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Meinungsforschung in der Krise: Was sind Umfragen noch wert?

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Im Superwahljahr 2017 mit Wahlen in den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien und Deutschland jagt eine Meinungsumfrage die andere. Dabei haben nicht erst das „Brexit“-Referendum im Vereinigten Königreich und die Wahl des neuen Präsidenten der USA gezeigt, dass die angeblich repräsentativen Meinungsumfragen so repräsentativ gar nicht sind, weil sie nur noch ganz selten bei ihren Ergebnissen richtig liegen.

Die Demoskopie steckt in der Krise. Viele Medien beschäftigen sich neuerdings mit dem Thema. Auch bei der Landtagswahl im Saarland lagen die Meinungsforscher am Ende ziemlich daneben.

Die klassische Meinungsumfrage wird per Telefon gemacht. Weil aber immer mehr Bürger auf einen Festnetz-Anschluss verzichten, erreichen die Meinungsforscher auch immer weniger Menschen, die auf ein repräsentatives Meinungsbild schließen lassen.

Das größte Problem bei den Umfragen, die per Telefon gemacht werden, ist in der Tat, dass man ganze Bevölkerungsschichten, insbesondere Jugendliche, auf diese Weise nicht mehr erreicht.

Die klassische Meinungsumfrage wird am Telefon gemacht, jedoch sind immer weniger Menschen über einen Festnetz-Anschluss erreichbar. Foto: Shutterstock

Junge Leute haben in der Regel keinen Festnetz-Anschluss. Falls sie nicht gerade zufällig zu Hause sind, wenn ein Meinungsforscher im Auftrag eines Instituts für Demoskopie anruft, bleiben sie außen vor.

„Es ist ganz schön lädiert, das Image der Meinungsforscher“, schrieb die renommierte deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“: „Trump und Brexit nicht vorhergesagt, die AfD lange unterschätzt – weil die Demoskopen 2016 wiederholt daneben lagen, steht ihr Handwerk plötzlich da wie Kaffeesatzleserei. Vorhersagen mögen als Gesprächsstoff taugen, aber kann man ihnen noch trauen?“

Qualität 1947 besser als jetzt?

Elisabeth Noelle-Neumann, die 2010 verstorbene Grande Dame der Demoskopie in Deutschland und Gründerin des Allensbach-Instituts, sagte schon vor vielen Jahren zum Thema Meinungsforschung:

„In vielerlei Hinsicht war die Qualität der Demoskopie 1947 besser als jetzt. Erstens werden Umfragen heute statt nachhaltig zu oberflächlich und billig produziert, weil die Auftraggeber den Unterhaltungswert erkannt haben und die Umfrageunternehmen gewinnorientiert statt fundiert arbeiten. Weder bei Emnid noch bei forsa gibt es einen Mitarbeiter, der einen Vortrag an der Universität halten könnte. Und zweitens macht sich in der Demoskopie immer mehr eine politische Orientierung bemerkbar – deshalb weichen die Ergebnisse der Wahlprognosen immer häufiger so grotesk voneinander ab.“

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Der Belgische Rundfunk (BRF) hat übrigens auch in diesem Jahr das Institut forsa mit einer Umfrage beauftragt, die der Sender am Donnerstag vorstellen will, diesmal sogar in Form einer größeren Pressekonferenz, was vermuten lässt, dass die Ergebnisse für den BRF zufriedenstellend sind.

Neben Direktor Toni Wimmer, Chefredakteur Rudi Schroeder und Programmchef Olivier Krickel wird auch der Geschäftsführer von forsa, Prof. Manfred Güllner, anwesend sein.

Damit wären wir bei einem anderen Problem, das sich in Bezug auf die Situation der Meinungsforschung im Allgemeinen stellt: Umfragen dienen heutzutage mehr zu Marketingzwecken als zur Qualitätssteigerung, weswegen sie eigentlich in Auftrag gegeben wurden. (cre)

  1. Wellen Salat

    Hat jetzt der BRF auch die Pressekonferenz-Seuche? Für nichts und wieder nichts wird hier in Ostbelgien und für alles immer wieder eine Pressekonferenz organisiert und abgehalten. Können die Leute denn anders nichts, d h richtig arbeiten!? Armseelig sowas! Und dann das auch noch sich vom Steuerzahler bezahlen lassen? Die sollten sich mal drum bemühen sich selber zu tragen! Von wegen uns hier über Zweihundert Millionen alte Frs abzocken. Ist ja die Höhe! Und dann diese Qualität. Steht in keinstem Verhältnis zueinander! Muss das so sein? Dann habe ich auch gut Pressekonferenzen abhalten.

