Reportagen

In Las Vegas, der „Stadt der Sünde“, kam der Tod aus dem Nichts

Dieses Panoramabild zeigt den Ort des Massenmordes (rechts im Bild) am 02.10.2017 am berühmten "Strip" von Las Vegas bei Nacht. Foto: Marcio Jose Sanchez/AP/dpa

Die Bluttat von Las Vegas gehört zu den entsetzlichsten Massenmorden, die die USA je erlebt haben. Erschwinglichkeit und Menschenmassen machen die Stadt zu einem der verwundbarsten weichen Ziele der Welt. Wird hier jetzt alles anders werden?

Dort vorne ragt es auf, das „Mandala Bay Resort and Casino“. Weiträumig abgesperrt schimmert sein kaltes Gold in den Septemberabend. Zwei ausgezackte Löcher klaffen in der perfekten Oberfläche.

Hier hämmerte Stephen Paddock, wohl mit einem Spezialwerkzeug, zwei Löcher in die raumschiffgleiche Außenhaut, hinter der er Podeste für seine Gewehre errichtet hatte. Dann zog er den Abzug.

Am berühmten „Strip“

Nur zum Nachladen ließ er los. So lange, bis die Waffe angeblich so stark rauchte, dass sie den Feueralarm auslöste. Er alleine dort oben in seinem Zimmer, mitten in der „Stadt der Sünde“. Mehr als 20.000 Feiernde unten, beim Country. Und keiner wusste, woher der Tod kam.

Fahnder untersuchen am 02.10.2017 in Las Vegas, Nevada, USA, das Festivalgelände nach Spuren. Ein Todesschütze hat dort bei einem Musikfestival mindestens 58 Menschen umgebracht und mehr als 500 verletzt. Foto: Chris Carlson/AP/dpa

Wenn man den berühmten „Strip“ hochgeht, kann man das Hotel viele Kilometer weit sehen. So weit hinauf konnte auch Paddock sehen, mit seinen Zielfernrohren allemal. Das „Mandala Bay“ im Rücken entfernt sich die entsetzliche Tat frappierend schnell. Hier ist Las Vegas rasch wieder ganz bei sich.

Die Musik aus Bars und Shops dröhnt und schrillt wie immer, Bässe drücken in den Bauch. Margaritas in Plastikkrügen, klirrendes Gelächter. Zigarettenqualm, Marihuana. Polizei, aber nicht mehr als sonst. Menschenströme schieben sich die dunkler werdende Straße entlang, sie sind etwas dünner als sonst.

Stunden nach dem Massenmord ist es warm in der Stadt des Lasters, aber die Hitze hat nicht mehr die sengende, atemberaubende Kraft des Sommers. Vorbei an den riesigen Hotels, „MGM“, „Bellagio“,Mirage», „Wynn“, „Encore“, „Venetian“.

Unfassbare Milliardenmaschinen

In diesen unfassbaren Milliardenmaschinen umfängt einen auch heute das immergleiche, stoische Halbdunkel, es ist nur noch etwas bizarrer. Slotmaschinen rasseln. An hinteren Wänden diskrete Aufforderungen zum Blutspenden, draußen prangen sie Weiß auf Schwarz auf gigantischen Elektrotafeln. Jennifer Lopez soll man bitte besuchen und auch den Cirque de Soleil, und wer nach der Bluttat einen Angehörigen vermisst, hier ist die Telefonnummer.

Menschen halten sich am 02.10.2017 in Las Vegas, Nevada, USA, in einem Raum der „United Blood Services“ auf, um Blut zu spenden. Foto: Ronda Churchill/ZUMA Wire/dpa

Nur Stunden zuvor sind Menschen in greller Panik um ihr Leben gelaufen. „Wildfremde haben sich ineinander gekrallt, Schutz gesucht, aber den gab es nicht“, sagt Sarah Macvaughan aus Chicago. „Es dauerte ewig.“ Sarah stand ganz vorne an der Bühne. „So ein friedliches Festival war das, so schöne drei Tage.“

Hunderttausende Touristen fluten diese Stadt unaufhörlich, dieses Emblem des Exzesses inmitten der Wüste, die so viel Platz hat auf ihren vielen Freiflächen von der Größe ganzer Dörfer. Unweit der großen Hotels gelegen, sind sie oft Schauplatz großer Festivals und fröhlicher Veranstaltungen.

Am Sonntag waren viele Ausgänge des Route 91 Harvest Festivals zugleich seine Eingänge. Als die Schüsse fielen und zunächst keiner wusste, woher, rannten verzweifelte, verängstigte Menschen wieder zum Eingang – dorthin, wo sie hergekommen waren. Menschen in Panik tun so etwas, sagen Psychologen. Sie flohen ihrem Tod entgegen. Auch das ist ein Grund, warum die Opferzahl so hoch ist. Mindestens 58 Menschen sterben, 527 werden verletzt.

Waffen haben und Waffen tragen

Beim Einsetzen der ersten Salven war Steven Nukryw aus Los Angeles gerade außerhalb des Geländes. Er rannte tatsächlich wieder rauf auf das Gelände, auf die Schüsse zu, sagt er, er musste doch sein Mädchen suchen. Er fand sie. Beiden ist nichts passiert, zumindest äußerlich nicht. Still sehen sie auf das Hotel.

Die Erschwinglichkeit, die großen Menschenmassen, sie machen Las Vegas zu einem der verwundbarsten weichen Ziele der Welt. Dies ist der Ort, an dem man fast überall fast alles darf, was in den sonst regelstrengen USA nur abgezirkelt erlaubt ist. Alkohol trinken auf der Straße, Rauchen in Innenräumen. Waffen haben und Waffen tragen, gilt doch in Las Vegas US-weit eines der laxesten Waffengesetze.

