Gesellschaft

20 Jahre Dschungelcamp: „Ekel-TV“, „Doof-TV“ oder „letztes Lagerfeuer des traditionellen Fernsehens“?

01.08.2015, Nordrhein-Westfalen, Hürth: Sänger Costa Cordalis jubelt nach der RTL-Show "Ich bin ein Star - Lasst mich wieder rein!". Er war 2004 der erste Dschungelkönig. Foto: Marius Becker/dpa

Neues Jahr, neues Dschungelcamp – und in diesem Jahr ein besonderes: Die Reis-und-Bohnen-Show mit wimmernden Halbprominenten wird 20 Jahre alt. Was früher noch als Ekel-TV gebrandmarkt war, ist mittlerweile ein Ritual geworden, auf das sich viele im Publikum einigen können.

Neil Armstrong war der erste Mensch auf dem Mond, Edmund Hillary und Tenzing Norgay die ersten auf dem Mount Everest – und Costa Cordalis der erste, der für das deutsche Fernsehen in die Schlangengrube stieg.

Im Januar 2004 leistete der Schlagerbarde mit der schwarzen Prachtmähne („Ich fand sie irgendwo allein in Mexiko, Anita“) Pionierarbeit. Cordalis war damals der erste Kandidat, der für die ganz neue Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ im fernen Australien in eine sogenannte Dschungelprüfung ging und sich zur Erheiterung des Publikums malträtieren ließ. Kaum absehbar war damals, wie viele seinem Vorbild folgen würden.

Schauspieler Felix von Jascheroff (Archivfoto vom 10.05.2022, oben, l), Schauspieler Heinz Hoenig (Archivfoto vom 23.09.2020, unten, l), Designerin Sarah Kern (Archivfoto vom 17.09.2023, Mitte, oben), Influencer twenty4tim (Archivfoto vom 26.04.2022, M), David Odonkor (Archivfoto vom 24.06.2021, Mitte, unten), Lucy Diakovska (Archivfoto vom 09.02.2023, oben, r) und Cora Schumacher (Archivfoto vom 31.08.2018). Sie gehören neben weiteren zu den Kandidaten des RTL-Dschungelcamp 2024. Foto: -/dpa

Mittlerweile weiß man es: 2024 gibt es das RTL-Dschungelcamp immer noch – am 9. Januar exakt seit 20 Jahren. Von Claudia Effenberg bis Rainer Langhans, von Dolly Buster bis Thomas Häßler wurden seitdem allerlei C-Promis durch das Pritschen-Lager geschleust. Und am 19. Januar startet die nächste Staffel. Im Jubiläumsjahr soll unter anderem Schauspieler Heinz Hoenig (72), honoriger Charakter-Mime in großen Mehrteilern, durch die Urwald-Mühle gedreht werden.

Bei karger Nahrung ausharren, mehr oder minder fiese Prüfungen überstehen – das Programm ist wohlerprobt. „Das Dschungelcamp ist neben ‚Wetten, dass..?‘ das letzte verbleibende Lagerfeuer des traditionellen Fernsehens, das eine große Reichweite besitzt“, sagt die Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher. Und „Wetten, dass..?“ wird je nach Entscheidung des ZDF möglicherweise nie wieder zu sehen sein.

Schon zu Beginn, 2004, wurden Top-Quoten eingefahren. Die erste Dschungel-Staffel kam nach RTL-Angaben auf einen fabelhaften Marktanteil von durchschnittlich 31,3 Prozent. Die Show war sofort das Gesprächsthema in Wohnzimmern, in Kantinen und auf Schulhöfen.

Die ersten Protagonisten ahnten dagegen selbst noch nicht so richtig, worauf sie sich eingelassen hatten. „Wir wussten gar nicht, was die mit uns vorhatten in diesem Camp“, gab Cordalis 2015 zu. Dabei gab es die Show eigentlich schon seit 2002 in Großbritannien. Ins deutsche Camp zogen etwa Moderatorin Caroline Beil und Musiker Werner Böhm (Gottlieb Wendehals) ein. Aus damaliger Sicht Halbprominente, von denen man annahm, dass sie im Januar einfach nichts zu tun hatten.

Die Moderatoren Jan Köppen und Sonja Zietlow vom RTL – Dschungelcamp. Die neue Ausgabe des RTL-Dauerbrenners „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ geht am 19. Januar 2024 los. Foto: Pascal Bünning/RTL/dpa

Spätestens aber als der Casting-Kandidat Daniel Küblböck (DSDS), damals 18 Jahre alt, in einer Prüfung 30.000 Kakerlaken entgegenzitterte, war die Entrüstung groß. Bis dato waren Promis im deutschen Fernsehen meist in sterilen TV-Studios ein wenig verulkt worden. Nun lagen sie wie Küblböck dem Wimmern nahe in einem Glassarg am anderen Ende der Welt.

„Ekel-TV“ nannten es die einen, „Guantanamo Bay der deutschen Spaßgesellschaft“ („Der Spiegel“) andere. Schon vier Tage nach dem Start sah sich die Katholische Elternschaft Deutschlands (KED) in der Pflicht, die Absetzung zu fordern.