  2. Was auch ein Grund für die Ungenauigkeit von Umfragen ist: Nicht jeder, der für eine Umfrage befragt wird, sagt auch das, was er wirklich denkt. Vor der Wahl in den USA haben viele nicht zugeben wollen, dass sie für Trump stimmen werden, haben am Wahltag trotzdem für Trump gestimmt. Auch in Deutschland gesteht mancher nicht, dass er die AfD wählt, erst gar nicht, wenn er mit einem Höcke oder einem anderen Nazi sympathisiert.

  3. Fragesteller

    Die DG hält ja sehr viel von Umfragen und beauftragt hierfür das Meinungsforschungsinstitut aus Berlin (wegen europäischer Ausschreibungen). Da diese den Normen des Lastenhefts genügen sind diese korrekt. Jedoch werde die zu fragenden Fragen vorab mit dem Auftraggeber abgesprochen.
    Ob eine Umfrage jedoch aussagekräftig ist hängt von vielen Faktoren ab :
    – wieviel Personen werden befragt (umso mehr umso aussagekräftiger);
    – wurde das Thema vorab einseitig von der Presse in eine Richtung gesteuert (so z.Bsp. bei Stopp Tihange – Berichterstattung des WDR);
    – die Art der Fragestellung so kann man betreffend der Zufriedenheit der Lebenssituation folgendes fragen: Sind sie mit ihrer Lebenssituation zufrieden oder man fragt Sind sie mit ihrer Lebensituation NICHT zufrieden. So neigen die Menschen eher Fragen zu bejahen als zu verneinen da beim zweiten Fall oft eine Zusatzfrage des Warum folgt.;
    – auch ob man auf dem Land oder in der Stadt lebt kann eine Rolle spielen. So sind Leute in der Stadt eher für ein striktes Alkoholverbot im Strassenverkehr da ja dort genügend Alternativen zur Verfügung stehen (alternative Verkehrsmittel sind dort zur genüge vorhanden und bezahlbar).

  4. Umfragen sind heutzutage vor allem ein Mittel zum Zweck. Das gilt vor allem für den BRF, der mit Steuergeldern Umfragen bestellt, um sich selbst zu bestätigen, anstatt sich mal in Frage zu stellen.

  5. Eswareinmal

    Klar doch, dass nach Darstellung der BRF-Troika wieder mal 99,9 % der Ostbelgier den BRF gaaaaaaanz toll finden. Wie viele der 100% Befragten die Fragestellung der forsa-Leute überhaupt verstanden haben, das sei dann mal dahin gestellt. Ist wirklich gut angelegtes öffentliches Geld, so eine Umfrage! Kann Ostblegien direkt vielleicht für uns in Erfahrung bringen, wie viel der BRF dafür ausgibt?

  6. Mischutka

    Umfragen sind in der heutigen Zeit, schon wegen der verfügbaren Technik, gar nichts mehr wert. Selbst erlebt : Da bekommste ein paar Fragen gestellt, du antwortest, die schreiben dann auf was sie wollen. Genau so bei Telefon-Umfragen. Wahrscheinlich bin ich wohl nicht der einzige, der vor ca.1 Monat im Internet gelesen hat (große deutsche Tageszeitung) wie man da trickst. Jeder von uns kann eine solche „Umfrage“ machen. „Hat dir das Fußballspiel gefallen ?“ – Man fragt z.B. 1000 Leute. Man zählt dann nur die Befragten, welche die „passende“ Antwort gegeben haben….. So einfach geht das.
    Bei Umfragen hier auf OBdirekt (oder in der „Bild“-Zeitung) kann man nicht 2 x antworten : denn die Fragen erscheinen nur 1 x – dann immer nur das laufende Ergebnis. Es waren aber auch schon Umfragen im Netz, da konnte jeder sooft antworten wie er wollte ……
    MfG.

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