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Todesfahrt von Strépy – In Mons beginnt ein Mammutprozess – Angeklagter rast mit 174 km/h in eine Gruppe von Karnevalisten

23.04.2026, Belgien. Mons: Die beiden Angeklagten Antonio Falzone und Paolo Falzone (im Hintergrund) und ihre Anwälte (im Vordergrund) bei der Zusammensetzung der Geschworenenjury am 23. April 2026. Foto: Belga

Am heutigen Montag beginnt vor dem Schwurgericht in Mons der Assisenprozess gegen Paolo Falzone. Im Zentrum steht die Tragödie von Strépy-Bracquegnies, wo vor rund vier Jahren der Angeklagte in seinem Auto mit extrem hoher Geschwindigkeit in eine Gruppe von Karnevalsteilnehmern raste.

Es war ein Unfall, der eine ganze Region erschütterte. Am 20. März 2022, als eine Gruppe von „Gilles“ anlässlich des Karnevals von Strépy-Bracquegnies die Straßen säuberte, raste ein schwarzer BMW in die Menschenmenge. Die Bilanz ist erschütternd: 6 Tote und fast 40 Verletzte. Ein siebtes Opfer starb zwei Jahre später.

Heute, vier Jahre nach den Ereignissen, beginnt der Prozess vor dem Schwurgericht in Mons. Ein Prozess, der schon jetzt außergewöhnlich ist. Mehr als 200 Zivilparteien, Dutzende von Anwälten und eine starke Medienpräsenz – und im Mittelpunkt 12 Geschworene. Sieben Männer und fünf Frauen, die über eine Frage entscheiden müssen: Hatte Paolo Falzone, der Fahrer des BMW, die Absicht, Menschen zu töten?

20.03.2022, Belgien, La Louvière: Einsatzkräfte treffen am Unglücksort in Strépy-Bracquegnies ein. Foto: Nicolas Maeterlinck/BELGA/dpa

– Paolo Falzone, ein Geschwindigkeitsfan: Im Mittelpunkt des Falles steht Paolo Falzone. Der 34-Jährige stammt aus der Region. Schnell zeichnen die Ermittler das Bild eines Geschwindigkeitsfanatikers. Er postete regelmäßig Videos in den sozialen Netzwerken, während er mit überhöhter Geschwindigkeit fuhr. Dem Mann war zudem der Führerschein entzogen worden.

Nach einer Analyse weisen die Ermittler nach, dass der Mann mit 174 km/h auf einer Straße fuhr, auf der jedoch nur 50 km/h erlaubt waren. Laut toxikologischen Untersuchungen stand er nicht unter Alkohol- oder Drogeneinfluss.

– Ein Fahrprofil und ein Fahrverhalten, die zahlreiche Fragen aufwerfen: War sich der Mann bei dieser Geschwindigkeit bewusst, dass er töten könnte? Hatte er die Absicht dazu? Für die Zivilparteien lautet die Antwort ja. Mehrere von ihnen betonen, dass das Auto bei dieser Geschwindigkeit als Waffe angesehen werden kann. Dies würde somit eine Tötungsabsicht begründen und eine Verurteilung wegen Mordes rechtfertigen.

Eine These, die von Paolo Falzones Anwalt widerlegt wird, der seit Beginn der Ermittlungen erklärt, dass sein Mandant niemals die Absicht hatte, jemanden zu töten. Er spricht von Unachtsamkeit und tiefem Bedauern seitens seines Mandanten.

Um diese zentrale Frage zu beantworten, können sich die Geschworenen auf zahlreiche Videos stützen. Denn die gesamte Szene wurde gefilmt. Zunächst von Paolo Falzone selbst. Die Ermittler haben nämlich herausgefunden, dass er sich zum Zeitpunkt des Aufpralls selbst filmte. Weitere Videos werden im Prozess ebenfalls gezeigt, darunter Überwachungsaufnahmen von Häusern in der Umgebung des Unfallortes.

20.03.2022, Belgien, La Louvière: Kanevalisten stehen in Gilles im Stadtzentrum von Strépy-Bracquegnies, vor dem Unglück, bei dem ein Auto in eine Menschengruppe gefahren ist. Foto: Nicolas Maeterlinck/BELGA/dpa

In diesem Fall werden die Anhörung und die Schlussfolgerungen des Sachverständigen entscheidend sein. Dank der Analyse der Bremsspuren, des Bordcomputers des Fahrzeugs und weiterer Elemente kann er sachliche Angaben liefern, auf deren Grundlage sich die Geschworenen eine Meinung bilden müssen. Hinzu kommen die übrigen Ermittlungsergebnisse, die Aussagen der verschiedenen Zeugen, die Vernehmungen des Angeklagten usw.

Auch das Verhalten des Angeklagten nach den ersten Zusammenstößen wird analysiert. Wie hat er sich verhalten? Hat er versucht zu bremsen?

Eine weitere Frage drängt sich ebenfalls auf. Konnte Paolo Falzone, der selbst in Strépy-Bracquegnies wohnt, nicht wissen, dass an diesem Tag der Karneval stattfand? Hat er sich daher bewusst dafür entschieden, mit dieser Geschwindigkeit zu fahren?

– Unterlassene Hilfeleistung: Der Hauptangeklagte ist zwar Paolo Falzone, doch eine weitere Person ist ebenfalls Teil des Verfahrens: Antonino Falzone. Die beiden Männer sind nicht miteinander verwandt.

Antonino Falzone saß am 20. März 2022 auf dem Beifahrersitz. Heute wird ihm vorgeworfen, nach dem Aussteigen aus dem Auto keinen Rettungsdienst gerufen zu haben. Seinem Anwalt zufolge war sein Handy leer.

Eine Aussage, die überraschen mag, wenn man bedenkt, dass sich die Aussagen seines Mandanten in den Vernehmungen geändert haben. Während er zunächst angab, zum Zeitpunkt des Unfalls geschlafen zu haben, erklärte er später, dass er gerade auf sein Handy geschaut habe, als die ersten Aufpralle erfolgten.

Hat er versucht, den Rettungsdienst oder die Polizei zu benachrichtigen, nachdem der BMW zum Stillstand gekommen war? Auch hier müssen sich die Geschworenen auf die objektiven Fakten der Akte sowie auf die Aussagen der verschiedenen Zeugen und Angeklagten stützen. (cre)

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