Meinung, Sport

Ist FIFA-Boss Gianni Infantino (mit Donald Trump) der Totengräber des Weltfußballs? [Zwischenruf]

FIFA-Präsident Gianni Infantino mit der WM-Trophäe (l). Titelseite der Sportzeitung "L'Équipe" (r). Fotos: Tony Gutierrez/AP/dpa - Screenshot L'Équipe

„Où s’arrêteront-ils?“ – „Wo werden sie aufhören?“ Mit dieser Schlagzeile macht die französische Sportzeitung „L’Équipe“ auf den Fall aufmerksam, der in diesen Tagen die gesamte Fußballwelt bewegt. Auf der Titelseite stehen Donald Trump und Gianni Infantino mit dem Weltpokal. Und es fliegen US-Dollars durch die Luft. Treffender lässt sich der Zustand des Weltfußballs derzeit kaum darstellen.

Die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA ist vorbei. Sie wird wegen großer Spiele und eines verdienten Weltmeisters in Erinnerung bleiben. Sie hat aber auch Fragen hinterlassen, die weit über den Sport hinausreichen.

Fragen nach der Unabhängigkeit der FIFA. Nach ihrer Nähe zur politischen Macht. Und nach ihrer Bereitschaft, den Fußball immer stärker wirtschaftlichen Interessen unterzuordnen.

05.12.2025, USA, Washington: Fußball: WM, Auslosung der Vorrunde im John F. Kennedy Center for the Performing Arts. US-Präsident Donald Trump (l) erhält den FIFA-Friedenspreis von FIFA-Präsident Gianni Infantino. Foto: Chris Carlson/AP/dpa

Der Wendepunkt hatte einen Namen: Balogun. Als der amerikanische Nationalspieler Folarin Balogun nach einer Roten Karte automatisch für das nächste Spiel gesperrt war, schien der Fall eindeutig. Die Regeln der FIFA ließen kaum Spielraum. Doch dann griff Donald Trump persönlich zum Telefon und kontaktierte FIFA-Präsident Gianni Infantino.

Ob der Anruf tatsächlich ausschlaggebend war oder nicht, ist heute fast zweitrangig. Entscheidend ist der Eindruck, der entstand: dass nämlich politische Macht selbst während einer Fußball-Weltmeisterschaft Einfluss auf sportrechtliche Entscheidungen nehmen kann.

Für die Glaubwürdigkeit des Fußballs war das verheerend. Denn der Fußball lebt nicht nur von Emotionen. Er lebt von der Gewissheit, dass seine Regeln für alle gelten – unabhängig von Macht, Geld oder politischem Einfluss. Sobald dieser Glaube verloren geht, verliert der Sport sein wertvollstes Kapital: Vertrauen. Schon zuvor hatte Gianni Infantino Donald Trump den FIFA-Friedenspreis verliehen.

Und nun folgt der nächste Schritt. Infantino will Investoren an den kommerziellen Rechten der FIFA beteiligen. Was als innovative Finanzierung verkauft wird, ist in Wahrheit ein Paradigmenwechsel. Der Weltfußball soll noch stärker nach den Regeln der Finanzmärkte organisiert werden. Rendite, Wachstum und Kapital werden zu Leitbegriffen eines Sports, dessen Stärke immer darin lag, mehr zu sein als ein Geschäft.

28.08.2018, USA, Washington: US-Präsident Donald Trump (r) hält während eines Treffens mit FIFA-Präsident Gianni Infantino im Oval Office des Weißen Hauses am 28.08.2018 eine Rote Karte hoch. Foto: Evan Vucci/AP/dpa

Natürlich braucht der moderne Fußball wirtschaftliche Stabilität. Internationale Turniere kosten Geld. Nachwuchsförderung kostet Geld. Infrastruktur kostet Geld. Aber Wirtschaft war bislang Mittel zum Zweck. Unter Infantino droht sie zum eigentlichen Zweck zu werden.

