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Frankreich vor Präsidentschaftswahl: Gewinnt der Linkspopulist Mélenchon gegen die Rechtspopulistin Le Pen?

Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon, Kandidat der Partei "La France Insoumise" (Unbeugsames Frankreich). Foto: Shutterstock

Nach dem Referendum in der Türkei blickt Europa in dieser Woche auf Frankreich, wo am Sonntag – nach einem schier unendlich langen Wahlkampf – die erste Runde der Wahl eines neuen Präsidenten stattfindet. Der Kampf um den Elysée-Palast verspricht spannend zu werden.

Nach dem Erfolg von Rechtspopulisten beim Brexit-Referendum in Großbritannien und vor allem bei der Wahl des US-Präsidenten könnte der Rechtspopulismus in Frankreich mit Front-National-Chefin Marine Le Pen einen weiteres politisches Beben auslösen.

Vielleicht aber gewinnt nicht die Rechtspopulistin Marine Le Pen die Wahl, sondern der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon.

Mélenchon tritt bei der Präsidentschaftswahl am 23. April für die linke Partei „La France Insoumise“ (Unbeugsames Frankreich) an. In den vergangenen Wochen ist er spektakulär in den Umfragen gestiegen. Plötzlich scheint es möglich, dass er es in die Stichwahl schafft.

Ergebnis einer Umfrage von Ipsos-Le Monde. (Zum Vergrößern Bild anklicken).

Mélenchons Gegner sind neben Le Pen der Konservative François Fillon und der Liberale Emmanuel Macron.

Bis vor Kurzem hatte kaum jemand Mélenchon auf seinem Zettel, wenn Prognosen für die Wahl abgegeben wurden. Selbst der offizielle Kandidat der französischen Linken, Benoît Hamon, schonte Mélenchon – in der Hoffnung, dessen Unterstützung im Fall seiner Beteiligung an der Stichwahl am 7. Mai zu gewinnen.

Inzwischen liegt aber Hamon in den Umfragen chancenlos weit hinten, plötzlich wird Mélenchon als ernstzunehmender Kontrahent wahrgenommen. Mélenchon hat in einigen Umfragen Fillon bereits überholt, und Le Pen und Macron liegen nur 2 bis 3 Prozentpunkte vor ihm.

„Armut und Desaster“

Mélenchon sei ein schlimmer Kommunist, sagt Fillon. Einer, der die „Massenmigration“ nach Frankreich holen wolle, sagt Le Pen. Und Arbeitgeber-Präsident Pierre Gattaz wirft ihm vor, „Armut und Desaster“ nach Frankreich zu bringen.

In Wirklichkeit braucht Mélenchon die Armut nicht nach Frankreich zu bringen, denn die Armut gibt es längst in diesem einst so großen und schönen Land. Und Jean-Luc Mélenchon ist für die Populisten eine echte Alternative zu Marine Le Pen geworden.

Die 5 Topkandidaten (von links): François Fillon, Emmanuel Macron, Jean-Luc Mélenchon, Marine Le Pen und Benoît Hamon. Foto: epa

In einer Umfrage (es gibt deren viele in Frankreich) liegt Mélenchon sogar vor Le Pen auf dem 2. Platz. Demnach würde es in der Stichwahl zu einem Duell zwischen Emmanuel Macron und Jean-Luc Mélenchon kommen. Le Pen wäre schon am Abend des 23. April draußen.

Der Kandidat von „La France Insoumise“ konnte vor allem in den beiden Fernsehdebatten durch seine Rhetorik überzeugen. Seitdem geht es in den Umfragen für ihn bergauf.

„Wenn Mélenchon auftritt“, schrieb ein Reporter der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“, „kommen Zehntausende in die Hallen – und einige Tausende stehen vor Großleinwänden davor Schlange. Er spricht dann oft zwei Stunden ohne jede Notiz. Die Fans klatschen und trampeln.“

Mélenchon lässt keine Gelegenheit verstreichen, auf die wirtschaftliche und europäische Politik von Angela Merkel zu schimpfen. Er spricht vom „deutschen Gift“. Deutschland unterjoche andere europäische Länder mit seiner neoliberalen Politik. Mélenchon will auch aus der NATO aussteigen.

