Gesellschaft

Die Zeitung per Touch oder Mausklick?

Zeitung lesen mit dem iPad ist für viele noch gewöhnungsbedürftig. Foto: Shutterstock

Die Medienwelt ist mächtig in Bewegung geraten. Die gute alte Tageszeitung hat es immer schwerer, sich zu behaupten: nicht schnell genug, zu teuer… Deshalb setzen immer mehr Verlage auf Digital-Abos. Zudem werden Inhalte, die bisher kostenlos waren, kostenpflichtig. Die Strategie ist riskant, weil nicht sicher ist, dass sich genügend Leser darauf einlassen werden. Denn im Internet gibt es viele (kostenlose) Alternativen. Zu diesem Thema unterhielt sich „Ostbelgien Direkt“ mit Rudolf Wagner, Chefredakteur des Internetportals Belgieninfo.net.

Rudolf Wagner, früher Chef des Brüsseler RTL-TV-Büros und seit 2000 im Ruhestand, gründete Belgieninfo.net vor gut zehn Jahren. Das Portal richtet sich in erster Linie an die in der belgischen Hauptstadt lebenden und arbeitenden Deutschsprachigen.

Allround-Zeitung immer mehr vom Internet überlagert

OD: Herr Wagner, haben Tageszeitungen gegenüber Internetmedien auf Dauer noch eine Chance? Oder ist das Ende von Print Ihrer Ansicht nach vorprogrammiert?

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Gemütlich und in aller Ruhe Zeitung lesen: Viele Menschen haben dazu nicht mehr die Muße und die Zeit… Foto: Shutterstock

Wagner: Es wird weiter Tageszeitungen und Magazine geben, so wie es auch weiterhin Bücher geben wird. Die Printmedien werden sich allerdings weiter umstellen müssen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Nischenprodukte neue Höhenflüge erleben werden. „Le Monde diplomatique“ ist im Internet schwer vorstellbar, ebensowenig wie ein aufwendig gestalteter Bildband im Taschenbuch-Verlag. Die Allround-Zeitung wird allerdings immer weiter vom Internet überlagert und schließlich ersetzt werden. Meldungen, die man schon heute über News-Kanäle aktuell einsehen kann, animieren nicht dazu, morgen die Zeitung mit denselben Inhalten zu kaufen.

Die Voraussetzungen müssen stimmen

OD: Immer mehr Tageszeitungen führen einen Bezahlmodus für ihre Internetdienste ein. Hat dieses Modell Chancen auf Erfolg? Glauben Sie, dass die Leser bereit sind, für redaktionelle Inhalte zu zahlen?

...aber ist für sie das iPad eine gute Alternative? Die Zukunft wird's zeigen. Foto: Shutterstock

…aber ist für sie das iPad eine gute Alternative? Die Zukunft wird’s zeigen. Foto: Shutterstock

Wagner: Wir nehmen zur Kenntnis, dass das Internet nicht umsonst zu haben ist, wie es oft den Anschein hat. Ein Lesegerät ist nicht billig. Der Provider kostet, die Verbindungen beim Up- und  Download kosten ebenfalls, erst recht fern der üblichen eigenen Anbindung an das Netz. Wir suchen uns oft mit hohem zeitlichen Einsatz im Netz kaputt. Zeit ist auch Geld. Auch wenn Google jetzt dazu übergeht, auf der Grundlage bisheriger Suchanfragen eines Internetbesuchers ein „Interessenprofil“ zu erstellen und bei künftigen Fragen entsprechend personalisierte, also verengte Antworten zu liefern, wird deutlich, dass wir objektivierte, redaktionell gestaltete Inhalte brauchen. Wir sollten auch dafür bezahlen. Noch aber sind die Bezahlsysteme zu kompliziert, und manche Verlage glauben, im Internet kräftig abschöpfen zu können. Dabei fallen bei Internetabonnements die Papierkosten weg, die höher sind als die Personalkosten eines Verlages. Ich bin überzeugt: Leser sind bereit, für „Zeitungsangebote“ zu zahlen, wenn die Voraussetzungen stimmen – inhaltlich, kommerziell und technisch. Das ist noch nicht der Fall.

Computer wird zum zentralen Haushaltsgerät

OD: Wie wird die Medienlandschaft in 10 Jahren ausschauen?

Noch sind die Bezahlsysteme für ein Digital-Abo sehr kompliziert. Foto: Shutterstock

Noch sind die Bezahlsysteme für ein Digital-Abo sehr kompliziert. Foto: Shutterstock

Wagner: Auf jeden Fall anders. Der Computer wird zum zentralen Haushaltsgerät, das jeder in Anspruch nimmt. Für die Einkaufsliste, zum Spielen, zur Fernsehunterhaltung, als Musikradio und dann auch irgendwie zur geschriebenen Information. Die meisten heutigen Zeitungsverlage werden sich darauf einstellen müssen, dieses Gerät zu füttern und der Konkurrenz anderer Medienbereiche standzuhalten. Übrigens auch aus Gründen der Mobilität. Warum sollte ein Eupener, der im Ausland arbeitet, auf seine ostbelgischen Lokalmeldungen verzichten? (cre)

Hinweis: Über die Thematik sprach „Ostbelgien Direkt“ auch mit Peter-Stefan Greiner, der ebenfalls seit über 10 Jahren in Thüringen eine Internetzeitung herausgibt, die ausschließlich lokale Nachrichten vermittelt und sehr erfolgreich ist. Das Gespräch mit Greiner veröffentlichen wir zu einem späteren Zeitpunkt.

