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ARD-„Tatort“: 2017 gab es weniger Leichen und weniger Zuschauer, dafür aber mehr Experimente

Das Logo des ARD-Kultkrimis "Tatort" und ein Absperrband sind am 08.12.2015 in Stuttgart bei der Vorstellung des neuen Teams vom "Tatort-Schwarzwald" auf einem Aufsteller im Rundfunkhaus des SYüdwest-Rundfunks (SWR) zu sehen. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Es gab 2017 zwei „Tatort“-Krimis weniger als im Jahr davor. Die Zahl der Toten ging allerdings noch deutlicher zurück. Das zeigt die Statistik der Expertenseite „Tatort-Fundus“. Und auch bei den Einschaltquoten ging es weiter bergab. Dafür wurde aber mehr experimentiert.

Im Oktober zog der „Tatort“ dieses Jahr besonders viel Aufmerksamkeit auf sich. Erst kam ein Münchner Krimi über die Sexfilmbranche, in dem es recht freizügig unter anderem um die Gruppensex-Praktik Bukkake ging.

Eine Woche nach dem „Porno-Tatort“ folgte dann Dominik Grafs ambitionierter Stuttgarter „RAF-Tatort“, den Experten wie Stefan Aust zu realitätsfern fanden.

Eine Szene aus „Hardcore“: Der „Tatort“-Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) am Set im Gespräch mit den beiden Pornodarstellern (Martin Bruchmann und Sebastian Fischer). Foto: Hagen Keller/BR/Bildarchiv/dpa

Eine weitere Woche später war dann mit dem Bremer Ermittler Stedefreund – also Oliver Mommsen – erstmals ein komplett nackter Kommissar zu sehen. Und schließlich ärgerte oder amüsierte zu Halloween ein Frankfurter Grusel- und Gespensterkrimi die Fans klassischer Sonntagskrimikost.

„Hardcore“, „Der rote Schatten“, „Zurück ins Licht“, „Fürchte dich“: So lauteten die Titel dieser Krimis. Es waren vier von insgesamt 35 neuen „Tatorten“, die bis zum Weimar-Krimi „Der wüste Gobi“ am zweiten Weihnachtsfeiertag im ARD-Programm standen.

Der einzige Team-Neustart 2017, der Anfang Oktober lief, erfuhr dagegen vergleichsweise wenig Beachtung. Ohne den ursprünglich angekündigten und dann wieder abgesprungenen Entertainer Harald Schmidt blieb das neue Schwarzwald-Team des SWR als Nachfolger des Bodensee-„Tatorts“ zunächst recht blass. Die Besetzung der Ermittler Franziska Tobler und Friedemann Berg – die Schauspieler Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner – dürfte aber noch einiges Potenzial haben.

Schlechtester „Tatort“ aller Zeiten

Das Kalenderjahr startete übrigens ohne Neujahrs-„Tatort“. Der ursprünglich für den 1. Januar vorgesehene Dortmunder Krimi „Sturm“, der sich um einen terroristischen Anschlag dreht, wurde verschoben und durch einen „Polizeiruf 110“ ersetzt – mit Rücksicht auf die Opfer des Terroranschlags auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Der Film lief dann Ostermontag.

Alles in allem waren die Fälle beim „Tatort“ wieder vielfältig – was natürlich viele nicht hinderte, sich im Internet über diesen oder jenen zu beschweren. Krimis sind und bleiben halt Geschmackssache.

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Peter Becker (Peter Espeloer) in einer Szene der Ludwigshafener „Tatort“-Folge „Babbeldasch“. Foto: Martin Furch/SWR/dpa

Nach dem absoluten Leichenrekord 2016 hat sich 2017 die Zahl der Leichen fast halbiert – und zwar auf 85. Die Zahl kommt von der Fan-Seite „Tatort-Fundus.de“.

Die „Tatort“-Folge mit den meisten Leichen – nämlich sechs – war demnach der Kiel-Krimi „Borowski und das dunkle Netz“ vom 19. März. Im Jahr 2016 hatte es die Rekord-Leichenzahl von 162 in 37 Filmen gegeben, 2015 waren es 111 Leichen in 40 Krimis. 2014 wurden 150 Tote in 36 Filmen gezählt.

Gute Folgen gab es wieder aus Wien, gelungen waren auch die Fälle aus Berlin wie der Twist-Thriller „Amour fou“ mit einem überraschenden Ende und Jens Harzer als einem Mann, der um seinen Mann trauert.

Für die „Bild“-Zeitung der „schlechteste ‚Tatort’ aller Zeiten“ war dagegen der Dialekt-Krimi „Babbeldasch“ aus Ludwigshafen von Ende Februar, den Axel Ranisch mit Ulrike Folkerts und Laien drehte.

Es war wohl in erster Linie dieser zum Teil improvisierte Film, der ARD-intern eine Debatte über zu gewagte „Tatorte“ auslöste. Volker Herres, der Programmdirektor des Ersten, sagte der „Bild am Sonntag“, Experimente seien ja okay, „solange es nicht in einen Wettlauf der Redaktionen mündet, wer den abgedrehtesten Film produziert“.

“Tatort“ aus Münster mit Traumquote

Der ARD-Koordinator Fernsehfilme, Jörg Schönenborn, teilte Ende Oktober der Deutschen Presse-Agentur mit, es solle künftig nur noch „zweimal im Jahr auch experimentelle Krimis“ geben. Zuvor hatte der „Tatort-Fundus“ über eine Experimentebeschränkung geschrieben.

