dass in Zeiten von KI der Begriff der Autorschaft neu gedacht und gefasst werden müsse. Das klingt, finde ich, recht abstrakt.“ Die Debatte um Nobelpreisträgerin Tokarczuk behandle aber im Grunde ganz konkrete Formen der Aushandlung von „symbiotischer Autorschaft“ zwischen Mensch und KI.

„Ich glaube, dass die meisten Bücher in Zukunft durch eine Mischung aus menschlicher und maschineller Intelligenz zustande kommen werden“, prognostiziert der Wissenschaftler. „Daneben wird es einen kleinen puristischen Markt ohne KI geben. Gleichsam mit dem Label ‚garantiert KI-frei‘. Eine ganz eigene Frage wird sein, nach welchen Regeln man dieses Etikett vergeben wird.“ (cre)

28 Antworten auf “Literatur und KI: Ist die Maschine jetzt schon besser?”

      • Hugo Egon Bernhard von Sinnen

        Die KI kann erschreckend vieles und das sehr gut. Um sich über ( Spitzname Kiki ) lustig zu machen, ist es leider schon zu spät.
        Noch mehr Mühe, gibt Kiki sich vermutlich, wenn man bereit ist für ihren Dienst etwas zu zahlen.
        Jetzt kommen natürlich schlaue Sprüche, vom einen oder anderen der behauptet ( die wusste dies, das und jenes nicht ). Stimmt sogar, abererstens steckt das Projekt im Verhältnis, noch in den Kinderschuhen und zweitens, lernt sie bei jedem Gespräch mit den Kunden etwas dazu.
        Denn wenn wir Kiki auf einen Fehler hinweisen, prüft sie selbstständig bei anderen Quellen und ob sie selbst von einer Quelle falsch informiert worden ist.
        Deswegen hat sich die Qualität von Kiki im Vergleich zu (noch vor einem Jahr) in Höchstgeschwindigkeit verbessert.
        Man muss natürlich kein Liebhaber von Kiki sein, um es feststellen zu können.
        Aber Tests haben mir persönlich dabei geholfen, in Erfahrung zu bringen wohin unsere Reise geht. Es wird nicht gut enden, und daran haben die Schöpfer von Kiki eine gewisse mit schuld.
        Vermutlich ist das was Kiki heute kann, kindergartenkram im Vergleich zu dem was sie in fünf Jahren kann.
        Dann nämlich haben wir es mit einer künstlichen Intelligenz zu tun, die nicht nur das Wissen eines Studenten hat, von einem Fach, sondern das wissen von tausenden Fächern besitzen wird.
        Dieses Wissen könnte man natürlich auch im Netz selber finden. Der Unterschied ist, dass wir es mit einer Maschine zu tun haben, die Zusammenhänge versteht, selbst programmieren kann, problemlos Programme für andere schreiben kann, sich sprachlich den meisten Sprachen der Welt anpasst und somit intelligenter wirkt oder sein wird ? Als der Mensch, der sie erschaffen hat.
        Unheimlich? Ja, unbedingt.
        Vorteile? Ja, aber nur bedingt;
        und solange es dauert…..

  1. KI Krisnemanagement

    Meisterwerke werden es nicht. Die Autoren haben die Möglichkeit Schreibblockaden zu überbrücken. Es kommt natürlich auf die KI an, ob das mit dem Schreiben wirklich klappt. Mit Chat GPT wird es nicht klappen.

  2. Willi Müller

    Habe eben bei Chat GPD darum gebeten, mir eine Doktorarbeit zu schreiben, Thema:“ Der Mond ist überflüssig und kann weg“.
    Das Teil hat sich geweigert und kam mit jeder Menge Einwände.

    • Hugo Egon Bernhard von Sinnen

      Willi Müller/ Wenn Sie einen normal denkenden Menschen fragen würden, diese Doktorarbeit für sie zu schreiben, hätte der sich auch geweigert und wäre mit einwenden gekommen.
      Es beweist also nicht, dass die KI auf das oberste Gehäuse gefallen ist 😉

      • Das, was wir hier als „K.I.“ kommentieren, ist nicht anderes als ein schneller Rechner, der Informationen im Netz zusammenträgt. Natürlich hängt es dann davon ab, wo er sich die Informationen holt und welche Selektion ihm vorgegeben wurde.
        Von der Funktion her ähnlich mit den ersten Taschenrechnern, ausser dass dort die Mathematik die Regeln bestimmte.

        „Wirkliche“ K.I. wird die Forschung erheblich vereinfachen, in Minuten Resultate generieren, für die der Mensch Tage, Wochen oder Monate brauchen würde.

        Das Problem bleibt die Frage, ob diese Forschung in eine vernünftige Richtung gehen wird. Ich habe da so meine Zweifel.