Der FIFA-Friedenspreis für Trump, der Fall Balogun und die jüngsten Investorenpläne haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Tatsächlich erzählen sie dieselbe Geschichte. Alle drei Episoden folgen derselben Logik: Der Fußball wird nicht mehr als gesellschaftliches Kulturgut verstanden, sondern als Produkt, das politisch genutzt und wirtschaftlich maximal verwertet werden soll.

Genau deshalb ist die Frage von „L’Équipe“ so treffend. „Wo werden sie aufhören?“ Diese Frage richtet sich inzwischen aber nicht mehr nur an Gianni Infantino und Donald Trump. Sie richtet sich vor allem an die Europäische Fußball-Union.

Die UEFA ist der einzige Fußballverband der Welt, der über genügend sportliche, wirtschaftliche und moralische Autorität verfügt, um der FIFA Grenzen zu setzen. Die Champions League ist der bedeutendste Vereinswettbewerb der Welt. Die Europameisterschaft ist neben der Weltmeisterschaft das wichtigste Turnier des internationalen Fußballs. Europas Vereine, Nationalmannschaften und Fans prägen den Weltfußball wie kein anderer Kontinent. Gerade deshalb trägt die UEFA eine Verantwortung, die weit über Europa hinausgeht.

29.06.2024, Berlin: UEFA-Präsident Aleksander Ceferin (l) und FIFA-Präsident Gianni Infantino auf der Tribüne. Foto: Robert Michael/dpa

Es reicht nicht mehr, kritische Erklärungen abzugeben. Wenn die FIFA den Fußball immer weiter zu einem Investmentprodukt entwickelt und politische Einflussnahme zur Normalität wird, muss die UEFA handeln. Sie muss Bündnisse mit anderen Kontinentalverbänden schmieden, klare rote Linien ziehen und sich jeder weiteren Kommerzialisierung um ihrer selbst willen widersetzen.

Und sollte all dies trotzdem scheitern, darf auch das Undenkbare kein Tabu sein: ein Boykott von FIFA-Wettbewerben durch Europas Vereine und Nationalmannschaften.

Ein solcher Schritt wäre historisch. Er würde den Weltfußball erschüttern. Aber vielleicht braucht es genau diesen Schock, um den Fußball vor einer Entwicklung zu bewahren, die ihn unwiederbringlich verändern würde.

Denn hier geht es nicht um einen Machtkampf zwischen FIFA und UEFA. Es geht um alles, was den Fußball zur beliebtesten Sportart der Welt gemacht hat: gleiche Regeln für alle, Fairness, Glaubwürdigkeit, die Kraft der Vereine, die Leidenschaft der Fans und die Überzeugung, dass dieses Spiel niemandem gehört – weder den Politikern noch den Investoren. (cre)

12 Antworten auf “Ist FIFA-Boss Gianni Infantino (mit Donald Trump) der Totengräber des Weltfußballs? [Zwischenruf]”

  1. Geldstrafe statt rote Karte!

    Mit diesen Typen werden die roten und gelben Karten abgeschafft und durch Geldstrafen ersetzt. Dann gewinnt nicht mehr der sportlich Bessere, sondern der Finanzkräftigere.

    Wie lange will die UEFA diesen Mist noch mitmachen? Raus aus der FIFA und eine neue Organisation aufbauen und für diesen korrupten Glatzkopf ewiges Stadionverbot!

  2. Kassandra

    Wie immer kommentiert Gerard Cremer bestens informiert und nachdenklich.. Ein Lehrstück für so manchen Schnellschützen auf OD.

    Zum Thema selbst: Wir leben nicht nur in einer Zeitenwende, sondern in einem Zeitbruch: es darf kaputtgeschlagen werden: die Umwelt, die politische Kultur, Sturmauf freigewählte Parlamente,die Damen Le Pen und Weigel im Aufwind, die medizinische Ethik hemmungslos, die Sexualmoral,, Schwulen- und Lesbenoffensive, Abortus, Leihmutterschaft, Euthanasie, missbrauchende Kleriker, Epstein-Exzesse mit hofierten Promis, Kindermord in der Ukraine und in Gaza, Drogen, Doping , PC-Verführungen bis hin zur Er- und Sie-Schreibung.