Es gab damals nichts Vergleichbares im deutschen Fernsehen“, erinnert sich RTL-Unterhaltungschef Markus Küttner. „Die Sendung war lauter und extremer als alle anderen TV-Sendungen zu dieser Zeit und hat daher recht stark polarisiert.“ Damals habe man sich auf das Dschungelcamp eingelassen, weil man an das Format geglaubt habe. „Aber dass die Quoten dann so durch die Decke gegangen sind, hat uns dann doch sehr überrascht“, sagt er. In den ersten Jahren sei es auch viel schwieriger gewesen, Promis für die Show zu gewinnen. „Wir haben uns immer von Staffel zu Staffel gehangelt“, sagt er.

Mit den Jahren änderte sich aber das Image des Dschungel-Zirkus, obwohl weiter Fisch-Eingeweide und „Kotzfrüchte“ aufgefahren wurden. Was früher vermeintlich Doof-TV für schlichte Gemüter gewesen war, wurde zunehmend als Kammerspiel für ein vom grauen Januar ermattetes Bildungsbürgertum verkostet. Großes Theater, nur eben mit Tierhoden.

23.09.2020, Nordrhein-Westfalen, Bergisches Land bei Köln: Der Schauspieler Heinz Hoenig sitzt bei einem Fototermin bei Dreharbeiten zur TVNOW Serie „Verbotene Liebe – Next Generation“ auf einer Treppe. Foto: Henning Kaiser/dpa

Der Fernsehwissenschaftler Lothar Mikos schrieb schon 2004, dass der Clou an der Show sei, dass sie „differente Bedeutungsangebote“ bereithalte. Spiel, Reality-Soap, Boulevard und Comedy vermischten sich. Das Publikum könne „abhängig von situativen und sozio-kulturellen Kontexten“ unterschiedliche „Schwerpunkte“ setzen. Anders gesagt: Für jeden, von oben bis unten, ist etwas dabei.

In Erinnerung blieb etwa die Staffel 2011, in der Model Sarah Knappik von Schauspieler Mathieu Carrière im Zuge größter Ränkespiele auf Knien angefleht wurde, freiwillig auszusteigen („Sarah, bitte verlass uns!“). In derselben Staffel geriet zudem eine Liaison zwischen der Bro’Sis-Sängerin Indira Weis und dem US5-Musiker Jay Khan unter akuten Heuchel-Verdacht.

In keiner Dschungel-Chronik fehlen darf auch Schauspielerin Ingrid van Bergen, die 2009 mit damals 77 Jahren mit all ihrer Rest-Grandezza lebende Maden herunterwürgte – und gewann.

Costa Cordalis selbst, der 2019 starb, zeigte sich zeitlebens zufrieden mit seiner Entscheidung mitzumachen – auch er gewann die Staffel. Die Schlangengrube war damals allerdings auch nicht das größte Problem. Mit der Teilnahme habe er seine Ehe gefährdet, berichtete er später. Ehefrau Ingrid habe mit Scheidung gedroht. (dpa)

12 Antworten auf “20 Jahre Dschungelcamp: „Ekel-TV“, „Doof-TV“ oder „letztes Lagerfeuer des traditionellen Fernsehens“?”

  1. Jeder wie er will. Da meine ist es auch nicht.
    aber warum nicht. Es gibt ja auch welche die schauen 2 Wochen Leuten zu die Pfeile auf eine Korkscheibe schmeissen, während sich im Hintergrund Menschen den Kopp zuknallenund dabei irgendwelche Lieder gröhlen.
    Also was soll der Aufschrei, weenn es nicht gefällt, ausschalten oder erst gar nicht einschalten.

  2. Robin Wood

    Ich denke mal, wenn es nicht genügend Zuschauer gäbe, würde man die Sendung einstellen. Noch scheint es sich wohl für den Sender zu lohnen. Angebot und Nachfrage bestimmen den Markt. Solange man mich nicht zwingt, das zu schauen, kann die Sendung von mir aus noch Jahre dauern. Dann schalte ich eben nicht ein, diese Freiheit habe ich Gottseidank.

  3. ich bin doooooof

    Wird geguckt und ich freue mich drauf. Das Interessante an der Sendung sind aber keineswegs die Prüfungen, noch wie prominent die Insassen sind.
    Das Interessante an der Sendung ist das Zwischenmenschliche und die Abgründe die sich auf tun, wenn nach ein paar Tagen Hunger und Schlafmangel einsetzten.
    Wie dann die anfänglichen allgemeine Freundschaft umschlägt in Neid um die letzte Bohne, Missgust, Intrigen, Paranoia … umschlägt.
    Wie im wahren Leben. Ein Spiegelbild unser Gesellschaft und den Umgang miteinander.
    Das macht diese Sendung sehenswert.
    Aber gut ihr lieber Rosamunde Pilcher, USA Blockbuster und Schlagersendungen

  4. ich bin dooooof

    Genau ich bin doof, das ist kein Problem.
    Problematisch sind die Leute die nicht merken ,dass sie doof sind.
    95 % der Kommentare hier, werden von den immer gleichen superschlauen Doofies geschrieben.
    Nicht wahr Frau

  5. spezial für Euroskeptiker

    Euroskeptiker dürften jetzt den Zugzwang empfinden, diese Serie als „doch nicht sooo doof“ einzustufen: ihr Liebling Nigel Farage hat ja schließlich letztes Jahr am britischen „Dschungelcamp“ teilgenommen.

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