Topnews

Ausbruch aus dem Alltag: Warum so viele Menschen bei Wind und Wetter am Karnevalszug teilnehmen

Raerener Karnevalszug 2017. Foto: OD

Wer bei eisigem Wind oder strömendem Regen stundenlang am Straßenrand eines Karnevalszuges ausharrt, folgt keinem nüchternen Kosten-Nutzen-Kalkül. Die Gründe liegen tiefer – in sozialen, kulturellen und emotionalen Bedürfnissen, die stärker wirken als Kälte oder Nässe.

Im Kern ist der Karneval ein Gemeinschaftsritual. Menschen sind soziale Wesen; sie suchen Zugehörigkeit und gemeinsame Erfahrungen. Ein Karnevalszug schafft genau das: Tausende stehen dicht beieinander, warten gemeinsam, reagieren gemeinsam, rufen dieselben Narrenrufe, singen dieselben Lieder.

Dieses geteilte Erleben erzeugt ein intensives „Wir-Gefühl“. Sozialpsychologisch betrachtet verstärken gerade widrige Bedingungen den Zusammenhalt. Wer zusammen friert, fühlt sich verbunden. Das Unbequeme wird Teil der kollektiven Erfahrung und damit sinnstiftend.

Rosenmontagszug in Kelmis 2025. Foto: Patrick von Staufenberg

Hinzu kommt die Kraft der Tradition. In vielen Regionen ist der Karneval fest im Jahreslauf verankert. Er gehört zur lokalen Identität, wird von Generation zu Generation weitergegeben. Wer als Kind am Straßenrand stand, möchte später mit den eigenen Kindern oder Enkeln dort stehen. Rituale strukturieren Zeit und stiften Kontinuität. Selbst wenn das Wetter schlecht ist, wird das Ritual nicht infrage gestellt – im Gegenteil: Gerade seine Verlässlichkeit macht seinen Wert aus.

Ein weiterer Beweggrund ist der temporäre Rollenwechsel. Der Karneval erlaubt es, aus gewohnten sozialen Mustern auszubrechen. Hierarchien verlieren an Bedeutung, Alltagsrollen werden spielerisch aufgehoben. Verkleidung, Humor und Satire schaffen einen Raum, in dem Normen gelockert sind. Diese Form der kontrollierten Ausnahme wirkt befreiend. Menschen nehmen äußere Unannehmlichkeiten in Kauf, wenn sie im Gegenzug emotionale Freiheit erleben.

Karnevalszug in St. Vith 2023. Foto: Alfons Henkes

Auch die emotionale Dynamik eines Zuges spielt eine Rolle. Musik, rhythmische Bewegungen, Rufe und Farben erzeugen kollektive Erregung – ein Zustand, den Soziologen als „kollektive Ekstase“ oder „emotionale Ansteckung“ beschreiben. In der Gruppe verstärken sich Gefühle. Freude wird intensiver wahrgenommen, Begeisterung überträgt sich. Körperliche Kälte tritt dabei in den Hintergrund, weil Aufmerksamkeit und Wahrnehmung von der gemeinsamen Emotion gebunden werden.

Schließlich ist da ein Moment des Trotzes. Der Entschluss, sich vom Wetter nicht abhalten zu lassen, wird selbst zum Statement: Wir feiern trotzdem. Dieses Durchhalten schafft Stolz und erzählt eine Geschichte, die man später weitererzählt – nicht vom Regen, sondern vom Erlebnis.

So erklärt sich, warum Menschen bei Wind und Wetter am Karnevalszug teilnehmen: Nicht das äußere Ereignis allein zieht sie an, sondern das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Identität, Ritual, emotionaler Intensität und einem kurzen Ausbruch aus dem Alltag. Der Karneval ist weniger eine Veranstaltung als ein sozialer Raum – und dieser Raum entsteht nur, wenn Menschen bereit sind, ihn gemeinsam zu betreten, selbst bei drei Grad und Nieselregen. (eb)

Zum Thema siehe auch folgenden Artikel auf OD:

Antworten

Impressum Datenschutzerklärung
Desktop Version anfordern