Der Schauspieler Axel Prahl als Kommissar Frank Thiel steht am 06.12.2017 im Gehege mit Brillenpinguinen im Allwetterzoo in Münster. bei Dreharbeiten für den neuen „Tatort“ aus Münster mit dem Arbeitstitel „Affentheater“. Ein Ausstrahlungstermin steht noch nicht fest. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Die mit Abstand beste Einschaltquote hatten auch 2017 wieder die WDR-Fälle aus Münster. Für den Film „Fangschuss“ mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers wurden am 2. April etwa 14,6 Millionen Zuschauer gemessen. Das war die höchste Zuschauerzahl seit 25 Jahren für einen „Tatort“. Für den anderen Münster-Fall „Gott ist auch nur ein Mensch“ im Herbst wurden dann immerhin noch etwa 13 Millionen gemessen.

Mehr als zehn Millionen Zuschauer holten außerdem zwei Kölner Folgen sowie Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm, deren Krimi „Der Fall Holdt“ rund um die Entführung der Frau eines Bankiers in einer Kleinstadt Anleihen beim echten, sieben Jahre alten Heidenheimer Fall Bögerl machte.

Ansonsten war auffällig, dass die Quoten ziemlich schwankten: Viele Fälle hatten zwar die recht normale Zuschauerzahl von acht bis neun Millionen, es gab jedoch auch Ausreißer nach unten. Der umstrittene „Babbeldasch“ kam zum Beispiel nur auf 6,4 Millionen Zuschauer. Tiefpunkt war der Weimarer Weihnachts-„Tatort“ mit lediglich 5,92 Millionen gemessenen Zuschauern – der laut ARD-Medienforschung schlechtesten Quote seit siebeneinhalb Jahren.

Direkt vor der Sommerpause hatte auch der Kieler Krimi „Borowski und das Fest des Nordens“ lediglich etwa 6,3 Millionen Zuschauer. Es war der letzte Fall der Schauspielerin Sibel Kekilli als Sarah Brandt. An Axel Milbergs Seite spielt bald Almila Bagriacik.

8,91 Millionen im Schnitt

Die durchschnittliche Zuschauerzahl bei den 35 Krimis 2017 lag bei 8,91 Millionen Zuschauern. Die Durchschnittsquote war damit so niedrig wie seit sechs Jahren nicht mehr.

Das Stuttgarter Team profilierte sich neben dem „RAF-Tatort“ noch mit der teuren Folge „Stau“, für die eine Messehalle in Freiburg per Computertechnik zur Stuttgarter Weinsteige verwandelt wurde. Lannert und Bootz ermittelten darin unter Zeitdruck in einem Verkehrsstau.

Beim Dresdner Team gab es im November eine kleine Panne, die kurz vor der Ausstrahlung behoben wurde. Nach einer Vorab-Kritik der „taz“ überarbeitete der MDR den Krimi „Auge um Auge“ nochmal, da sonst erkennbare Pegida-Demonstranten ohne logischen Kontext als Retter eines Rollstuhlfahrers gut weggekommen wären.

Grosz (Franziska Weisz) und Falke (Wotan Wilke Möhring) suchen Paula – Szene des „Tatort: Dunkle Zeit“. Die Folge spielt im Milieu einer rechtspopulistischen Partei im Wahlkampf. Foto: NDR/ARD/dpa

Apropos Dresden: Die Schauspielerin Alwara Höfels steigt dort 2018 als Ermittlerin Henni Sieland aus, ihr Ersatz soll Cornelia Gröschel werden. Der Dresdner Rechtsmediziner Falko Lammert (Peter Trabner) erhielt im Herbst eine Web-Miniserie. „Lammerts Leichen“ ist damit zwar nicht das erste Spin-Off des „Tatorts“ – man denke an „Schimanski“ – aber zumindest der erste Internet-Ableger.

Bei der Sendetermin-Verteilung aufs Jahr fiel auf, dass zum Beispiel die drei Kölner Krimis 2017 alle bis Ende März weggesendet waren. So blieb der 20. Jahrestag des Teams Anfang Oktober ohne Ausstrahlung eines neuen Falls.

Gegen Ende des Jahres waren dann kurz hintereinander zwei Fälle mit Wotan Wilke Möhring und Franziska Weisz zu sehen: In „Böser Boden“ ging es um Fracking und zombie-ähnliche Landbewohner und in „Dunkle Zeit“ um Rechtspopulismus, was dem NDR-Krimi den Spitznamen „AfD-Tatort“ einbrachte. (dpa)

 

3 Antworten auf “ARD-„Tatort“: 2017 gab es weniger Leichen und weniger Zuschauer, dafür aber mehr Experimente”

  1. Zaungast

    Ein paar einfach so aus dem Gedächtnis: Haferkamp, Kress, Odenthal Stöver, Ehrlicher, ja, und auch Schimanski.

    Aber seitdem dessen Masche von allen übernommen wurde und vor allem seit private Probleme und Gestänkere der Kommissare die Überhand über die eigentliche Ermittlungsarbeit gewonnen hat, die Regie durch bloße Hektik glänzen will, ist für mich die Luft raus.

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