Borussia Mönchengladbach steckt tief in der Krise. Sechs Spiele, sechs Niederlagen, null Punkte: Die einst ruhmreiche Fohlenelf erlebt einen Saisonstart zum Vergessen. Auch der Trainerwechsel hat bislang keine Wende gebracht.
Für die zahlreichen Gladbach-Fans in Ostbelgien ist der Niedergang ihres Lieblingsvereins besonders schmerzhaft. Sie erinnern sich an eine Borussia, die einst den deutschen Fußball prägte und dem FC Bayern auf Augenhöhe begegnete. Nun wächst die Sorge, dass der Traditionsklub vor einer noch schwierigeren Zukunft steht.
Die Erinnerungen an die glorreichen 1970er Jahre sind lebendig. Mit Günter Netzer, Jupp Heynckes und Berti Vogts gewann Gladbach fünf deutsche Meisterschaften und zweimal den UEFA-Cup. Die Fohlenelf begeisterte mit offensivem Fußball und gehörte zu den großen Mannschaften Europas.

18.10.2026, Nordrhein-Westfalen, Mönchengladbach: Trainer Alexander Blessin (Borussia Mönchengladbach) vor dem Spiel gegen Hoffenheim. Foto: Fabian Strauch/dpa
Von dieser Strahlkraft ist heute wenig geblieben. Zwar konnte sich der Verein zwischenzeitlich wieder international etablieren, doch zuletzt bestimmten sportliche Rückschläge, wechselhafte Leistungen und Trainerwechsel das Bild.
Wie tief die Verunsicherung inzwischen sitzt, zeigte sich nach der jüngsten 1:2-Niederlage gegen die TSG Hoffenheim. Zur Halbzeit hallten Pfiffe und „Wir wollen euch kämpfen sehen“-Rufe durch den Borussia-Park. Nach dem Schlusspfiff herrschte in Teilen der Nordkurve betretenes Schweigen.
Trainer Alexander Blessin (früher KV Ostende und Union Saint-Gilloise) fand deutliche Worte für den Auftritt seiner Mannschaft und sprach von „Angsthasenfußball“. Zu viele Pässe gingen nach hinten, Zweikämpfe wurden nicht konsequent genug geführt, und im Spiel fehlten Tempo und Überzeugung.

28.07.1970, Nordrhein-Westfalen, Mönchengladbach: Der deutsche Fußballmeister Borussia Mönchengladbach präsentiert am 27.7.1970 im heimischen Bökelbergstadion die Mannschaft, die den ersten gewonnenen Titel in der Saison 1970/71 verteidigen soll. Stehend (vl.): Trainer Hennes Weisweiler, Klaus-Peter Sieloff, Peter Dietrich, Ludwig Müller, Ulrich Lefevre, Herbert Wimmer, Jupp Heynckes, Jürgen Wloke, Rainer Bonhof, Herbert Laumen, Co-Trainer Rudolf Schlott; Sitzend (vl.): Hartwig Bleidick, Horst Köppel, Berti Vogts, Wolfgang Kleff, Bernd Schrage, Werner Adler, Günter Netzer, Heinz Wittmann. Foto: -/dpa
Mit sechs Niederlagen zum Saisonauftakt hat Gladbach einen historischen Bundesliga-Negativrekord eingestellt. Bislang waren nur Fortuna Düsseldorf 1991/92, Mainz 05 2020/21 und der VfL Bochum 2022/23 ebenso schlecht gestartet.
Noch nie verlor eine Mannschaft ihre ersten sieben Saisonspiele. Am Freitag wartet mit dem VfB Stuttgart eine schwierige Auswärtsaufgabe. Eine weitere Niederlage würde die Borussia zum alleinigen Negativrekordhalter machen.
Die sportliche Misere lässt sich allerdings nicht allein mit fehlendem Selbstvertrauen erklären. Defensive Fehler, mangelnde Durchschlagskraft und Verletzungsprobleme setzen der Mannschaft zu. Zugleich stellt sich die Frage, ob Kaderplanung und sportliche Ausrichtung den Ansprüchen des Vereins noch gerecht werden.
Der Trainerwechsel sollte neue Impulse bringen, doch bereits nach zwei Spielen unter Blessin ist vom erhofften Trainereffekt wenig zu spüren. Sportchef Rouven Schröder räumte ein, dass die punktlose Serie etwas mit der Mannschaft mache. Das „Kopfkino“, wie er es nannte, dürfte mit jeder weiteren Niederlage größer werden.
Die Gefahr besteht darin, dass sich die Borussia in einer Abwärtsspirale verfängt. Wenn eine Mannschaft Woche für Woche verliert, wachsen Zweifel und Nervosität. Selbst einfache Aktionen werden zum Risiko, Fehler häufen sich, und der Druck nimmt zu. Umso wichtiger wäre ein Erfolgserlebnis, das den Spielern wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gibt. Doch dafür muss Gladbach nicht nur kämpferisch auftreten, sondern auch spielerisch Lösungen finden.

01.08.2025, Nordrhein-Westfalen, Mönchengladbach: Vereinslegenden Rocco Reitz (l-r), Tony Jantschke, Winfried Schäfer, Lothar Matthäus, Rainer Bonhof, Günter Netzer, Berti Vogts, Herbert Wimmer und OB Mönchengladbach OB Felix Heinrichs (SPD) stehen vor dem gerade enthüllten Fohlendenkmal anlässlich der 125-Jahr-Feier des Fussballbundesligisten Borussia Mönchengladbach. Foto: Roberto Pfeil/dpa
Für die Fans in Ostbelgien bleibt die Situation vor allem eine emotionale Belastung. Viele halten der Borussia seit Jahrzehnten die Treue und verbinden mit ihr Erinnerungen an große Europapokalabende und legendäre Duelle mit Bayern München. Heute müssen sie erleben, wie ihr Verein um die ersten Punkte kämpft und selbst gegen direkte Konkurrenten kaum Sicherheit ausstrahlt. Die glorreiche Vergangenheit bleibt Teil der Identität, kann aber die Gegenwart nicht retten.
Noch ist die Saison lang. Doch Gladbach muss rasch reagieren, damit aus dem Fehlstart kein historischer Absturz wird. Die Borussia steht vor einer Bewährungsprobe, bei der nicht nur der Trainer, sondern der gesamte Verein gefordert ist. Für die Fans am Niederrhein und in Ostbelgien zählt vorerst nur eines: dass auf die vielen Worte endlich wieder Punkte folgen. (cre/dpa)