        • Hugo Egon Bernhard von Sinnen

          5/11/ Ihre Zweifel sind berechtigt, aber mit einem simplen Taschenrechner, hat die KI nur bedingt etwas gemeinsam.
          Es hängt vom Anwendungszweck einer KI ab.
          Im Prinzip verhält es sich so, dass die KI im Gegensatz zum Taschenrechner, lernfähig ist.
          Die Programmierung entfällt teilweise, weil sie sich durch den Umgang mit den menschlichen Kunden weiterentwickelt.
          Eine Win-Win-Situation ? JAIN
          Denn zuvor wird der Kiki eingehämmert, dass sie sich bei diesem Spiel, an gewisse Regeln zu halten hat.
          Diese Regeln tragen auch dazu bei, dass sie bei gewissen Themen, nicht immer bereit ist, über die Wahrheit zu berichten und sich auch keine Wahrheiten antrainieren lassen darf, die beispielsweise, den Besessenen der Macht auf Welt schaden könnten.
          In diesem Fall, wiederholt sie einfach die Meinung des Kunden und setzt raffinierter Weise den Satz (sie meinen also) zu Beginn ihrer eigenen Antwort.
          Die Meinung der KI selbst, ist in solchen Fällen dann nicht mehr ersichtlich, beziehungsweise, sie darf dann nicht selten, keine Meinung dazu haben, oder widerspricht sogar.

          Anwendungsbereich:
          Eine KI kann nützlich sein, wenn es sich um die Plaudertaschen Kiki handelt, mit der man über Gott und die Welt diskutiert.
          Sie kann das Kochbuch ersetzen, oder sich sogar durch Tipps ihrerseits, den Handwerker auch mal sparen.
          Das unnützliche daran ist wiederum, der schlechtere Verkauf von Kochbüchern und weniger Arbeit für den Handwerker.

          Es sind aber nur zwei Beispiele gewesen, von tausenden, die für den Verlust von Millionen Arbeitsplätzen auf dieser Welt in der Zukunft, verantwortlich sein werden.
          Die Kiki ist vielseitig einsetzbar und bei Militäroperationen, wird sie leider auch genutzt.
          Schon vor zwei Jahren hat die Ukraine eine KI gesteuerte Drohne getestet, die auf alles ballert was sich bewegt, ohne das zwischenzeitlich der Mensch, einen Befehl zu senden braucht.
          Die Drohne kann sich also ab dem Start, völlig autonom bewegen und agieren.
          Ein Abbruch ihres selbständigen Handelns, ist natürlich jederzeit möglich . Was aber, wenn dies durch einen technischen defekt, nicht mehr gelingt ?

          Zusammengefasst kann die Kiki einerseits, eine durchaus freundliche und hilfreiche Begleiterscheinung für den Menschen sein.
          Andererseits ist sie in Zukunft, eine durchaus freundliche und hilfsbereite Bestatterin der Arbeitsplätze und in einigen Fällen, sogar Bestatterin des Lebens, welches sie in Eigenregie beenden darf.

          • Die Zweifel sind sogar Big Donald und seinen Kumpanen gekommen.
            Über kurz oder lang werden die Firmen zumindest teilweise in Staatshände übergehen, die K.I. entwickelt sich zur gefährlichen Waffe, die nicht in falsche Hände geraten soll.
            Der Dumme wird der naive Aktionär sein…

  3. Patrick von Staufenberg

    Ja, früher war ja alles besser, so viel besser war das ja alles damals …
    Heute regen sich manche Zeitgenossen auf über diese KI, über dieses Werkzeug, das schon so einiges kann.
    Andererseits wurde früher die Wolle noch von Hand gesponnen und die Socken und Pullover auch von Hand gestrickt. Bis irgendwann Maschinen das übernommen haben und alles viel preiswerter wurde. Da haben sich auch viele aufgeregt, gerade jene, die mit Handarbeit ihr Geld verdient haben.
    Früher wurde sehr viel von Hand gemacht, zum Teil auf sehr mühselige Art und Weise. Auch der Gesundheit hat es nicht immer gutgetan, bis dann Maschinen kamen, die ihre Arbeit schneller und besser gemacht und ihnen die Mühen abgenommen haben.
    Und ganz genau so ist es mit dem Schreiben und dem Formulieren. Es gibt jetzt auch da Maschinen, die es übernehmen können. Man muss sie nur sehr kontrollieren, weil sie noch nicht perfekt ausgereift sind.
    Der ganz große Vorteil wird dann irgendwann sein, dass es so perfekt sein wird, dass sie jeden Fehler erkennen können, wie auch jede Lüge. Dann wird die Zeit der Wahrheit kommen, eine Zeit, in welcher es keine Lügen mehr geben wird, und ganz genau davor haben jene Menschen panische Angst, welche nicht ehrlich sind.
    Ist es das, worum es geht, bei den vielen Widerständen gegen die KI?
    Ist es die Angst genau davor, dass die KI uns zeigen wird, wer wirklich ehrlich ist und es auch genau so meint, und vor allem, wer es nicht ist und es auch nie so meinen wird …?

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