Rettungskräfte stehen am 02.10.2017 in Las Vegas (USA) neben einer abgedeckten Leiche. Foto: Steve Marcus/Las Vegas Sun/AP/dpa

Mit religiöser Inbrunst wird dieses Recht verteidigt. Nach Bluttaten kommen dann von allen Seiten die gleichen Reflexe hoch, das ist nach Las Vegas nicht anders. Ändern wird sich nach Lage der Dinge nichts, nicht in diesem Kongress und nicht mit Präsident Donald Trump.

Einige Hotels wurden vom Ministerium für Heimatschutz früher ausdrücklich dafür gelobt, dass sie in Sicherheitsfragen so gut kooperierten, etwa mit Software für Gesichtserkennung. Im „Venetian“ und im „Palazzo“ schauen sie einem bei der Einfahrt in die Garage ziemlich genau in den Kofferraum. Das kann im „Mandala Bay“ kaum passiert sein. Nach allem, was man weiß, schob Paddock dort sein Waffenarsenal in zwei langen Rolltaschen in den Fahrstuhl. 32. Stock.

Wird jetzt alles anders werden in Las Vegas? Teke Nelis ist aus Eritrea, eigentlich ein fröhlicher Mensch, und er fährt schon sehr lange Menschen durch diese sündige Stadt. „Es ist furchtbar für Vegas. Schlecht für alles. Dabei hatte der Mann doch alles, was er brauchte, oder? Ein Haus und Geld! Und er war doch Amerikaner!“

Große Unsicherheit

Wenn Paddock wirklich ein so unbescholtener Normalo war, wie es zunächst aussah, dann vergrößert dies das Grauen und verringert es nicht. Gegen den Einbruch des Bösen aus aller Welt, so versucht der Präsident es seinem Land wieder und wieder einzuimpfen, dagegen könne man sich abschotten. Aber was kann man tun gegen den jähen Ausbruch, gegen das Explodieren der Normalität im Inneren?

US-Präsident Donald Trump (2.v.l.) und First Lady Melania Trump (l.) sowie Vizepräsident Mike Pence und seine Frau Karen (r.) stehen am 02.10.2017 vor dem Weißen Haus in Washington für eine Schweigeminute. Foto: Pablo Martinez Monsivais/AP/dpa

Trump reagierte, als sei etwas wie Las Vegas eine zwar schlimme, aber doch mehr oder weniger unausweichliche Sache, die halt leider gelegentlich hereinbreche, etwa so wie ein Naturereignis. Nach dem sturmverheerten Puerto Rico besucht er also am Mittwoch das von einem Verbrechen heimgesuchte Las Vegas. Was wird er im Gepäck haben?

Trump reagiert bemerkenswert unterschiedlich darauf, ob ein Verbrechen zum Beispiel in Europa von Islamisten begangen oder in seinem eigenen Land von einem Weißen verübt wird. Nach Las Vegas war er deutlich verhaltener, viel weniger scharf als nach Paris, London oder Berlin. Und das Wort „Terror“, das er sonst so gern verwendet, es fiel nicht.

Gedenkgottesdienst in der Guardian Angel Kathedrale oben am Strip, auch Vertreter der Stadt und der betroffenen Hotelkette sprechen. Wenn man Las Vegas jetzt helfen wolle, dürfe man nicht fernbleiben, sagt Scott Sibella, Präsident von MGM Grand, beschwörend. Abgesandte der Stadt versichern, Las Vegas werde noch stärker zurückkommen.

Draußen versinkt die Sonne hinter den Bergen, zu Hunderttausenden flammen die Lichter auf. Bei einigen ist hier große Unsicherheit zu greifen, aber das Leben geht weiter. Und das Geschäft auch. (dpa)

Zum Thema siehe auch folgende Artikel auf „Ostbelgien Direkt“:

  1. Das Attentat wird vom IS reklamiert. Bisher hat der IS noch keine Anschläge reklamiert, die nicht von seinen Anhängern begangen wurden.

    Desweiteren sind Bilder (deren Richtigkeit noch überprüft werden müssen) aufgetaucht, die den Gegner als Teilnehmer einer Anti-Trump-Demo zeigen.

    Deswegen ist ein islamisch-sozialistischer Hintergrund für den Anschlag am wahrscheinlichsten.

  2. Zappel B.

    Sie könnten Recht haben, Edie und PB, es besteht aber noch die Möglichkeit dass der IS ihn radikalisiert hat. Nicht dass ich mir das wünsche, aber es wird ZZ ja noch untersucht. Vielleicht hat er aber auch nur eine schwere Kindheit gehabt… Auf jeden Fall ist es ein „meurtre avec premeditation“ (mit Vorsatz?) gewesen.
    Das Verrückte an der Sache ist aber, dass in USA sich jeder Irre eine oder mehrere Knarren jeden Kalibers kaufen kann. Zumindest ein Zentralregister jeden Waffenkaufs, mit der Regel eine „gemeldete Person = (nur) eine Waffe“ wäre schon mal ein Anfang. Und dann später vielleicht nur noch mit Jaeger- oder Waffenschein und o.g. Regel.

  3. 313.232.044 Einwohner
    50 Staaten
    „Im Schnitt 89 Tote durch Schusswaffen pro Tag“
    „355 Massenschießereien in 336 Tagen“ (= Schießereien mit mindestens 4 Toten u./o. Verletzten)
    —–
    Belgie:
    11.322.088 Einwohner
    62 töte mit waffen

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