 

12 Antworten auf “Die Zeitung per Touch oder Mausklick?”

  1. Altweltenaffe

    Ich finde es toll, dass man Zeitungen online lesen kann. Ich weiss auch, dass Reporter … bezahlt werden müssen, aber ich bezahle keine 216 Euro für ein Online-Abo beim Grenzecho, das ist mir definitiv zu teuer! Bei dem Preis müsste man mir schon jeden Tag die gesamte Zeitung als PDF ZUSCHICKEN und dann ist es NOCH recht teuer, ansonsten seh ich nicht wie dieser Preis zu rechtfertigen ist.

  2. Mischutka

    Da muss man dem „Altweltenaffe“ zu 100 % RECHT geben ! Es ist doch
    nicht normal, für TEILE einer Zeitung, im Internet so viel Geld zahlen zu
    müssen, wo man doch DIESELBEN Nachrichten bei anderen Anbietern
    total GRATIS lesen kann. Man denkt da an deutsche Zeitungen, für das
    Weltgeschehen, diverse belgische Zeitungen (und TV Sender im Netz) –
    regional auch kein Problem (dank OBdirekt), aktuelle Wetterberichte usw..
    Und die Sportnachrichten hat man überall im Netz – sogar ZEITGLEICH !
    Wie wäre es denn, wenn man anders überlegt hätte und z.B. neben den
    Berichten, Reportagen usw… noch gleichzeitig Werbung einbauen würde?
    So wie das die anderen machen ? Dann bezahlt sich die Veröffentlichung
    im Netz von selbst. Und : wenn die „Zeitung“ g u t ist, hat man auch viele
    Werbekunden. MfG.

  3. Werner Pelzer

    Zeitungen werden es in Zukunft schon deshalb schwer haben, weil mit der alten Generation auch der Leserkreis immer kleiner wird, weil diese treuen Kunden eines Tages nicht mehr da sind. Die jungen Leute greifen schon längst nicht mehr zur Tageszeitung. Außerdem ist die Welt so schnelllebig geworden, dass die meisten berufstätigen Menschen höchstens nur Zeit für eine kurze Information ist. Ausführliche Beiträge tun die sich kaum noch an.

    • Aequitas&Veritas

      Richtig Herr Pelzer,

      Einer der Gründe warum viele jungen Leute nicht mehr in der Lage sind einen Satz stilistisch einwandfrei zu formulieren. Keine Zeit ?

      Vor vielen Jahren war der Samstag für alle ein normaler Arbeitstag. Vor 17 Uhr gab es keinen Feierabend usw. Trotzdem wurde gelesen.

      Schauen Sie sich die Sender RtL- Sat- Pro 7 usw an Herr Pelzer, dann erleben Sie hautnah wie primitiv die Sprache sich in ihrem sogenannten schnellen Zeitalter entwickelt.

      Vielleicht schrumpft ja auch nur die Gehirnmasse wieder, das würde natürlich den Drang nach kurzer Information erklären.

      • Werner Pelzer

        Nun ja, man kann es so formulieren, muss man aber nicht. Mit jungen Leuten meine ich nicht nur Teenager, sondern auch die, die mit beiden
        Beinen im Leben stehen, also eine Familie ernähren müssen, wobei dies heutzutage Mama und Papa müssen. Es sei dahingestellt, ob einer von beiden für den schnöden Mammon malochen geht. Fakt ist, dass zum Lesen keine Zeit oder Lust bleibt.

      • Allerhand

        Die Zeiten haben sich leider geändert und es wird noch schlimmer.
        Stress, Hektik, Reizüberflutung…
        Die Leute haben für nichts mehr Zeit.

        Selbst die Leute „der alten Schule“ schaffen es nicht mehr, eine kurze E-Mail GANZ durchzulesen, und korrekt zu antworten – Schreibfehler ohne Ende.

        Früher wurde vielleicht stundenmäßig mehr gearbeitet, aber den Stress und Zeitdruck von heute gabs in dieser Form nicht.

    • Werner Pelzer

      Ist alles zu teuer. Eine ganze Zeitung im E-Paper zu lesen ist auf Dauer viel zu anstrengend. Besser wäre es, dem Kunden nur die Inhalte anzubieten, die ihm wirklich interessieren. Das Ganze dann für einen sehr attraktiven Preis. Auf diese Art könnten die Redaktionen dann auch herauskristallisieren, was ihrer Leserschaft wirklich interessiert. Schnell wird sich dann zeigen, dass die wirklichen Interessen der Region gelten, in der man lebt oder zu der man sich zugehörig fühlt.

  4. Schade Schade

    Ich lese beides, wenn eine Zeitung sich 100% abhängig macht von Werbung ist sie manipulierbar, ich bin froh das GE als Papier zu haben ist und auf Reisen in E Form, zusätzlich Le Soir in Kurzform und OBD.
    Den Stern lese ich Zuhause in Papier und unterwegs in EForm, dort sieht man wo die Zeitung hin kommt.
    Dieser Geiz ist Geil, wird soweit kommen das irgendwann der Zusammenbruch kommt und die die heute sich alles schnorren werden dann laut schreien!! Und Fragen wie kommt das denn!!

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