Im Trend liegt der Linkspopulismus auch in Belgien, wie jüngste Umfragen zeigen. In der Wallonie hat der Parti du Travail de Belgique (PTB) von Raoul Hedebouw bereits die PS überholt. Tendenz weiter steigend. (cre)

Zum Thema siehe auch folgenden Artikel auf OD:

HINWEIS – Wer die letzte Wahlkampf-Woche vor der ersten Runde in Frankreich intensiv miterleben möchte, dem empfehlen wir die vom TV-Sender LCI („La Chaîne Info“) ausgestrahlte Sendung „24 heures en question“ täglich um 18.10 Uhr (Wiederholung um 22.10 Uhr).

  1. Johann Klos

    Für den „kleinen Mann“ wäre ein Sieg von Melenchon die bessere Option. Für “ alle/s Andere “ – wie überall nachlesbar -, wãre das schlimmer, als ein auf Menschen übertragbarer Vogelgrippevirus.

    • Marsupilami

      Was genau ist eigentlich dieser so oft zitierte „kleine Mann“??? Sind das immer die Anderen, oder Leute die mehr Geld haben als ich? Diese „kleinen Leute“ werden so inflationär als Argument ins Feld geführt das ich das immer weniger verstehe, insbesondere, wenn superreiche Wahlkämpfer wie Trump oder Lügner wie Farage oder Le Pen sich auf die kleinen Leute berufen… besonders Le Pen und Farage sind sich bei aller Anti-EU Rhetorik ja keineswegs zu Schade ein EU-Abgeordnetengehalt einzustecken

      • Der kleine Mann

        Der sogenannte “ kleine Mann “ ist derjenige der immer dann wenn man ihn mal braucht den Schwanz einzieht mit der Begründung – die da oben machen sowieso was sie wollen.

    • Kerstges Angela

      Sah vorige Tage im TV ein „Le Pen“- Interview, war keineswegs beabsichtigt, doch relativ interessant. Kurze Bewertung meinerseits. zu 65 Prozent gebe ich dieser „Dame“ recht, es müssen Änderungen herr, sicher nicht so streng wie LE PEN es machen möchte.

  2. Die unzufriedenen französischen Wähler haben festgestellt, dass eine Stimme für Marine Le Pen nichts oder nur Unheil bringt. In den USA sind viele Trump-Wähler überzeugt, dass Trump nicht die Lösung ist. Die unzufriedenen Franzosen wollen aber auf keinen Fall einem Kandidaten ihre Stimme geben, mit dessen Wahl sich nichts ändert. Macron wäre so ein Kandidat. Deshalb kommt jetzt Mélenchon für unzufriedene Protestwähler ins Spiel.

  3. Die Franzosen haben ein Problem mit ihrem Gesellschaftsmodell. 35 h Woche per Gesetz, Frühpensionierung, Sozialleistungen und eine Mentalität in der Streiks und eine lange Mittagspause fest verankert sind. Damit ist das Land nicht zukunftsfähig, daran ändert weder Le Pen noch der Papst irgend etwas. Es dauert eben länger ehe sich unangenehme Wahrheiten durchfressen und die Gesetze der Ökonomie kann kein Populist ausser Kraft setzen. Dauert eben seine Zeit….

    • Marsupilami

      @DAX
      100% Zustimmung! Ich hatte selbst einen Mitarbeiter in Frankreich und es wurde mit der Zeit schlicht unerträglich diese generelle Einstellung in meine Truppe zu integrieren. Das fing schon damit an wenn wegen dauernder Streiks in Paris keine Kunden besucht werden konnten. Sie treffen den Nagel auf den Kopf: nicht zukunftsfähig

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