Es sollte ein Tag des Gedenkens an eine der schlimmsten Bergbaukatastrophen Europas werden. 70 Jahre nach dem Unglück im Kohlebergwerk Bois du Cazier in Marcinelle erinnerten Belgien und Italien am Samstag an die 262 Bergleute, die am 8. August 1956 bei einem Brand unter Tage ums Leben kamen. Doch während der offiziellen Gedenkfeier kam es zu einem politischen Eklat.
Als der italienische Senatspräsident Ignazio La Russa das Wort ergriff, drehten ihm anwesende belgische Gewerkschafter demonstrativ den Rücken zu. Die Szene sorgte in Italien umgehend für Empörung. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bezeichnete den Protest als eine „schwerwiegende und beschämende Geste“. Ausgerechnet bei einer Gedenkfeier für die Opfer von Marcinelle, so die italienische Regierungschefin, hätten politische Auseinandersetzungen keinen Platz.
La Russa ist einer der führenden Vertreter der Regierungspartei Fratelli d’Italia, die von ihren politischen Gegnern und Teilen der belgischen Gewerkschaftsbewegung als rechtsextrem beziehungsweise postfaschistisch eingeordnet wird. Die Partei selbst weist die Bezeichnung „faschistisch“ zurück und versteht sich als konservativ-national.

Zwei Fördertürme in Le Bois de Cazier bei Charleroi. Die mittlerweile stillgelegte Grube erlebte im August 1956 einen der tragischsten Unfälle der europäischen Bergbaugeschichte. Die traurige Bilanz: 262 Tote. Foto: Shutterstock
Für zusätzliche Brisanz sorgte, dass La Russa während seiner Ansprache auch eine Botschaft des italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella verlas. Mattarella hatte in seinen Botschaften zum Gedenken an Marcinelle stets die italienischen Opfer, die Würde der Arbeit und die Sicherheit am Arbeitsplatz hervorgehoben. Unter den 262 Toten des Jahres 1956 waren 136 Italiener. Für Italien ist Marcinelle deshalb bis heute ein zentraler Erinnerungsort an die Geschichte der italienischen Arbeitsmigration.
Die belgische Gewerkschaft FGTB übernahm nach der Veranstaltung die Verantwortung für den Protest. Nach Angaben ihres regionalen Sekretärs für Charleroi, Vincent Pestieau, hätten sich die Gewerkschafter bewusst umgedreht, um gegen die politische Präsenz von La Russa beziehungsweise von Fratelli d’Italia zu protestieren. Es habe sich um eine antifaschistische Aktion gehandelt. Der Protest habe sich nicht gegen Mattarella und auch nicht gegen das Gedenken an die Opfer gerichtet, sondern gegen die Anwesenheit eines Vertreters einer Partei, die die Gewerkschaft politisch entschieden ablehnt.
Der Streit zeigt, wie politisch aufgeladen die Erinnerung an Marcinelle auch sieben Jahrzehnte nach der Katastrophe geblieben ist. Das Unglück ist nicht nur Teil der belgischen Industriegeschichte, sondern eng mit der Geschichte der italienischen Migration nach Belgien verbunden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg benötigte Belgien dringend Arbeitskräfte für seine Kohlebergwerke. Italien wiederum litt unter hoher Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Not. Das 1946 geschlossene belgisch-italienische Abkommen „Mensch gegen Kohle“ führte dazu, dass Zehntausende Italiener in die belgischen Kohlereviere kamen. Viele von ihnen arbeiteten unter schwierigen und gefährlichen Bedingungen tief unter Tage.

09.10.1956, Belgien, Marcinelle: Sanitäter der belgischen Armee transportieren einen der geborgenen Toten ab. Die schwerste Bergwerkskatastrophe, die seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Belgien heimgesucht hat, ereignete sich in der Zeche „Bois du Cazier“ in Marcinelle im Hennegau. Foto: picture alliance / dpa
Am 8. August 1956 wurde diese Geschichte auf tragische Weise sichtbar. Beim Einfahren eines Förderwagens kam es in rund 975 Metern Tiefe zu einer Verkettung technischer Fehler. Ein nicht vollständig eingefahrener Wagen blieb hängen, beschädigte eine Ölleitung und elektrische Leitungen und löste einen Brand aus. Feuer und Rauch breiteten sich in den unterirdischen Stollen aus. Das austretende Kohlenmonoxid wurde für zahlreiche Bergleute zur tödlichen Gefahr. Rettungsmannschaften kämpften tagelang unter schwierigsten Bedingungen um das Leben der Eingeschlossenen. Doch am Ende konnten nur 13 der 275 eingefahrenen Bergleute lebend gerettet werden.
Am 23. August 1956 erreichten die Rettungskräfte die Gewissheit, dass sich in den Tiefen des Bergwerks keine Überlebenden mehr befanden. Einer der Retter soll die entscheidenden Worte „Tutti cadaveri“ – „alle tot“ – nach oben übermittelt haben.
Die Katastrophe löste in Belgien eine enorme Erschütterung aus und führte zu einer intensiven Debatte über die Sicherheit im Bergbau und die Arbeitsbedingungen der Bergleute. Marcinelle wurde zum Symbol für die Risiken einer Industrie, in der der wirtschaftliche Druck auf die Kohleproduktion lange Zeit schwer wog. Zugleich wurde das Unglück zu einem Symbol der europäischen Migration. Die Männer, die in den belgischen Bergwerken arbeiteten, stammten aus zwölf Nationen. Die große Zahl italienischer Opfer machte die Katastrophe in Italien zu einem Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der Nachkriegsgeneration. (cré/dpa)