    Wer das alles nicht bemerkt und sogar befürwortet, sollte sich nicht wundern, wenn auch der Sport unter die Räder der rücksichtlosen Zerstörer gerät. Trump und Infantino, die der Welt schönste Nebensache, weltweit live straffrei mit Füßen treten, sind nur symbolische Randfiguren von Abstürzen und Untergängen, die sich noch als lebensbedrohend erweisen werden. Wir erleben eine Olympiade der Menschenrechts-Verbrecher. Der Fortschritt geht respektlos nach hinten los. Die Saudis dürfen mit Atomwaffen spielen. Die Bibel, der Koran sowie die Schriften von Dalai Lama, Gandhi und der Aufklärung werden verboten

    Welthistorische Premiere. die Mütter (ihre Hingabe, Güte, und Fürsorge) werden abgeschafft, KI wird sie auf Knopfdruck aussortieren.

    Wir kreisen um den Mond, unten brennen nicht nur die Regenwälder, verseuchen die Meere.. Rette sich wer kann. Unsere Enkel werden die Zeche zahlen: die amüsante Himmelfahrt in den Abgrund,

    • Sparwasser

      Was Sie da aufzählen, ist eher Kindergeburtstag. Hier ein kleiner Auszug, was die richtigen Gräueltäter im Verlauf ihrer Herrschaft angerichtet haben:
      Adolf Hitler: Der Inbegriff des Bösen im 20. Jahrhundert
      Joseph Stalin: Gewalt, Terror und politische Säuberungen
      Pol Pot und die Roten Khmer: Genozid im Kasten der Ideologie
      Genghis Khan: Massentötungen in der Frühgeschichte
      Mao Zedong: Hat mehrere Dutzend Millionen auf dem Gewissen

      Wenn man sich diese Auswüchse von Gewalt und Willkür vor Augen führt, geht es heutzutage doch relativ gesittet zu.

      • Göhlwasser

        @Sparwasser
        Kann es sein, dass Ihre Wahrnehmung der Geschichte der Gräueltaten und Massenmörder bei Hitler aufgehört hat?
        In jüngerer Geschichte gibts viele gleichwertige Beispiele. Der Mensch lernt nicht dazu

  3. Punkt 12

    @kassandra und Sparwasser,
    so dramatisch es sich liest, es ist die Wahrheit die sie schreiben. Niemand sollte vergessen das alle großen Kuluturen si h eines Tages selbst vernichtet haben,wir sind auf dem besten Weg dahin.
    Was unsere Enkelkinder vorfinden werden, möchte man gar nicht wissen.

  4. Der Alte

    Kinders, Kinders, jetzt aufregen, dass das große Geld den Profisport beherrscht! Schauen Sie sich die Ablösesummen und Gehälter an. Bedenken Sie, dass eine privatwirtschaftliche Firma den Tour de France, das Radsportereignis überhaupt, organisiert (sicherlich nicht für einen Gotteslohn) und die Etappen so gestalltet, dass dieser oder jener bevorteilt wird (von bizarren Entscheidungen von Rennkommissaren nicht zu sprechen). Tennis = Unsummen, Golf, Basketball ebenso.

  5. Kassandra

    Sparwassers Liste der Massenmörder ist schon richtig, doch ist der Krausack Trump nur eine leider gesellschaftsfähig geworden Fortsetzung mit anderen Mitteln: Nieder mit Kulturerbe und Humanität., Fußtritte gegen Freiheit, Menschenwürde und Toleranz. Freie Fahrt für Zerstörung.

    Ein Beispiel, das alles sagt: der katholische Papst kritisiert, dass Trump drohte den muslimischen Iran „in Asche“ zu legen. Trump lässt von KI eine widerliche Jesus-Karrikarur weltweit verbreiten.

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